Als der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann 1964 mit dem Büchnerpreis die höchste Auszeichnung für Schriftsteller in der Bundesrepublik zuteil wird, hält sie eine Rede, die mit denen ihrer Vorgänger und den formalen Merkmalen einer Dankesrede überhaupt kaum etwas gemein hat. Statt hellen Dankesworten entwirft sie das düstere Bild einer verrückt gewordenen Welt. „Der Wahnsinn“, so erklärt Bachmann in der Rede, „kann auch von außen kommen, auf den Einzelnen zu.“ Für die Schriftstellerin lautet die Diagnose: Die Welt ist krank. Der Wahnsinnige ist nur derjenige, an dessen Körper die Krankheit symptomatisch wird.
Dieses Gewaltsame der Welt darzustellen: Auf diesen poetischen Brennpunkt konzentriert sich Bachmanns Schaffen. Unter dem Titel „Wir müssen wahre Sätze finden“ ist nun eine Auswahl von Interviews dieser großen Schriftstellerin in gedruckter Fassung erschienen. Die Eigenwilligkeit dieser Ausnahmeautorin schlägt sich auch in den Gesprächen nieder.
Das namenlose Ich wird wahnsinnig
1926 in Klagenfurt geboren, trat Bachmann zunächst als Lyrikerin in Erscheinung. In ihren Werken forschte sie den Ursprüngen des Faschismus nach und fand diese in den privaten Beziehungen. Bereits ihnen sei das Gewaltsame eingeschrieben, bereits in ihnen werde „gemordet“.
Diese Idee stand auch im Zentrum des Romankompendiums, das Bachmann über viele Jahre unter dem Arbeitstitel „Todesarten“ entwickelte. Fertiggestellt wurde daraus nur ein einziger Roman: „Malina“. In diesem folgte Bachmann einem namenlosen Ich – und den von diesem Ich nicht abgrenzbaren männlichen Doppelgängern Malina und Ivan. Auch dieses Ich wird wahnsinnig über ihre Beziehung zu den beiden Männern, zunehmend löst es sich auf. Am Ende bleibt von dem Ich nur ein Riss in der Wand. Die Gewalt ist bei Bachmann stets männlich konnotiert, sie ist es, die die Frauen zum Verschwinden bringt.
Selbst die Liebe hat in einer solchen Welt keinen Platz. Über ihr Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ erklärt Bachmann:
Dieses Stück bezieht sich doch auf einen Grenzfall von Liebe, auf einen dieser seltenen ekstatischen Fälle, für die es tatsächlich keinen Platz in der Welt gibt und nie gegeben hat. Und deswegen habe ich ja in diesem Stück auch auf ein paar der großen, alten Liebespaare angespielt, die ja alle zugrunde gehen, und mich natürlich gefragt: warum denn? Das sind die äußeren Umstände, die es herbeiführen. Aber jeder hält es doch, ohne zu wissen, für ausgeschlossen, dass Romeo und Julia jemals verheiratet sein könnten oder dass Tristan und Isolde sich irgendwo etablieren – auf einer Insel oder sonst wo – weiterleben.
Ingeborg Bachmann
Doch wie fasst man diese namenlose, allgegenwärtige Gewalt? Die vorgefundene Sprache scheint der Schriftstellerin untauglich.
Dass man ein Wort anders ansieht; schon ein einzelnes Wort – je näher man hinsieht, von umso weiter her schaut es zurück –, ist doch schon mit sehr vielen Rätseln beladen; da kann ein Schriftsteller sich nicht der vorgefundenen Sprache, also der Phrasen, bedienen, sondern er muss sie zerschreiben. Und die Sprache, die wir sprechen und fast alle sprechen, ist eine Sprache aus Phrasen.
Ingeborg Bachmann
So wehrt Bachmann sich gegen den immer wieder laut werdenden Vorwurf, ihre Texte seien zu hermetisch. Die titelgebenden „wahren Sätze“: Das ist die Forderung nach einer Sprache, die ständig neu ausgelotet, neu gefunden werden muss. Und das geht nicht in festen Begriffen, sondern nur tastend – im Zerschreiben des vorgefundenen Sprachmaterials.
Doch ist es gerade bei einer so genauen Sprachkünstlerin schade, dass die nun erschienene Ausgabe keinem nachvollziehbaren editorischen Prinzip folgt. Bereits 1983 war ein gleichnamiger, allerdings umfangreicherer Gesprächsband im Piper-Verlag erschienen. Dieser Band ist schon lange nur noch antiquarisch zu erwerben, seinen Text hat man nun offenbar übernommen – allerdings lediglich acht der 30 dort abgedruckten Gespräche aufgenommen.
Größtes literarisches Glück
Hier wäre zumindest eine editorische Notiz wünschenswert gewesen, die die Auswahl begründet. Schön ist unterdessen, dass der nun vorliegende Band stattdessen angereichert ist mit Gesprächen, die Bachmann kurz vor ihrem Tod im Jahr 1973 in Rom mit der ORF-Redakteurin Gerda Haller führte – auch diese waren 2004 bereits in Buchform veröffentlicht worden und werden hier in Ausschnitten wiedergegeben. Und wieder hätte man sich einen Herausgeber gewünscht, der zumindest kurz die getroffene Auswahl begründet und einordnet. Dem Sprechen dieser großen Schriftstellerin lesend zu lauschen, ist aber trotz dessen größtes literarisches Glück.