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Thema / Archiv | Beitrag vom 30.12.2013

Inge Feltrinelli"Hauptsache, es ist der echte Moment"

Mädchen aus Göttingen trifft Picasso, Hemingway und Greta Garbo

Moderation: Stephan Karkowsky

Die italienische Verlegerin Inge Schönthal-Feltrinelli, aufgenommen am Donnerstag (26.05.2011) in Aachen. Schönthal-Feltrinelli bekommt in Aachen den europäischen Medienpreis, die Karlsmedaille. Das Kuratorium zeichnete die gebürtige Essenerin für ihren Beitrag zur europäischen Integration aus und setzte gleichzeitig ein Zeichen für Presse- und Medienfreiheit. (picture alliance / dpa / Ralf Roeger)
Inge Feltrinelli bei der Verleihung des europäischen Medienpreis in Aachen 2011 (picture alliance / dpa / Ralf Roeger)

Eine Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg loszog, um die großen Persönlichkeiten ihrer Zeit zu treffen: Inge Feltrinelli. Bis sie Verlegerin in Italien wurde, hat sie in den USA und in Kuba als Fotoreporterin gearbeitet.

Stephan Karkowsky: Ein Mädchen aus Göttingen macht sich auf in die weite Welt! 14 Jahre jung war Inge Feltrinelli, damals hieß sie noch Schönthal, am Ende des Zweiten Weltkrieges. Für die meisten Deutschen war das Ausland zu dieser Zeit noch immer Feindesland, Inge aber war dieses zerbombte Deutschland offenbar viel zu klein, und so wurde sie Fotoreporterin und reiste um die Welt. Sie traf und fotografierte Ernest Hemingway, Greta Garbo, Pablo Picasso und viele andere, sie heiratete dann den italienischen Verleger Feltrinelli, einen der reichsten Männer Italiens, und wurde selbst zur bekanntesten Verlegerin des Landes! Heute können wir die Fotos ihrer wilden Jugend bewundern, im neuen Bildband - mit Inge Feltrinelli die Welt erobern. Und darüber haben wir das Glück, mit ihr selbst zu sprechen. Inge Feltrinelli, buongiorno nach Mailand!

Inge Feltrinelli: Hallo! 

Karkowsky: Hallo! Die Geschichte der Wiederentdeckung Ihrer Fotosammlung im Pappkarton, die ist legendär. Aber ich würde sie doch gerne noch einmal von Ihnen hören! Wie kam es dazu?

Feltrinelli: Als ich nach Mailand gezogen bin, um mit Giangiacomo Feltrinelli zu leben, habe ich das Metier aufgegeben, Fotoreporterin zu sein. Das war einfach zu intensiv. Giangiacomo brauchte mich dringend für alle möglichen Kontakte, die ich hatte auf der ganzen Welt – entweder Verlag oder Bücher oder Fotos. Die Intensität dieser beiden Metiers war einfach nicht zusammenzukriegen. Und so habe ich einfach gesagt, ich habe ja ein paar Tausend Negative, die kommen einfach in die Mansarde. Mailand war damals noch ein bisschen nachkriegsschwierig für Deutsche und ich musste mir meine Situation in Mailand erobern, erkämpfen. Und da ich ja ganz niedlich aussah, ich war eigentlich so ein absolut moderner Typ zwischen Leslie Caron und Audrey Hepburn, ja, ich wollte die Stadt erobern und das Land. Und so war ich im Nebenzimmer von Giangiacomo und habe mit allen möglichen ausländischen Verlegern und Autoren verhandelt. Mein Sohn, zum 70. Geburtstag, machte mir ein großes Fest und es kam die Besitzerin einer großen Presseagentur. Und die sagte: Sag mal, was ist denn da in dem Studio von deiner Mutter, was sind das für wundervolle Fotos? Ja, sagt er, die war mal früher Fotoreporterin! Ja, da mache ich eine Ausstellung!

Karkowsky: Kommen wir noch einmal zurück zum Anfang! Es war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die Deutschen hatten gerade einen ganzen Kontinent verwüstet, unser Ansehen war auf einem Tiefpunkt. und Sie sind mutig und abenteuerlich losgezogen in fremde Länder mit fremden Sprachen. Was hat Sie damals eigentlich so abenteuerlustig gemacht?

Feltrinelli: Na ja, ich hatte wirklich nichts zu verlieren. Ich bin einfach von New York nach Kuba getrampt mit dem Autostopp und ich habe auf eine Annonce geantwortet, "Looking for driver", nach Miami, und habe ein Auto gefahren mit zwei entsetzlichen Menschen, Männern. Wir haben in Motels geschlafen. Ich wollte einfach … Da ich aus Göttingen kam, ich wollte einfach die allerbesten Menschen in jeder Kategorie sehen, treffen und reden. ich war einfach neugierig.

Karkowsky: Bei dieser Reise nach Kuba waren Sie gerade einmal 22 Jahre jung. Schon die Anreise war wahrscheinlich ein echtes Abenteuer. Und dann trafen Sie auf Kuba den Mann, den Sie treffen wollten: Ernest Hemingway. Der galt als pressescheu, warum hat er denn Sie empfangen?

Feltrinelli: Ja, weil ich eine Empfehlung hatte von Rowohlt, die sagten, ach, weißt du, wenn du schon in New York bist, kannst du nicht mal nach Kuba fahren? Die hatten keine Ahnung, dass das 3.000 Kilometer südlich von New York war! Und wir haben also Schwierigkeiten mit der Übersetzerin, er antwortet auf keines unserer Telefonate und so weiter. Und so bin ich da einfach hingefahren.

Karkowsky: Und wahrscheinlich hat er nicht beim ersten Anruf gleich abgenommen, oder?

Feltrinelli: Nein, er war absolut … Ich hatte keine Dollars und habe mich da in einem Hinterzimmerchen, in einer Pension gewohnt und habe jeden Tag angerufen bei Hemingway.

Karkowsky: Und dann hat er gesagt, Inge, wenn Sie vorbeikommen, bringen Sie Ihren Badeanzug mit?

Feltrinelli: Ja, weil, er hat gesagt, ich schicke Ihnen mein Auto! Da habe ich gesagt, nein, vielen Dank, aber ich habe mich erkundigt, es fährt hier ein wundervoller Bus. Da hat er gemerkt, dass das keine alte Tante war.

Karkowsky: Mhm. Und diesen Badeanzug kann man auch sehen auf dem Foto, das Sie berühmt machte. Es zeigt nämlich den alten Mann und das Model, denn auch das waren Sie ja später noch, und einen großen blauen Marlin, also einen Schwertfisch. Jetzt können Sie uns verraten, ob Hemingway den eigentlich selbst gefangen hatte?

Feltrinelli: Nein, den hat er nicht gefangen. Aber er war begeisterter Fischer und er war schon drei Tage lang in der Eisbox! So hart wie ein Stein!

Karkowsky: Sie waren dann plötzlich zwar nicht "On the cover of the Rolling Stone", wie der Song heißt, aber Sie waren Covergirl in vielen Illustrierten weltweit mit Hemingway an Ihrer Seite. Würden Sie sagen, das war der türöffner für alles, was folgte?

Feltrinelli: Ja, absolut. Picasso und so weiter, hätte ich nie geschafft ohne dieses Foto.

Karkowsky: Sie hören Inge Feltrinelli zum Band mit ihren Privat- und Reportagefotografien, "Mit Inge Feltrinelli die Welt erobern". Frau Feltrinelli, Sie trafen nicht nur die Künstler, sondern auch Schauspieler und die Mächtigen dieser Welt. Und häufig sehen Ihre Fotos in diesem Bildband aus wie Schnappschüsse. Das berühmte Foto mit Greta Garbo in New York etwa, da steht sie an einer Ampel und es sieht aus, als wäre es nicht gestellt. Heute lassen Prominente so etwas stellen, damit es quasi spontan aussieht, wie war das bei Ihnen?

Feltrinelli: Ja, ich muss sagen, ich hatte immer … Mein Leitmotiv war das von Cartier-Bresson, the decisive moment. Er hat gesagt, es spielt keine Rolle, ob ein Foto technisch gut ist. Hauptsache, es ist der echte Moment. Ich war technisch sehr unbegabt und die Kameras waren damals furchtbar schwer und es waren kiloweise, Flash, Blitze, also, man musste schleppen, schleppen, schleppen. Ausnahmsweise hat es mal geklappt, dass ich richtig auf den Knopf gedrückt habe!

Karkowsky: Ich darf annehmen, dass die vielen prominenten, reichen und berühmten Männer gern auch mit Ihnen geflirtet haben. Sind daraus eigentlich auch längere Freundschaften entstanden, die über Jahrzehnte hinweggingen?

Feltrinelli: Ja und nein. Ich bin mit allen Autoren, von Richard Ford bis James Baldwin, von Günter Grass bis Nadine Gordimer, ich bin mit allen befreundet gewesen.

Karkowsky: Was hat denn dann den Ausschlag gegeben für Gianciacomo Feltrinelli, den Erben eines Milliardenvermögens, Ihren späteren Mann, der später dann auch ein Linksradikaler wurde?

Feltrinelli: Na ja, ich war damals ein apolitisches deutsches Mädchen aus der bleiernen Erhard-Zeit und in Italien … Mailand war damals so die Hauptstadt von Europa, das hat mich fasziniert.

Karkowsky: Als Deutsche in Italien konnten Sie für Ihr italienisches Verlagsgeschäft – denn Sie haben ja den Verlag später übernommen –, konnten Sie natürlich auch deutsche Autoren verpflichten. Aber wollten die Italiener denn überhaupt etwas lesen von den verhassten Deutschen?

Feltrinelli: Ja, bis heute ist da eine Ressentiment … eine politische Skepsis, die ist weiterhin auch bei der neuen Generation. Ich glaube, Günter Grass und auch Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, wir haben Uwe Johnson, Enzensberger, Walser, wir haben alle verlegt. Aber das Geschäft hielt sich in Grenzen.

Karkowsky: Sie sind so viele Jahre jetzt Verlegerin gewesen, Sie sind Präsidentin des Verlags, Ihr Sohn führt die Geschäfte. Haben Sie mal eigentlich ein Buch abgelehnt und das hinterher schwer bereut, weil ein anderer Verlag einen Weltbestseller daraus gemacht hat?

Feltrinelli: Ja. Die "Mitternachtskinder" von Rushdie. Da war ein Verleger, ein englischer Verleger, der war bei mir ein Weekend und sagte, ach, was ein tolles, tolles Buch, ein tolles Manuskript habe ich hier von einem Inder. Und ich habe gesagt, von was handelt denn das? Ach, das ist von Kalkutta, es sind die armen Kinder und es ist absolut faszinierend. Da habe ich gesagt, ach, nein, das ist nichts für uns. Arme Kinder haben wir in Sizilien genug.

Karkowsky: Und Sie wollten eigentlich auch nicht die Autobiografie von Keith Richards verlegen! Da hat Ihr Sohn sich dann aber durchgesetzt. Warum wollten Sie das denn nicht?

Feltrinelli: Weil ich von Musik nichts verstehe!

Karkowsky: Das ist eine schöne Antwort! In diesem Jahr haben Sie zum allerersten Mal eine Frankfurter Buchmesse ausgelassen und damit nicht nur Hanser-Verleger Michael Krüger schwer enttäuscht, der hat darüber dann einen Artikel in der "FAZ" geschrieben. Dürfen sich alle, Frau Feltrinelli, die sich immer gefreut haben auf Ihre Federboas und auf die wunderbaren Paillettenkleider, dürfen die sich Hoffnung machen, dass Sie 2014 wieder dabei sind?

Feltrinelli: Absolut! Ich habe schon viele, viele Briefe bekommen und habe gesagt, ich komme, ich komme, ich komme!

Karkowsky: Inge Feltrinelli! Als Inge Schönthal fotografierte sie Künstler, Schauspieler und die mächtigen dieser Welt. Anschauen können Sie ihre fotos nun im Bildband " Mit Fotos die Welt erobern". Erschienen ist das Buch im Steidl Verlag. Frau Feltrinelli, Ihnen ganz, ganz herzlichen Dank für das Gespräch, und wir freuen uns auf Sie auf der Buchmesse 2014!

Feltrinelli: Bis dann, herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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