Infliximab, Imatinib, Artesunat

    WHO testet neue Covid-Medikamente

    07:08 Minuten
    Illustration: Patienten mit Gesichtsmasken in einer Warteschlange vor einem Arzt.
    Können neben Impfungen bald auch Medikamente gegen Corona helfen? © imago / Ikon Images / Gary Waters
    Von Christine Westerhaus · 26.08.2021
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    Anfangs setzt man bei der Behandlung von Covid-Patienten auf antivirale Medikamente wie Remdesivir. Doch die helfen nicht allen. Jetzt testet die WHO drei Medikamente, die einen anderen Weg gehen: Sie sollen die Überreaktion des Immunsystems bremsen.
    Als die Daten der "Recovery"-Studie im Juni 2020 veröffentlich wurden, sprach die Weltgesundheitsorganisation von einem Durchbruch. Dexamethason kann schwer kranken Covid-Patienten helfen, hatte die Untersuchung aus Großbritannien gezeigt. Für den britischen Premier Boris Johnson war das Grund genug, dem Medikament eine eigene Pressekonferenz zu widmen.
    "Ich bin stolz auf diese britischen Wissenschaftler, die in der ersten robusten klinischen Studie weltweit gezeigt haben, dass Dexamethason das Sterberisiko bei Covid-Patienten senkt."

    Problem: überschießende Immunreaktionen

    Dexamethason wirkt wie das Hormon Kortison und ist eigentlich ein Medikament gegen rheumatoide Arthritis oder Asthma. Bei diesen Krankheiten kommt es, ähnlich wie bei einem schweren Covid-19-Verlauf, zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems. Und Dexamethason hilft, diesen übertriebenen Angriff zu dämpfen. Inzwischen verwenden Medizinerinnen und Mediziner auch Tocilucimab bei Covid-Patienten. Auch diese Substanz bremst die Abwehrreaktionen des Körpers und wird normalerweise Rheumapatienten verschrieben.
    Doch obwohl Intensivmediziner nun Möglichkeiten haben, schwer kranke Covid-Patienten zu behandeln, bestehe weiterhin Bedarf an neuen Medikamenten, sagt Intensivmediziner Anthony Gordon. Er ist Professor am Imperial College London und hat selbst an klinischen Studien zu Covid-Medikamenten mitgewirkt.
    "Die Ergebnisse der Studien sind sehr gut, beide Medikamente retten Leben. Aber es gibt immer noch Menschen, bei denen sie nicht wirken. Noch immer stirbt ein Viertel aller Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Das kann sicher noch weiter verbessert werden."

    "Solidarity trial": weltweite Suche nach Covid-19-Medikamenten

    Nachdem in der Zwischenzeit vier Kandidaten erfolglos getestet wurden, setzte die Weltgesundheitsorganisation deshalb Anfang August den so genannten "Solidarity Trial" fort. Eine Art weltweit koordinierte Suche nach Behandlungsmethoden für Covid-Patienten. Drei neue Arzneimittel werden in der aktuellen Studie ins Visier genommen. Sie alle werden schon lange gegen andere Krankheiten eingesetzt. Infliximab bei rheumatoider Arthritis und entzündlichen Darmerkrankungen. Imatinib gegen Krebs und Artesunat wirkt gegen Malaria. Doch obwohl die Medikamente bei so unterschiedlichen Krankheiten angewendet werden, haben sie eines gemeinsam, sagt John-Arne Røttingen, Repräsentant für globale Gesundheit am Norwegischen Außenministerium und Leiter der Solidarity-Studie:
    "Alle drei Kandidaten sind so genannte Immunmodulatoren. Sie richten sich gegen die Reaktionen des Immunsystems, sind also keine Mittel, die Viren töten. Denn die meisten Studien haben gezeigt: Antivirale Medikamente helfen Covid-Patienten nicht mehr, wenn sie mit schweren Symptomen ins Krankenhaus kommen."

    Einzelne Immunreaktionen blockieren

    Zu Beginn der Pandemie setzten Ärztinnen und Ärzte ihre Hoffnung noch auf Remdesivir, ein Medikament, das Viren tötet und ursprünglich gegen das Ebolavirus entwickelt wurde. Doch in klinischen Studien zeigte sich: Remdesivir kann das Leben schwer kranker Covid-Patienten nicht retten. Als Konsens gilt unter Medizinerinnen und Medizinern mittlerweile: Bei schweren Covid-Verläufen sollte eher die körpereigene Abwehr gebremst werden. Sie setzen deshalb auf Medikamente, die einzelne Reaktionen des Immunsystems blockieren. So wie Artesunat, ein Mittel, das schon sehr lange gegen Malaria eingesetzt wird.
    "Es klingt vielleicht merkwürdig, dass wir ein Medikament gegen Malaria testen wollen. Aber Artesunat verhindert, dass Entzündungszellen in die Lunge einwandern – was ein wichtiger Teil eines schweren Krankheitsverlaufs ist", sagt Røttingen.
    "Es gibt zwar noch keine klinischen Daten, also Erfahrungen bei Covid-19-Patienten. Aber Artesunat ist weltweit verfügbar und günstig. Deswegen ist es aus einer globalen Gesundheitsperspektive wichtig, das Potenzial dieses Medikaments zu prüfen."

    Noch zu wenig klinische Daten

    Bei den anderen beiden Kandidaten, Infliximab und Imatinib, gibt es bereits Hinweise darauf, dass sie schwer kranken Covid-Patienten helfen können. Allerdings sind sie deutlich teurer als Artesunat. Bei Menschen, die Infliximab wegen einer Rheumaerkrankung einnehmen, verläuft eine Covid-Infektion häufig harmlos(er). Und auch das Krebsmedikament Imatinib hat schon Wirksamkeit unter Beweis gestellt, sagt John-Arne Røttingen.
    "Wir denken, dass Imatinib kleine Blutgefäße in der Lunge schützen kann und sie deshalb vor Schäden bewahrt. Dadurch wird der Sauerstofftransport von den Lungen in die Blutgefäße verbessert. Eine kleine Studie aus den Niederlanden dazu ist zu vielversprechenden Ergebnissen gekommen. Aber sie war insgesamt zu klein, deswegen ist es wichtig, Imatinib jetzt in einer großen klinischen Studie zu testen."
    Momentan sind die Medizinerinnen und Mediziner dabei, Patienten für ihre klinischen Untersuchungen zu rekrutieren. Mit ersten Ergebnissen rechnet John-Arne Røttingen nicht vor Anfang des nächsten Jahres. Der Intensivmediziner Anthony Gordon ist optimistisch, dass die neuen Medikamente dabei helfen werden, weitere Menschenleben zu retten. Denn eines sei sicher: Das Coronavirus wird weiterhin Menschen infizieren. Aber:
    "Wir können diese Krankheit inzwischen viel besser behandeln als noch vor 12 oder 15 Monaten. Inzwischen stirbt etwa ein Viertel der Patienten auf den Intensivstationen. Am Anfang war es die Hälfte. Das zeigt die Fortschritte, die wir dank klinischer Studien gemacht haben. Und es ist wichtig, dass wir weitermachen und diese zerstörerische Krankheit weiter angreifen."
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