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Interview | Beitrag vom 05.03.2019

Ines Geipel über unveröffentlichte DDR-Literatur"Eine Geschichte der bislang verleugneten DDR"

Ines Geipel im Gespräch mit Ute Welty

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Die Schriftstellerin und Doping-Expertin Ines Geipel, die Arme verschränkt, an eine graue Betonmauer gelehnt. (Ines Geipel (privat))
Schriftstellerin Ines Geipel hat das Archiv mit dem Schriftsteller Joachim Walther zusammengetragen. (Ines Geipel (privat))

Ines Geipel hat ein Archiv der unterdrückten DDR-Literatur mitgegründet. Es sammelt Texte, die nicht erscheinen durften und in Kladden überdauert haben. Bei ihrer Recherche stolperte die Schriftstellerin immer wieder über erschütternde Schicksale.

Ute Welty: Wie viel Freiheit braucht die Kunst? Literatur in der DDR war vielfältiger und ambivalenter, als es die publizierten Texte aus dieser Zeit vermitteln.

Etliches weiß man über staatstragende und über staatskritische Schriften, und dann weiß man wenig über das, was im Geheimen entstand. Schriftstellerin und Professorin Ines Geipel tritt an, um das Verborgene ans Licht zu holen. Sie nimmt heute teil an der Diskussionsrunde nach der szenischen Lesung im Museum für Kommunikation in Berlin. Was ist denn das für eine Literatur gewesen, die in der DDR keine Rolle spielen durfte?

Geipel: Sie sagen es ja schon, wir kennen die Staatsnamen – ich nenne einfach mal Namen: Hermann Kant. Wir kennen die Kritisch-Loyalen, Christa Wolf oder Brigitte Reimann, die ja auch heute noch sehr gelesen werden. Wen wir nicht kennen, sind die kritisch-illoyalen, also die subversiv-systemkritischen Autorinnen und Autoren.

Und Joachim Walther und ich, wir haben uns auf den Weg gemacht, haben Texte gesucht und haben ein Archiv unterdrückter Literatur zusammengestellt, über 100 Autorinnen und Autoren mittlerweile, an die 70.000 originale Manuskriptseiten, ein sehr, sehr intensives, reiches, auch disparates Material.

"Literatur wird in einer Diktatur immer extrem behandelt"

Welty: Sie haben die staatskritisch-loyalen Autorinnen und Autoren angesprochen im Gegensatz zu den staatskritisch-illoyalen, was bedeutet das für die Literatur, wie unterscheidet die sich?

Geipel: Dass man die einen kennt und die anderen tatsächlich nicht. Also es ist auch eine Geschichte der bislang verleugneten DDR. Wir sehen unsere Sammlung auch ein Stück weit als ein Versuch eines Gegengedächtnisses im Sinne des geschützten Bestandes der DDR-Literatur an. Was uns auch immer wieder ganz neu erschreckt, sind diese sehr, sehr harten Schicksale, also sehr viel Zuchthaus, früh verstummt, erkrankt, Suizid.

Die Staatssicherheit, das System hat sich schon sehr viel Mühe gegeben. Literatur – das wissen wir ja – wird in einer Diktatur immer extrem behandelt, und insofern ist diese Geschichte natürlich auch eine große Geschichte des denunzierten Wortes, der gestohlenen Sprache, aber eben auch des reduzierten und verstümmelten Denkens, und da haben wir viel zu entdecken.

"Wir haben akribisch gesucht in den Nebennachlässen"

Welty: Wie sind Sie dann auf die Idee gekommen, ein Archiv dafür zu gründen? Ich stelle es mir extrem schwierig vor, etwas archivieren zu wollen, was offiziell gar nicht existiert.

Geipel: Die DDR war lang und sie war gründlich, es gibt viel Material, aber das ist völlig richtig, was Sie sagen. Literaturgeschichte gründet sich ja oder auch eine Kanonfrage gründet sich ja natürlich auf Veröffentlichtes, und das haben wir versucht. Wir haben akribisch gesucht in den Nebennachlässen, zum Beispiel Franz Fühmann hat sich sehr für junge Autoren stark gemacht.

Wir haben, als wir begonnen haben mit dem Archiv, sehr viele Interviews gegeben, haben versucht, das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen, aber das ist die Ironie der Geschichte: Der stärkste Materialgeber war für uns die Stasi-Unterlagenbehörde, eben gerade weil Autor*innen verhaftet wurden und die Texte eben auch immer Material für die Prozesse waren.

Schriftsteller Franz Fühmann 1977 in Ost-Berlin. (picture alliance/dpa/Foto: akg-images)Schriftsteller Franz Fühmann 1977 in Ost-Berlin. (picture alliance/dpa/Foto: akg-images)
Welty: Welche Schicksale haben Sie für die Arbeit fürs Archiv kennengelernt, was hat Sie da besonders beeindruckt?

Geipel: Ein Beispiel nur: Edeltraud Eckert, 1930 in Schlesien geboren, Flucht mit den Eltern nach Brandenburg, in die Stadt Brandenburg, früher Widerstand, Gefängnis, Frauenzuchthaus Hoheneck, schwerer Haftunfall in dieser Zeit, kurz vor dem Unfall bekommt sie einmalig die Möglichkeit, ein Schreibheft, wo wir im Grunde auch jetzt diese Texte veröffentlichen konnten, mit 25 Jahren stirbt sie an Wundstarrkrampf im Haftkrankenhaus Meusdorf. Das sind diese Schicksale, denen wir begegnet sind und auf die wir nur mit Glück gestoßen sind, weil die Schwester sich bei uns gemeldet hat.

"Es gibt eine Edition"

Welty: Und wie gehen Sie dann damit um, mit dieser Erfahrung? Das kann man ja dann nicht im Archivregal abstellen.

Geipel: Nein, eben, genau, darum geht es. Wir wollen nicht ein Archiv machen, um noch mal Leben zu archivieren, sondern es gibt eine Edition, die "Verschwiegene Bibliothek" bei der Büchergilde Gutenberg. Dort haben wir zehn Autorinnen und Autoren veröffentlichen können. Wir machen viele Veranstaltungen wie heute in Berlin, um eben auch die Texte, die Autoren mit ihren Schicksalen öffentlich zu machen. Wir finden, dass es richtig und Zeit ist, dieser in den Riss gefallenen Literatur und diesen Leben zu begegnen.

Welty: Im November ist der Mauerfall dann 30 Jahre her, das ist in einem Menschenleben eine lange Zeit, aber offensichtlich gelten für Geschichte und für Literatur andere Maßstäbe, oder?

Geipel: Ja, das wissen wir, und hier musste man ja auch ein bisschen um die Ecke denken, eben etwas, was so versteckt wurde, notwendigerweise, damit so ein System halten kann, versteckt wurde, in die Öffentlichkeit zu bringen. Und nun ist es da, nun kann es kennengelernt werden, und wir sind sehr gespannt auf die Resonanz.

"Ein bisschen stöbern, das ist doch schon viel"

Welty: Wen wünschen Sie sich als Leser, als Leserin?

Geipel: Alle, die Literatur lieben, es ist ein Literaturarchiv, und vor allen Dingen kann man in diesem Archiv ja den Gefühlen, nicht den Klischees, sondern den tatsächlichen Gefühlen in einer Zeit begegnen, und ich glaube, sich einfach hinsetzen – diese Texte sind möglich, sie sind da, sie sind öffentlich, und ein bisschen stöbern, das ist doch schon viel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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