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Im Gespräch | Beitrag vom 04.09.2019

Industriedesigner Konstantin Grcic„Stühle haben Charakter“

Moderation: Britta Bürger

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Portrait von Konstatin Grcic ganz in Schwarz, mit hochgeschlossenem Mantelkragen. (Getty Images / Staff / Vittorio Zunino Celotto)
Industriedesigner Konstantin Grcic (Getty Images / Staff / Vittorio Zunino Celotto)

Konstantin Grcic ist einer der bekanntesten Industriedesigner in Deutschland. Er hat Lichtschaltern, Tischen und Regalen ihre Form gegeben. Vor allem aber entwirft er Stühle. Immer wieder Stühle.

Konstantin Grcic bevorzugt harte Sitzgelegenheiten. An seinem Arbeitsplatz im Designbüro etwa steht eine Holzbank. Wie man sitzt, beschäftigt den Industriedesigner, er hat ein Faible für Sitzmöbel: "Stühle sind Dinge, mit denen man zusammenlebt. Wie Haustiere."

Drei Holzstühle/Hocker vom Designbüro Konstantin Grcic, die auf weissem Untergrund stehen. (Fabian Frinzel)Holzhocker aus dem KG-Designbüro Konstantin Grcic (Fabian Frinzel)

Schon die alten Ägypter hätten schließlich auf Stühlen gesessen. "Das ist ein wichtiger Aspekt beim Stuhl-Design: Dass es eher eine Evolution ist, in die man sich einreiht." In seinem Büro "Konstantin Grcic Design" arbeiten er und seine Mitarbeiter "eigentlich immer an mindestens einem Stuhl". Bis zum fertigen Produkt kann das ein paar Jahre dauern.

"Bequemlichkeit ist relativ"

Die Produkte heißen Mars und Sultan, Avus und Traffic oder auch nur Chair one und Public one – und müssen ganz unterschiedlichen Bedingungen genügen, je nachdem, ob sie zuhause am Küchentisch stehen oder für viele Menschen zur Verfügung stehen sollen.

"Einen Stuhl, den wir für den öffentlichen Raum entwerfen, konzipieren wir nach ganz anderen Gesichtspunkten. Da spielt Vandalismus plötzlich eine Rolle. Auch: Wie lange sitzen wir denn darauf? Viel kürzer als im Restaurant beim Abendessen. Bequemlichkeit ist damit relativ."

Der Chair One beispielsweise, ein Aluminiumdruckguss in gitterartiger Struktur und mittlerweile ein Klassiker, war ursprünglich für den öffentlichen Raum gedacht - er biete "wenig Fläche, die dreckig werden kann, wenig Fläche, wo sich Regenwasser sammeln kann".

Kippeln bei Schul-Stühlen erwünscht

Der für die Schule konzipierte "Pro" trägt dagegen wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung, wonach etwas Bewegung nicht nur die Muskulatur der Schüler stärkt, sondern im besten Fall auch deren Konzentration fördert: Kippeln erwünscht:

"Gerade bei Kindern im jungen Alter sollte der Schulstuhl auch einen Beitrag leisten, Bewegung zu ermöglichen. Unser Stuhl tut das und zwar explizit."

Viele von Grcics Produkten – ob Stuhl, Regal oder Tisch – wirken auf den ersten Blick nicht unbedingt einladend. Irritation sei trotzdem nicht das erste, was ihm dazu einfalle, sagt der Designer: "Das, was als Irritation manchmal herauskommt, ist einfach nur die Umkehr gewisser Gewohnheiten."

Galerien als Spielplätze

Schon als Kind bekam Konstantin Grcics, geboren 1965, Zugang zur Welt der Galerien, Museen und Ateliers. Grcics Mutter führte in Wuppertal eine Galerie. Für ihn und seine Schwester – die Künstlerin Tamara Grcic – seien es "Spielplätze und spannende Orte" gewesen.

Gerade Atelierbesuche hätten ihn geprägt, erzählt er. Denn da waren Menschen, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hatten. "Das hat mich schon als Junge beeindruckt, das habe ich immer mit mir herumgetragen als Wunsch. Heute kann ich sagen: Ich habe mir das auch tatsächlich erfüllt."

Nach dem ersten Erfolg kommt der Einbruch

Nach der Schule absolviert Grcic zunächst Ausbildungen zum Möbelrestaurator und Tischler, um anschließend am Royal College of Art in London Industriedesign zu studieren. Später ist er Assistent bei dem Produktdesigner Jasper Morrison und eröffnet schließlich sein eigenes Designbüro.

"Total naiv" sei das im Nachhinein gewesen: "Naiv zu glauben, dass ich einfach nur das machen muss, was ich machen will und dann wird sich das schon entwickeln." Zwar liefen die ersten Jahre gut, dann allerdings habe es einen kleinen Einbruch gegeben: "Die Projekte wurden anspruchsvoller. Man stand plötzlich unter Druck."

Eine Lampe als Befreiungsschlag

Mit der Entwicklung der Industrieleuchte "Mayday", die mittlerweile ebenfalls als Klassiker gilt, gelingt Grcic ein neuer Zugang zu seiner Arbeit. Die robuste Lampe, die sich leicht an unterschiedlichen Orten anbringen und auf vielfältige Weise einsetzen lässt, sei "eine sehr persönliche Idee" gewesen:

"Nicht: Ich mache das, von dem ich meine, dass man es machen sollte, sondern ich mache das, was ich selber spüre, was ich kann, was mir ganz nah ist", sagt er rückblickend: "Mayday war insofern eine ganz wichtige Erfahrung oder Entdeckung für mich. Es hat mir unheimlich viel Selbstvertrauen gegeben."

Alte Fragen, neue Antworten

Nachhaltigkeit, die Lebensdauer eines Produkts, der Energieaufwand bei der Herstellung oder die Entsorgung: Aspekte, die Konstantin Grcic und seine Kollegen bei jedem neuen Produkt beachten: "Das sind alles Themen, mit denen wir uns selbstverständlich auseinandersetzen", betont er. "Das sind keine neuen Themen. Die sind immer Teil von gutem Design gewesen, würde ich behaupten."

(era)

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