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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 07.07.2014

IndonesienKeine Alternative

Prostituierte kämpfen für den Erhalt des größten Rotlicht-Viertels Südostasiens in Surabaya

Von Udo Schmidt

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Vermummte Demonstrantin, die gegen die Schließung des Rotlicht-Viertels im indonesischen Surabaya protestiert. (Udo Schmidt)
Vermummte Demonstrantin, die gegen die Schließung des Rotlicht-Viertels in Surabaya protestiert. (Udo Schmidt)

Dolly heißt das Rotlicht-Viertel in Surabaya. Um dessen Schließung ist eine öffentliche Debatte entbrannt. Prostituierte gehen auf die Straße - sie fürchten um ihre Existenz. Muslimische Führer begrüßen den Schritt.

Die indonesische Nationalhymne, mit Leidenschaft vorgetragen – mitten im Rotlicht-Viertel von Surabaya, der zweitgrößten Stadt Indonesiens.

"Dolly ist wirklich eine historische Stätte, die muss erhalten werden, es gibt das Viertel seit 50 Jahren. Wenn Dolly geschlossen wird, ohne dass die Bewohner gefragt und tausende Existenzen vernichtet werden, dann werden wir kämpfen."

Es geht ums Überleben, das sagen alle hier im Rotlichtviertel. Also haben sich hunderte Prostituierte im Herzen von Dolly versammelt und proben den Aufstand. Sie wollen sich nicht vertreiben lassen, sie fürchten um ihre Existenz – deshalb tragen sie eine eigene Unabhängigkeitserklärung vor, angelehnt an die Indonesiens.

Im indonesischen Surabaya protestieren Prostituierte für den Erhalt ihres Rotlicht-Viertels. Sie stehen in Reih und Glied, viele von ihnen verstecken ihr Gesicht hinter Atemmasken, Sonnenbrillen und unter Mützen.  (Udo Schmidt)Protest in Reih und Glied. (Udo Schmidt)

Demonstrantinnen gegen die Schließung des Rotlicht-Viertels in der Altstadt von Surabaya, der zweitgrößten Stadt Indonesiens. Sie verbergen sich hinter Mundschutz und rosa Mappen.  (Udo Schmidt)Demonstrantinnen verstecken sich hinter Mundschutz und rosa Mappen. (Udo Schmidt)

Marwa ist 29 und lebt und arbeitet in einem der kleinen, heruntergekommen Bordelle. Ein hellblaues Plüschecksofa ziert den Raum, in dem die Frauen ihre Dienste anbieten, ein Sofa, dem man ansieht, dass es schon sehr, sehr lange dort steht. Marwa arbeitet seit fünf Jahren als Prostituierte:

"Das ist nicht mein Traum-Job, aber ich brauche das Geld, um meine Familie zu versorgen, und wenn das hier jetzt alles geschlossen wird, dann werde ich kämpfen."

Surabayas Bürgermeisterin Bu Risma, von den Einwohnern der Stadt wegen ihrer handfesten Art geliebt, hat sich nach einigem Zögern an das heiße Eisen gewagt, das Rotlichtviertel, das seit Jahrzehnten das Leben in der Altstadt Surabayas prägt, zu schließen:

"Das ist eine lange Geschichte. Anfangs hielt ich es für keine Lösung, Dolly zu schließen. In meinem ersten Jahr als Bürgermeisterin kamen 20 muslimische geistliche Führer zu mir und baten um die Schließung. Ich habe damals abgelehnt, weil ich für die Frauen, die Prostituierten keine Jobs hatte."

Also organisiert die Stadt jetzt Kurz-Fortbildungen und bietet Geld an – und Bu Risma macht Dolly dicht. Sie habe sich aber nicht den muslimischen Autoritäten gebeugt, sagt die Bürgermeisterin, die selber streng Kopftuch trägt, sie wolle vor allem die Kinder im Viertel schützen und den Kindern der Prostituierten eine Perspektive bieten. Drei Tage sollen die Frauen nun auf das Leben danach vorbereitet werden, außerdem ist allen eine Entschädigung von 5 Millionen Rupien, gut dreihundert Euro angeboten worden, sagt Deddy Sosialisto, der die Hilfen für die Prostituierten koordiniert.

"Mit dem Geld können die Prostituierten und die Zuhälter einen Neubeginn finanzieren. Alle bekommen auch einen medizinischen Check angeboten, auch einen HIV-Test."

Drei Tage Vorbereitung auf ein neues Leben

13 Millionen Rupien, umgerechnet knapp 800 Euro, verdienen die Frauen in guten Monaten im Rotlichtviertel – da sind fünf Millionen als Grundstock für eine neue Existenz nicht viel. Und die meisten Frauen, sagt die Ärztin Esthy Yuliana, zu der die Prostituierten regelmäßig kommen, hätten nichts gelernt, seien kaum zur Schule gegangen – man könne sie nicht in nur drei Tagen auf ein neues Leben vorbereiten.

"Als Frau und Indonesierin bin ich für die Schließung des Viertels, als Ärztin bin ich dagegen. Die Frauen sind ungebildet, die meisten können nicht einmal ihren Namen schreiben, sie leben unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Wenn man ihnen fünf Millionen Rupien gibt und sonst nicht viel bietet, dann machen sie irgendwo anders weiter, in ihren Dörfern, im Verborgenen, und wir können nichts mehr für sie tun, es gibt keine Kontrolle mehr."

Dolly ist mit rund 1500 Prostituierten und mehr als 10.000 Menschen, die indirekt von den Freiern leben, eines der größten Rotlichtviertel Südostasiens. Mit der Schließung, sollte sie denn wirklich durchgesetzt werden, ist das Thema Prostitution nicht beendet – aber das muslimische Land Indonesien hat mit dem angekündigten Ende Dollys eine Debatte am Hals, die offen zu führen viele kaum wagen.

"Prostitution ist kein Beruf"

Die führenden Köpfe der muslimischen Ulama-Gemeinschaft von Ost-Java geben sich im Gespräch verständnisvoll und aufgeschlossen, beim Thema Prostitution hört das Verständnis allerdings auf.Kyai Abdusshomad Buchori leitet die Ulama East-Java. Ersitzt an einem großen schwarzlackierten Schreibtisch, dessen ästhetische Klarheit durch keine Computer, nicht einmal durch einen Aktendeckel gestört wird.

"Prostitution verletzt die elementaren Regeln des Zusammenlebens in Indonesien bei denen der Islam eine große Rolle spielt. Prostitution ist kein Beruf, keine Arbeit, es ist moralisch verwerflich, eine Sünde, und es ist illegal. Wir begrüßen natürlich die Schließung, vor allem auch, um die junge Generation davor zu bewahren, mit Prostitution in Berührung zu kommen."

Pokemon, der Kaffee und T-Shirtverkäufer sieht das – naturgemäß – anders. Keine Frau wolle wirklich Prostituierte sein, es gebe immer ökonomische Gründe, aber so sei es nun einmal, sagt er:

"Natürlich ist Prostitution ein Teil der Gesellschaft, aber wir hier wollen eben auch ein Teil der Gemeinschaft in Surabaya sein. Wir sind keine schlechten Menschen, wir fordern Gleichheit mit allen anderen."

Auch muslimische Freier

Marwa, der 29-jährigen Prostituierten, geht es nur um eines: weiter machen zu können, um ihre zwei Kinder, die bei ihren Eltern leben, durch die Schulzeit zu bringen:

"Ich habe vor der Zeit hier versucht, als Maid, als Hausangestellte zu arbeiten, aber das Geld hat nie gereicht, das ich dort verdient habe. Hier bin ich jetzt wirklich zufrieden."

Sagt Marwa, steht auf und steigt eine kleine Treppe hinauf, entlang an einer unverputzten Wand. Dort oben, in ihrem kleinen Zimmer, empfängt sie in manchen Nächten zehn Freier, muslimische Männer, deren Bedürfnis, über die Sünde Prostitution zu reden, nicht groß ist.

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