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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.05.2012

Indizien für eine rastlose Existenz

Per Olov Enquist: "Strindberg. Ein Leben", aus dem Schwedischen von Verena Reichel, aktualisierte Neuausgabe mit einem Vorwort des Autors, btb Verlag/Random House, München 2012, 283 Seiten

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Ein Portrait von August Strindberg, gemalt von Edvard Munch (picture alliance / dpa / Pinacotheque De Paris / Ho)
Ein Portrait von August Strindberg, gemalt von Edvard Munch (picture alliance / dpa / Pinacotheque De Paris / Ho)

August Strindberg, davon ist sein Biograf Enquist überzeugt, hat geliebt und gehasst wie kaum ein anderer schwedischer Schriftsteller und vermochte in dieser Hassliebe seine Heimat um etliches europäischer zu machen.

"Ich möchte ja heiter und schön schreiben, doch ich kann nicht, darf nicht. Nehme es als furchtbare Pflicht, wahrhaftig zu sein."

Den meisten gilt August Strindberg (1849-1912) als ein misogyner Zeitgenosse, der mit seiner Novellensammlung "Heiraten" (1884-86), dem Drama "Fräulein Julie" (1888) und den 1898 erschienenen "Inferno"-Legenden provozierte. So wurde der überaus begabte und seiner Zeit weit voraus denkende Romancier, Dramatiker und Künstler für die Novelle "Lohn der Tugend" sogar der Gotteslästerung angeklagt. Die extrem aufgeheizten Reaktionen auf seine Satire "Das neue Reich" (1882) zwangen ihn und seine Familie schließlich, Schweden zu verlassen. Die Exilzeit verlangte vor allem seiner Frau Siri von Essen (1850-1912), einer finnlandschwedischen Schauspielerin, die von 1877 bis 1891 mit Strindberg verheiratet war, viele Entbehrungen ab. Ob in Paris, Kopenhagen oder Berlin, Strindbergs Ruf, ein exzentrischer Freidenker, rebellischer Künstler sowie ein rechthaberischer Egomane zu sein, eilte ihm stets voraus.

Für den schwedischen Schriftsteller Per Olov Enquist (geb. 1934) ist er "en alldeles tydlig människa" - "ein ganz deutlicher Mensch". Das Urteil legt er in seinem Strindberg-Buch "Strindberg. Ein Leben", das soeben in einer aktualisierten Neuausgabe sowie mit einem Vorwort des Autors erschien, in den Mund des Freundes Hjalmar Branting (1860-1925) - "wir werden nie mehr jemanden erleben wie ihn", so der schwedische Reichstagsabgeordnete.

Enquist ist ein Meister, wenn es um die subtile, unspektakuläre Erkundung von Leben geht. Sein eigenes - nachzulesen in "Ein anderes Leben" von 2009 - hat er davon nicht ausgenommen. Mit ernsthafter Präzision und vorbehaltlos nähert er sich der Person Strindberg. Sein feinsinniges Gespür für das Ungesagte und Verkannte im Kosmos des großen Schweden weist neue Zugänge zu einem Leben und Werk, von dem schon alles gesagt scheint. Doch bei Enquist findet der Mythos Strindberg zu sich. In diesem spannenden Verfahren einer Entmythisierung triumphiert das Detail. Ob es sich um das vierblättrige Kleeblatt an der Wohnzimmertür im Geburtshaus handelt, das der Knabe August mit den Händen liebkost, oder die 1910 mit seinem Essay "Pharaonenkult" ausgelöste "Strindberg-Fehde", wo er unter Anderem gegen die Monarchie, das Militär, aber auch die schwedische Reformpädagogin Ellen Key polemisiert: Alles wird zum Indiz für eine rastlose Existenz.

Behutsam tastet Enquist die Lebenslinien wie einen feinnervigen Organismus ab. Er spürt dabei auch jene Schmerzpunkte auf, an denen sich die gesellschaftlichen Katastrophen zur Jahrhundertwende entzünden. Kampf lautet das Motto. Ob in den Natur- und Geisteswissenschaften, den Künsten, im Klassen- wie Geschlechterkampf, überall rumort es.

August Strindberg, davon ist Enquist überzeugt, hat geliebt und gehasst wie kaum ein anderer schwedischer Schriftsteller und vermochte in dieser Hassliebe seine Heimat um etliches europäischer, also welthaltiger zu machen.

Besprochen von Carola Wiemers

Per Olov Enquist: Strindberg. Ein Leben
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Aktualisierte Neuausgabe mit einem Vorwort des Autors
btb Verlag/Random House
München 2012, 283 Seiten; 9,99 Euro

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