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Fazit | Beitrag vom 01.12.2019

Indischer Stand-up-ComedianWie ein Rindfleischverbot Vir Das auf die Bühne verhalf

Von Gerd Brendel

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Der indische Stand-up-Comedian Vir Das steht vor einer Werbeleinwand in einem weißen Hemd, hellbraun karierter Weste und schwarzer Hose mit den Händen in den Taschen.  (imago images / Future Image)
Angeblich war das Rindfleischverbot in Indien der Grund für die Bühnenkarriere des Stand-up-Comedians Vir Das. (imago images / Future Image)

Der indische Stand-up-Comedian-Star Vir Das zählt zu den erfolgreichsten Komikern Indiens. Via Internet und Streaming wurde er international bekannt. In seinen Shows macht er sich über alles lustig - vom Rindfleischverbot in Indien bis Trump.

"Wenn Sie noch nicht in Indien waren, unbedingt hinfahren, weil ihre Jobs schon hier sind." Mit zwei Sätzen schafft es Vir Das, seinem Publikum in einer amerikanischen Talkshow den globalen Kapitalismus zu erklären.

Jobs gibt es in seinem Heimatland nicht nur für IT-Spezialisten, die für ihre globale Kundschaft Software-Probleme billiger lösen als ihre Kollegen in den USA oder Europa. Jobs sind in den letzten zehn Jahren auch für Stegreif-Komiker wie Vir Das entstanden: "Die Dinge ändern sich. Je mehr Veränderungen, desto mehr Möglichkeiten für Satire."

Das hat mit zwei Entwicklungen zu tun: Der wachsenden Bedeutung von Internetmedien als neue Auftrittsorte für Stand-up-Comedians und einer wachsenden urbanen jungen Mittelschicht, für die Youtube und Netflix wichtiger sind als Kino und Fernsehen. Auf Internetplattformen können sich Stand-up-Comedians mehr Kritik leisten als im Bollywood-Kino oder auf staatlichen und großen privaten Fernsehkanälen.

Vorwürfe "antinationaler" Propaganda

Die indische Verfassung garantiert zwar Meinungsfreiheit, allerdings mit Abstrichen. Die sind vage, weswegen viele Medienunternehmen und Veranstalter eifrig Selbstzensur üben. Im letzten Jahr geriet Kunal Kamra in die Schlagzeilen, nachdem sein Auftritt in der nordindischen Universitätsstadt Baroda wegen angeblicher "antinationaler" Propaganda abgesagt wurde. "Egal was ich sage, irgendjemand wird sagen, es sei Propaganda", reagierte Kamra auf seinem Youtube-Kanal selbstironisch.

Auch Vir Das kennt die Vorwürfe. "Täglich werde ich auf Twitter 'antinational' genannt", erzählt er in seiner Show, die er für Netflix aufgenommen hat. Auf seinem indischen YouTube-Kanal macht er sich regelmäßig über den indischen Premierminister Narendra Modi lustig: "Da wurde also neulich wieder eine muslimische Familie wegen angeblichen Verzehrs von Rindfleisch gelyncht. Und die Reaktion des Premierministers: Pfeifen."

Modis Forderung, den Verzehr von Rindfleisch aus religiösen Gründen landesweit zu verbieten, war für den Comedy-Star der Grund für die eigene internationale Karriere. "Als meine Regierung Rindfleisch verboten hat, dachte ich, dass eine Welttournee doch keine so schlechte Idee sei. Ich bin hier wegen des Rindfleischs."

Indische Allerweltswitze

Wie "indisch" muss ein Stegreif-Komiker sein, um im globalen Unterhaltungsgeschäft seinen "unique selling point" zu behalten, und wie viel Allerweltswitze muss er erzählen, damit seine Pointen auch in San Francisco, Dublin, Eindhoven oder Berlin verstanden werden?

"Ich bin durch 33 Länder getourt und was haben all diese Länder gemeinsam? Ich habe in jedem von ihnen masturbiert. Meine DNA ist überall." Den Witz über die DNA-Spuren, die Vir Das auf allen Hotelmattratzen seiner letzten Welttour hinterlassen hat, könnte jeder tourende männliche Künstler erzählen, egal woher.

Und in seinen Amerika-Shows schlägt er die Brücke zwischen indischer und amerikanischer Politik, wenn er die schlichten Einsatz-Botschaften von Modi und Trump vergleicht. Er ist ein Weltbürger, der dem Publikum dessen Klischees über exotische Inder zurückspiegelt - eine Rolle, für die Vir Das prädestiniert ist: Er ist in Nigeria geboren und in Delhi aufgewachsen, hat in Amerika und Russland studiert und weiß, worüber Menschen auf der ganzen Welt lachen.

Ob ihm für seinen Auftritt in Berlin auch ein paar Parallelen zwischen indischer und deutscher Politik eingefallen sind, oder wie er die typisch deutsche Indienromantik von Yoga bis Ethnokitsch findet, hätten wir ihn gerne persönlich gefragt, aber die Bitte um ein Interview blieb unbeantwortet. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal. Grund genug, Indien eine Zeit lang den Rücken zu kehren, wird der bekennende Rindfleischliebhaber Vir Das auf jeden Fall haben, zumindest solange, wie Modi in seiner Heimat Premierminister ist.

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