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Studio 9 | Beitrag vom 25.04.2016

Indischer Anwalt Henri Tiphagne"Wir werden niemals aufgeben zu kämpfen"

Von Eberhard Schade

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Henri Tiphagne ist ein indischer Menschenrechtsverteidiger und Gründer der Menschenrechtsorganisation People's Watch. (imago/Hindustan Times)
Henri Tiphagne ist ein indischer Menschenrechtsverteidiger und Gründer der Menschenrechtsorganisation People's Watch. (imago/Hindustan Times)

Seit fast vier Jahrzehnten verteidigt Henri Tiphagne Aktivisten vor Gericht - obwohl er ursprünglich nie Anwalt werden wollte. Für seinen Kampf für ein gerechteres Indien erhält er jetzt den Menschenrechtspreis von Amnesty International in Deutschland.

Der Zeitpunkt der Preisverleihung könnte kaum besser gewählt sein. Diskutiert doch Indien derzeit wieder einmal heftig über die Diskriminierung der Ärmsten der Armen. Und viele, die den Unterdrückten helfen, geraten dabei selbst mächtig unter Druck. Das bekommt auch Henri Tiphagne zu spüren.

"Wir werden als Leute angesehen, die unser Land global in Misskredit bringen und deshalb stempelt man uns als Verräter ab und versucht uns zum Beispiel den Geldhahn zuzudrehen."

Das sagt der 59-Jährige so, als rede er über eine Lappalie. Ruhig, mit klarem Blick. Wie ein Fels sitzt er da, im Büro der Amnesty-Zentrale in Berlin. Aufrecht in feinem Sari und Harris-Tweedweste.

Der Mann, der sein Leben dem Kampf für ein gerechteres Indien gewidmet hat. Der seit fast vier Jahrzehnten Verschwundene aufspürt, Folter in Gefängnissen und auf Polizeistationen dokumentiert, Aktivisten vor Gericht verteidigt. Und dabei eigentlich nie Anwalt werden wollte:

"Um ehrlich zu sein: ich wusste gar nicht, was ein Anwalt genau macht. Ich wollte eigentlich Arzt werden. Diesen Wunsch hat meine Mutter in mir geweckt, die mich adoptiert hat. Sie arbeitete mit Leprakranken. Und wie sie wollte ich als Arzt für die Ärmsten der Armen arbeiten."

"Du musst im Bund mit Anwälten sein"

Zum Medizinstudium kommt es nicht. Dennoch engagiert er sich für die sozial Schwachen, arbeitet für eine Bürgerrechtsgewerkschaft zweieinhalb Jahre in den entlegensten Dörfern. Und erlebt jeden Tag hautnah, was es heißt in der größten Demokratie der Welt kaum Rechte zu haben.

"Und es war dort, dass ich zum ersten Mal mit der Polizei aneinander geriet und in der Folge mit Richtern und Gerichten und realisiert habe, wenn du wirklich den Armen helfen willst, musst du im Bund mit Anwälten sein – also beschloss ich Anwalt zu werden."

1982 schließt er sein Jurastudium ab, 13 Jahre später gründet er die Menschenrechtsorganisation People's Watch.

Manchmal dauert es zehn bis 15 Jahre bis er und seine Mitstreiter eine Beweisführung abschließen. Wenn dann nur fünf Prozent der korrupten Polizisten tatsächlich verurteilt werden - ist das nicht frustrierend?

"Heute sehe ich einen Erfolg"

"Früher hätte mich das frustriert, ja. Heute sehe ich einen Erfolg. Nämlich den, dass allein die Tatsache, dass wir über einen längeren Zeitraum an diesen Fällen dran bleiben, andere animieren, es auch zu tun. Und so multiplizieren sich diejenigen, die für Gerechtigkeit kämpfen. Fakt ist aber leider auch, dass Institutionen, die eigens dafür gegründet wurden, nicht effektiv arbeiten."

Tiphagne meint Indiens Nationale Menschenrechtskommission, den NHRC. Den Verantwortlichen dort wirft er 2011 Untätigkeit und Ineffizienz vor. Mut, der bestraft wird. Das hat uns die Lizenz gekostet, sagt er leise. Drei Mal lässt die Regierung die Konten von People's Watch einfrieren.

"540 Tage! 3 Mal 180 Tage kein Geld. Das war sehr schwer. Für meine Kollegen, meine Familie. 23 Monate ohne Gehalt. Es gibt uns aber noch und wir haben gezeigt: Ihr könnt uns treffen und uns eine Zeit lang lahmlegen, aber wir werden niemals aufgeben für Menschenrechte zu kämpfen."

Als Student sitzt Tiphagne mehrmals für kurze Zeit im Gefängnis. Heute hat er das Gefühl, dass ihn sein Ruf als Anwalt einer der wichtigsten indischen Menschenrechtsorganisationen davor schützt. Und seine Arbeit manchmal auch dadurch erleichtert wird, weil er selbst – durch seine Adoption – keiner Kaste angehört.

Trotzdem kennt auch er, dieser scheinbar unerschrockene Mann, Angst: 2005 wird sein Büro überfallen. Tiphagne ist egal, was die Einbrecher mitnehmen. Vielmehr Angst hat er davor, was sie vielleicht da lassen könnten.

Das Thema Menschenrechte in Schulen

"Wenn sie nur ein Päckchen Drogen in deinem Büro deponieren, bist du ruiniert. Denn dann wird es heißen: vielleicht wussten wir ja doch nicht alles über ihn und er hatte ein paar menschliche Schwächen ... Solche Prozesse, solche Verleumdungen kosten dich zehn Jahre deines Lebens. Und davor hatte ich Angst."

Langwierige Beweisführungen, eingefrorene Konten, Einbrüche. Was treibt einen wie ihn, trotzdem immer weiterzumachen? Die Jugend, antwortet Tiphagne postwendend. Seit 1997 bildet People's Watch Lehrer fort, trägt so das Thema Menschenrechte in Schulen. Und die 11 bis 14-Jährigen lieben es.

"Die Kinder gehen zu ihrem Lehrer und sagen: gestern war ein Feiertag, gestern stand aber auch Menschenrechte auf dem Stundenplan. Sie können machen was sie wollen – solange wir den Unterricht nachholen. Die Kinder verlangen regelrecht danach."

Genau das sagt er, braucht Indiens Kastenhierarchie. Junge Menschen, für die es selbstverständlich wird, alle Menschen gleich zu behandeln.

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