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Fazit | Beitrag vom 28.04.2018

Indische Künstlerinnen im Kunstmuseum WolfsburgVom Irrsinn von Grenzen

Von Anette Schneider

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Die indische Künstlerin Bharti Kher steht hinter ihrem Werk "Six Women"in der Ausstellung "Facing India" im Kunstmuseum Wolfsburg (Hauke-Christian Dittrich/dpa)
Die indische Künstlerin Bharti Kher steht hinter ihrem Werk "Six Women"in der Ausstellung "Facing India" im Kunstmuseum Wolfsburg (Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Als Ralf Beil vor wenigen Jahren das Kunstmuseum Wolfsburg übernahm, versprach er, das Ausstellungsprogramm globaler und weiblicher zu gestalten. Die aktuelle Sonderausstellungsfläche des Museums gehört nur den Frauen: "Facing India" stellt sechs zeitgenössische Künstlerinnen aus Indien vor.

Gleich am Eingang hängt eine 14 Meter breite Weltkarte, geflochten aus Elektrokabeln. Weitere Kabel verbinden die Kontinente miteinander und markieren aktuelle Flüchtlingsbewegungen. Sie sehen aus wie Stacheldraht. Auf Abwehr sind auch einige in die Weltkarte montierte Elektro-Lautsprecher gepolt: Sie senden nur Störgeräusche – ein menschliches Miteinander scheint nicht gewollt.

Dreht man sich um, erblickt man die Ursachen dafür: Da sieht man ein kreisförmiges Riesenmaul mit einem Durchmesser von 1,40 Meter. Einen gierigen Schlund, geformt aus widerlich feucht-rosa-glänzendem, künstlichem Zahnfleisch, aus dem hunderte künstliche Zähne ragen: Der Raubtierkapitalismus setzt zum Sprung an.

Dieser Auftakt gibt einen ästhetischen und aufklärerischen Anspruch von Kunst vor, den die Ausstellung erstaunlicherweise bis zum Schluss einhält. Erarbeitet hat sie die 44 jährige Kuratorin Uta Ruhkamp, nachdem sie vor gut zwei Jahren erstmals Indien bereiste: "Als Europäerin kann man sich den Eindrücken, die man dort hinsichtlich der Situation der Frau hat, nicht entziehen. Und so bin ich auf die Fragestellung gekommen, wie denn eigentlich Frauen ihr eigenes Land anschauen und habe Künstlerinnen meiner eigenen Generation aufgesucht und wollte sehen, wie politisch ist ihre Kunst?"

Die starken politischen Stimmen

Sechs Künstlerinnen bespielen jetzt die große Halle des Museums. Jede hat ihren eigenen Bereich, wobei es keine Trennwände gibt, so dass von überall Durchblicke möglich sind. Schnell wird dabei deutlich: Alle nutzen ihre Kunst, um sich vehement politisch einzumischen – obwohl sie ausgesprochen privilegiert sind: Sie alle stammen aus der indischen Oberschicht und studierten an Kunstakademien "wenngleich das von ihrer Familie nicht unbedingt begrüßt wurde, und so gesehen ist das schon ein sehr mutiger Schritt, aber sie sind auch die starken politischen Stimmen."

Bharti Kher etwa entwickelt Albträume über Gewalt gegen Frauen. Auf einigen Podesten präsentiert sie aus Kunstharz gegossene Saris. Die Frauen dazu fehlen. Auf gespenstische Art verweisen die leeren Hüllen auf ihr Verschwinden – gleich ob in Indien oder in Mexiko.Tejal Shah porträtiert in einer optimistischen Fotoserie Menschen, die sich selbstbewusst einer geschlechtlichen Zuordnung verweigern. Und Reena Kallat aquarelliert naturwissenschaftlich genau sehr merkwürdige Pflanzen und Tiere: Der Ti-Khor etwa besteht vorn aus einem Antilopenkörper und endet als Tiger und existiert nur im Grenzgebiet von Indien und Pakistan: "Die Serie zeigt eine von mir erfundene Spezies von Hybriden, die aus Ländern stammen, die grenzüberschreitende Konflikte austragen um natürliche Ressourcen wie Land und Wasser. Mich interessierte die Politisierung der Natur."

Ironisch macht sie so den Irrsinn von Grenzen bewusst. Ein Thema, das sich auf unterschiedliche Weise durch die Ausstellung zieht. Uta Ruhkamp sagt: "Seien es religiöse, seien es persönliche, seien es historische, territoriale, Geschlechtergrenzen: Sie beschäftigen sich mit diesen Grenzen, mit der Legitimität dieser Grenzen, aber auch mit deren Auflösung. Also, da ist viel Wille zur Veränderung."

Die Folgen planloser, globaler Urbanisierung

Die Öko-Feministin Vibha Galhotra thematisiert in ihrem Werk die Folgen planloser, globaler Urbanisierung und die Vernichtung von Umwelt und Natur. In einem sarkastischen Film zeigt sie in bewusst ästhetisierender Bildsprache und unterlegt mit pathetischer Musik die Verseuchung eines heiligen Flusses, in dem sich farbige Abwässer vermischen wie beim action painting: "Für mich bedeutet Kunst eine Befreiung: Dass ich einen Raum habe, in dem ich mich mit den gesellschaftlichen Werten beschäftigen kann, die mich umgeben. Deshalb versuche ich in meiner Arbeit, all die aktuellen, katastrophalen Verhältnisse ästhetisch zu verarbeiten. Und es ist sehr befriedigend, meinen Vorstellungen durch Kunst eine Stimme zu verleihen."

Die in vielen Arbeiten anklingende Endzeitstimmung hinterlässt auch im Museum selbst Spuren: Dort weist eine tragende, etwa zwölf Meter hohe Wand tiefe, schwarze Risse auf.

Für diese wohl stärkste Arbeit der ohnehin beeindruckenden Ausstellung legte Prajakta Potnis Hand an: Ihre Wand wirkt wie ein Sinnbild für einen brüchig gewordenen, globalen Kapitalismus, dessen mantrahaft beschworene, angebliche Alternativlosigkeit längst bröckelt. Und: Den die Künstlerin selbst zum Bröckeln bringt! Mit feinen Pinseln, die indische Frauen für die Bemalung ihrer Haut nutzen, zeichnete sie tiefe Risse auf die Wand: Macht kaputt, was euch kaputt macht!

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