Indische Flussgöttinnen

    Heiliges Bad in schmutzigem Wasser

    07:55 Minuten
    Menschen baden im Wasser des Ganges, eine heilige und reinigende Handlung in der Hindu Religion. Varanasi, Indien, 2018.
    Eintauchen ins Wasser des Lebens: In der indischen Stadt Varanasi versammeln sich Angehörige der Hindu-Religion am Ufer des Ganges. © picture alliance / NurPhoto / Diego Cupolo
    Von Antje Stiebitz · 04.07.2021
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    Sie heißen Ganga, Yamuna oder Narmada: Indiens Flüsse tragen die Namen weiblicher Gottheiten. Aber trotz ihrer Heiligkeit sind die Gewässer hoffnungslos verschmutzt. Umweltinitiativen setzen sich für ihren Schutz ein.
    Über die Treppen des Yamuna-Ghat schallen die Gesänge eines Opferrituals. Ghats, das sind die Treppenzugänge zu den Flüssen. Hier im Herzen des alten Teils der indischen Hauptstadt Delhi führen 32 Ghats direkt ans Ufer der Yamuna. Vor dem Priester stehen verschiedene Ritualgegenstände, unter anderem ein kupferfarbenes Gefäß mit einer Kokosnuss darauf.

    Göttinnen als Mütter allen Lebens

    "In allen unseren Zeremonien rufen wir durch ein Wassergefäß die Gewässer aller heiligen Flüsse an", erklärt Madhu Khanna, Religionshistorikerin an der Universität Jamia Millia Islamia in Delhi. "Die Verehrung des Gefäßes symbolisiert die Gebärmutter des Kosmos, die das heilige Wasser enthält. Wir rufen die Flüsse herbei, in dem Gefäß zu verweilen, solange die Zeremonie andauert."
    Die Verkörperung des Göttlichen durch die Natur sei ein wichtiges Merkmal der indischen Religionen, sagt Khanna, ob in Steinen, Bäumen, Tieren oder den Elementen. Die alten Schriften – etwa der Rigveda oder das spätere Epos Mahabharata – würden die "Wasser des Lebens" immer mit den Göttinnen verbinden:
    "Wasser erhält uns. Es heilt uns. Es reinigt uns. Und es hat die Kraft Leben zu erneuern. Deshalb wurden Flüsse als lebenserhaltende Mütter verehrt."
    Ganga (Göttin des Flusses Ganges). Malerei an einer Hauswand in Karnataka, Süd-Indien.
    Hüterin des heiligen Flusses: Ganga, die Göttin des Ganges, auf einer Wandmalerei in Karnataka im Süden Indiens.© akg images
    Nur wenige Meter von dem Opferritual entfernt sitzt Rani mit ihrer Familie auf Matten, die auf dem Boden ausgebreitet sind. Die 65-Jährige erklärt, warum sie immer wieder das Ufer des Flusses Yamuna besucht:
    "Wir kommen hierher, weil wir die Yamuna verehren. Wir betrachten sie als Mutter. Wir können auch den Ganges besuchen, aber in Delhi haben wir die Yamuna. Ganges und Yamuna werden beide sehr verehrt. Bete sie an, bade in ihnen. Das ist gut. Baden hat eine positive Wirkung."

    Heiliger Fluss mit beißendem Geruch

    Die zierliche Frau zieht sich ihren Sari über den Kopf, bis tief in die Stirn. "Aber heute badet niemand mehr im Fluss", sagt Rani, "wegen der Verschmutzung. Wir verehren Yamuna aus der Entfernung mit gefalteten Händen und baden dann an der Wasserpumpe. Als das Wasser noch sauber war, haben wir hier im Fluss gebadet."
    Rani Yamuna
    Mit dem Fluss verbunden: Rani und ihre Familie haben früher noch in der Yamuna gebadet.© Deutschlandradio / Antje Stiebitz
    Wer die Treppen zum Wasser hinuntersteigt, versteht sofort, was Rani meint. Die Yamuna ist schwarz, und ihr stechender Geruch beißt sich in den Schleimhäuten fest. Sushmita Sengupta ist Wasser-Expertin im Center for Science and Environment, einer Denkfabrik für Umweltfragen. "Wenn man die Verschmutzungswerte überprüft, kommt dabei heraus, dass der Fluss dort, wo er durch Delhi fließt, tot ist", sagt sie. "Der Fluss hat keinerlei Leben."

    Verschmutzt durch Abfälle einer Millionenstadt

    Die 22 Kilometer, die der Fluss durch Delhi fließt, machen nur zwei Prozent seiner gesamten Länge aus, erklärt Sengupta, aber auf dieser Strecke finden 80 Prozent der Verschmutzungen statt. Die Stadt Delhi mit ihren 20 Millionen Menschen zapft dem Strom gigantische Wassermassen ab. Haushalte und industrielle Betriebe nutzen es, verschmutzen es und leiten es – zur Hälfte völlig ungereinigt – zurück in den Fluss.
    "Für diese 22 Kilometer der Yamuna wurden bereits 450 Millionen Euro investiert", sagt Sengupta. "Aber der Verschmutzungsgrad hat vom ersten zum zweiten Yamuna-Aktionsplan noch zugenommen."
    Der verschmutzte Ganges in Indien.
    Trübe Aussichten: Zeichen religiöser Verehrung und Industrieabwässer mischen sich im Ganges.© imago / Pacific Press Agency / Sudipta
    Ein paar hundert Meter flussaufwärts steht ein kleiner Tempel zu Ehren der Göttin Yamuna. Ihre Statue ist in einen gold-gelben Sari gehüllt, ihr Reittier ist eine Schildkröte, und in den Händen hält sie zwei Krüge.
    "Mutter Yamuna ist sehr bedeutungsvoll", sagt Gauri Shankar Sharma, der Priester des Tempels. "Sie ist die Tocher der Sonne und die Schwester des Saturn. Der Fluss segnet uns. Während des Lockdowns ist in unserer Gegend niemand an Corona erkrankt."

    Vom Kultort einer Göttin zum Abwasserkanal

    Der Priester erklärt, dass es nur wenige Tempel zu Ehren von Yamuna gibt, weil der Fluss ja als ihre göttliche Verkörperung gilt. Wer sie verehren will, besucht seine Ufer.
    "Früher war das Wasser so sauber, dass alle reichen Ladenbesitzer vom Chandni Chowk zuerst hier gebadet haben und danach ihre Geschäfte öffneten", sagt der Priester. "Aber jetzt ist das Wasser so schmutzig, dass kaum noch jemand kommt."
    Gauri Shankar Sharma, der Priester des Yamuna-Tempels in Delhi, trägt Vollbart, ein gelbes Poloshirt und ein rotes Tuch über der linken Schulter.
    "Der Fluss segnet uns": Gauri Shankar Sharma, Priester des Yamuna-Tempels in Delhi© Deutschlandradio / Antje Stiebitz
    Damals, erklärt Gauri Shankar Sharma, habe die Yamuna zu 95 Prozent aus Wasser und 5 Prozent Abwasser bestanden. Heute habe sich das Verhältnis umgekehrt. Solange die Abwasserkanäle nicht stillgelegt würden, gebe es keine saubere Yamuna.
    Der erste Yamuna-Aktionsplan startete im Jahr 1993. Die zweite Phase des Aktionsplans begann 2003 und dauert bis heute an. Warum zeigen die Pläne keine Wirkung? "Es wurde bereits ein ganzheitlicher Plan gemacht", sagt die Wasser-Expertin Sushmita Sengupta. "Wir warten nur darauf, dass er umgesetzt wird." Woran liegt es, dass der bestehende Plan nicht umgesetzt wird? Es mangele an Wissen, antwortet die Wasser-Expertin.

    Rückbesinnung auf die Rechte der Natur

    Die Religionshistorikerin Madhu Khanna erklärt, dass Industrialisierung und Technologie einen katastrophalen Einfluss auf die Flüsse Indiens haben. Die moderne Ökonomie sei von einem anthropozentrischen Weltbild bestimmt und das sei verheerend: "Wir müssen akzeptieren, dass Mutter Natur genauso Rechte hat wie alle von uns. Die Menschen sind die Beschützer der uns umgebenden Naturkräfte."
    An den Treppen, die zum heiligen Fluss Yamuna in der indischen Hauptstadt Delhi hinunterführen, stehen Menschen in Badehosen oder mit um die Hüfte geschlungenen Tüchern bis zu den Knöcheln im Wasser, um sich damit zu benetzen.
    Verblassende Tradition: Nur wenige Menschen kommen noch zum Bad an den Treppen des Yamuna-Ghat in Delhi.© Deutschlandradio / Antje Stiebitz
    Die Natur, so Madhu Khanna, sei ein Geschenk der Götter an die Menschen gewesen. Deshalb müssten wir uns um sie kümmern und sollten uns vor ihr verbeugen. "Die Gottheit dieses oder des nächsten Jahrhunderts wird die Erde und die Natur sein", sagt Khanna.
    Die toxischen Gewässer der Yamuna stehen im scharfen Widerspruch zu ihrer Göttlichkeit. Angesichts der erschöpften Selbstheilungskräfte und jahrzehntelanger erfolgloser Reinigungsprogramme scheint die Lage hoffnungslos. Die fließenden Göttinnen Indiens haben es allerdings verdient, endlich wieder als kostbare "Wasser des Lebens" wahrgenommen und behandelt zu werden.
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