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Weltzeit | Beitrag vom 09.09.2021

Indiens 9/11Als Gandhi den passiven Widerstand erfand

Von Antje Stiebitz

Gandhi mit einer Protestgruppe beim 'Salt March', 1930. Der Marsch war ein wichtiger Teil der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Protest gegen das britische Salz-Monopol in der  Kolonie Indien. (imago / United Archives International)
Gandhi 1930 beim Protestmarsch gegen das britische Salz-Monopol in Indien. Sein Widerstand gegen die Briten begann aber schon zuvor in Südafrika. (imago / United Archives International)

Am 11. September 1906 protestieren Tausende Inder im südafrikanischen Johannesburg gegen die Einführung britischer Gesetze. An der Spitze des Protests steht Mahatma Gandhi mit seinem gewaltfreien Kampf für Indiens Unabhängigkeit.

Neu-Delhi, nicht weit vom Geschäftszentrum Connaught Place entfernt. Auf einem Schild am Eingangstor steht in schwarzen Buchstaben "Gandhi Peace Foundation". Daneben zeigt eine Zeichnung die unverkennbaren Umrisse des Widerstandskämpfers Mahatma Gandhi – ein dünner Körper in ein Tuch gehüllt, auf einen Stock gestützt. Durch den Garten hindurch an der Rückseite des großen Backsteinbaus wohnt Familie Jha. Ihr Haus lehnt an der Mauer der Stiftung, ein Zitronenbaum spendet Schatten.

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Die 26-jährige Pranchi Jha öffnet die Tür. Im Wohnzimmer sitzen ihr Bruder und ihre Eltern. Die Eltern arbeiten seit rund 20 Jahren für die Gandhi Peace Foundation: Vandana Jha als Bibliothekarin, Manoj Kumar Jha als Redakteur des Magazins "Gandhis Weg". Beide haben sich intensiv mit dem Leben der Pazifismus-Ikone auseinandergesetzt. Was verbinden sie mit dem Datum des 11. September 1906? Vandana Jha, in ein traditionelles blaues Salvar Kameez gekleidet, nennt das Stichwort:

"Seine Satyagraha. Er hielt an der eigenen Wirklichkeit fest. Das war deshalb so effektiv, weil er auf der Seite der Wahrheit stand. Gegen die britische Regierung. Die Proteste waren friedlich, deshalb waren sie alle erfolgreich. Das war der Grund, dass er wirksam blieb und Indien die Unabhängigkeit erlangte."

Als Grundschülerin einer Dorfschule hat die 50-Jährige das erste Mal von Gandhis gewaltfreiem Widerstand gehört und war beeindruckt. Aber heute, meint sie, interessierten sich in Indien alle nur noch für Geld und Konsum: 

"Es scheint mir, dass alle Menschen Gandhi vergessen haben. Dabei sind Gandhi und seine Gedanken nicht alt. Im Gegenteil, sie werden, je älter Gandhi wird, umso aktueller."

Das Beharren auf der eigenen Perspektive

Das aber, sagt ihr Mann Manoj Kumar Jha, würden die Menschen heute nicht erkennen. Vielleicht liege das daran, dass man nicht mehr weiß, was die Satyagraha wirklich bedeute.

"Satyagraha bedeutet nicht nur passiver Widerstand, sondern das Beharren auf der eigenen Perspektive, die zu Wahrheit für alle wird. Heutzutage ist Satyagraha ein politischer Protest geworden, um die Politiker durch Sit-ins in Haft zu nehmen und sie anzugreifen. Aber das ist nicht Gandhis Satyagraha. Seine Satyagraha zeichnet sich dadurch aus, dass er Schmerzen in Kauf genommen hat und einen langen Atem bewiesen hat. Und damit öffnete er das Herz des Gegners und führt eine Veränderung herbei."

Ihre Tochter Pranchi hört unbeeindruckt zu – sie kennt die Diskussionen über Gandhi seit ihrer Kindheit: 

"Jeder weiß, dass er viel für unser Land getan hat, und es ist ok, wenn alle wissen, dass er viel erreicht hat. Aber es ist auch ok, wenn jemand Gandhi nicht folgen möchte und die Gedanken Gandhis nicht teilt."

Eine junge Frau mit langen Haaren und ein Mann mit kurzen Haaren und Bart sitzen in einem Zimmer auf einem Sofa. (Deutschlandradio / Antje Stiebitz)"Jeder weiß, dass er viel für unser Land getan hat, und es ist ok", sagt Pranchi Jha. (Deutschlandradio / Antje Stiebitz)
Ihr Bruder Pratyush findet, dass über Gandhi so detailreich gesprochen würde und deshalb kaum mehr jemand zuhören möchte. Der 28-Jährige arbeitet als stellvertretender Filialleiter eines multinational agierenden US-amerikanischen Versicherungsunternehmens und findet es schwer, Gandhis Ideen heute zu leben.

"Denn was bedeutet Gandhi für ganz normale Menschen? Was bedeutet Satyagraha eigentlich? Die Menschen kämpfen heute darum, das zu verstehen. Und das größte Problem ist das vor allem für Menschen in meinem Alter, die nicht so viel nachdenken, sondern etwas machen und erreichen wollen."

Eine Familie, zwei Generationen, jung und alt. Spiegeln sie wider, wie Indiens Gesellschaft über die Geburtsstunde des gewaltfreien Widerstands heute denkt? 

Gandhi hat das britische Weltreich ruiniert

Das National Gandhi Museum liegt in Neu-Delhi am Rajghat, dem Westufer des Flusses Yamuna, wo die Asche Mahatma Gandhis liegt. Alagan Annamalai sitzt auf einem Sessel in seinem weitläufigen Arbeits- und Empfangszimmer. Der Museumsdirektor fragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass die USA eine Gedenkbriefmarke zu Ehren von al-Qaida und dem 11. September herausbringen würden? Für den Feind?

"Gandhi hat kein Gebäude zerstört, er hat niemanden in London umgebracht, aber trotzdem hat er das britische Weltreich ruiniert."

Deshalb, fährt der Museumsdirektor fort, hätten die Briten in ihrem Parlamentsgebäude eine Statue von Gandhi errichtet.

"Und 1969 brachten sie ihm zu Ehren eine Gedächtnisbriefmarke heraus. Das ist die Lektion, die wir von der gewaltfreien Strategie lernen können."

Wie legitim ist der passive Widerstand in Demokratien? Wo es andere Möglichkeiten des Protests und zivilen Ungehorsams gibt? In Deutschland zum Beispiel ist das Widerstandsrecht im Grundgesetz garantiert. Andre Postert vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung plädiert dafür, von Widerstand nur in Diktaturen zu sprechen. Das ganze Interview hören Sie am Ende der Weltzeit.

Doch wie kam es zur ersten Satyagraha, zum ersten passiven Widerstand? 1906 erweiterte die britische Kolonialmacht in Südafrika ihre Passgesetze für Asiaten. Jeder Inder oder Chinese sollte eine Art Pass mit Fingerabdruck beantragen und diese Papiere immer bei sich tragen. Wer sich nicht daran hielt, sollte bestraft werden.

"Das war sehr erniedrigend für die Inder. Normalweise müssen Kriminelle ihre Fingerabdrücke bei sich tragen und die Abdrücke werden bei der Polizei aufbewahrt. Aber nicht Indien als größte Zivilisation seit Tausenden von Jahren! Diese zivilisierten Menschen werden wie Kriminelle behandelt. Das war die empfindliche Demütigung einer großen Tradition."

Deshalb, so der Museumsdirektor Alagan Annamalai, wollte Mohandas Karamchand Gandhi, der damals als Anwalt in Johannesburg arbeitete, die neuen Passgesetze nicht dulden. Er versammelte alle Inder und diskutierte die Angelegenheit.

Menschen waren bereit zu sterben

"Eine ältere Person sagte: Auch, wenn sie mich umbringen, ich werde sie nicht in mein Haus lassen. Das war der Wendepunkt der Diskussion. Sogar wenn sie töten! Die Menschen waren bereit zu sterben. Das ist Aufopferung. Sie waren bereit zur Selbstopferung!"

Schwarzweißfoto, auf dem Hunderte Menschen eine Straße entlang gehen. (picture-alliance / dpa / Dinodia)Der Demütigung folgte der Widerstand: Hier der große Protestmarsch in die damalige südafrikanische Provinz Transvaal im Oktober 1913. (picture-alliance / dpa / Dinodia)
Gandhi verhandelte zunächst mit dem General Jan Smuts, aber der General hielt sich nicht an die Abmachungen. Daraufhin unternahmen rund 30000 Inder einen Protestmarsch und verbrannten öffentlich ihre Pässe. Das war die Geburtsstunde der Saytygraha, des passiven Widerstands. Gandhi ging grundsätzlich davon aus, so Alagan Annamalai, dass jeder Mensch Herzensgüte besitzt. Dass man an diese Güte appellieren und eine Lösung herbeiführen kann.

"Konflikte gehören zur Natur des Menschen, dem kann man nicht entkommen. Aber unsere Zivilisation sollte eine kultivierte Methode haben, Schwierigkeiten zu überwinden. Ich denke, Gandhis Satyagraha ist eine solche Methode."

Ein Bollywood-Film erinnert an Gandhis Ideale

2006 kam in Indien der Bollywood-Film "Lage Raho Munna Bhai" in die Kinos. Der Titel heißt übersetzt in etwa "Bleib dran, Munna Bruder". Mit der Komödie greift der Produzent Vidhu Vinod Chopra - genau hundert Jahre später – die gesellschaftlich bereits in den Hintergrund getretenen Ideale Gandhis auf.

Der Gauner Munna verliebt sich in die Radiomoderatorin Jhanvi. Um in ihre Radioshow eingeladen zu werden, liest er sich innerhalb von drei Tagen in das Leben Gandhis ein, den er vorher nur als "Bapu", als Großvater, auf den Geldscheinen kennt. Von nun an erscheint Gandhi dem Gauner als Geist und beginnt, das Leben Munnas zu verändern.

Als Lucky, ein Freund Munnas, mithilfe krimineller Machenschaften das Haus der Radiomoderatorin räumen lässt, ihre alten Hausbewohner herauswirft und die Hausschlüssel mitnimmt, entschließen sich Munna, die Radiomoderatorin Jhanvi und ihre Mitbewohner, ein Satyagraha durchzuführen, also passiven Widerstand zu leisten. Gauner Munna schickt dem Gauner Lucky einen riesigen Blumenstrauß und einen Brief, den dessen Tochter laut vorliest:

"Lieber Lucky, mein Anwalt hat mir gesagt, dass Unehrlichkeit eine Krankheit ist. Du hast sie. Dir geht es extrem schlecht. Aber ich werde Dich heilen. Und ich bleibe bei Dir, bis Du Dich wieder erholt hast. Schau mal aus dem Fenster, Munna."

Als der Gauner Lucky aus dem Fenster blickt, sieht er Munna, Jhanvi und ihre Mitbewohner auf der Straße campieren. Auf einem Schild steht "Werde gesund!" Und Munna erklärt ihm, dass sie hier so lange friedlich protestieren, bis Lucky einsieht, dass er einen Fehler gemacht hat.

Der Film löste 2006 eine Welle von "Gandhigiri" in Indien aus – eine neue Wortschöpfung, die so viel heißt wie "Handeln wie Gandhi". Doch wie tief geht diese Bewunderung für Gandhi?

Wie relevant sind Gandhis Ideale für die indische Politik?

Die Bilder und Statuen von Mahatma Gandhi sind in Indien überall präsent: bei der Regierung, der Polizei, in Schulen, auf Plätzen, in Parks und natürlich auf den Geldscheinen. Aber wie relevant sind er und seine Ideen für die indische Politik? Etwa für die Regierungspartei Bharatiya Janata Party, kurz BJP?

Ich treffe den Anwalt und BJP-Sprecher Nalin Kohli in seiner Kanzlei in der Nähe des Khan Market.

"Es geht hier nicht um Gandhi und die BJP. Gandhi ist ein globales Phänomen. Die Ideale, die er verfolgte, sind universelle Ideale. Sie sind nicht speziell für die BJP oder irgendeine andere Partei. Ich denke nicht, dass irgendeine politische Partei rein nach Gandhis Prinzipien arbeitet. Ich weiß nicht, warum die BJP da eine andere Beziehung zu Gandhi haben sollte als die anderen Parteien?"

An einem Gebäude ist ein Bild von Gandhi gemalt, ein Mann geht daran vorbei. (imago images / Pacific Press Agency / Sudipta Das)Gandhi ist allgegenwärtig in Indien, wie hier in Kalkutta. Aber wie relevant sind er und seine Ideen noch? (imago images / Pacific Press Agency / Sudipta Das)
Dann fügt der 50-Jährige hinzu:

"Natürlich ist er für Indien etwas Besonderes. Immerhin ist Gandhi derjenige, der Indien Freiheit und Unabhängigkeit gebracht hat. Wir bezeichnen ihn auch als Vater der Nation."

Der 11. September 1906 scheint für Indien also bis heute bedeutend zu sein. Dennoch: Was hätte Mahatma Gandhi beispielsweise dazu gesagt, dass die Regierung systematisch Politik gegen die muslimische Minderheit Indiens betreibt? Schließlich hatte sich Gandhi immer intensiv für eine Verständigung zwischen Hindus und Muslimen eingesetzt. Nalin Kohli erklärt:

"Ich kann mir in der heutigen Welt kaum noch jemanden vorstellen – und da schließe ich Indien mit ein –, der sich auf dem Weg der Satyagraha befindet."

Gandhi hat Unmögliches erreicht

Zurück im Wohnzimmer der Familie Jha, die hinter der "Gandhi Peace Foundation" wohnt. Manoj Kumar Jha erstaunt es nicht, dass Gandhi für die Regierungspartei BJP nur noch Geschichte ist. Und wenig mit seinen Idealen anfangen kann.

"Es ist nicht nur diese Regierung, keine Regierung arbeitet nach dem Prinzip von Satyagraha, mit der Wahrheit. Sie achten nur auf ihre Position, ihr Image und wollen unter keinen Umständen ihre Macht aufgeben."

Eine ältere Frau mit langen Haaren und ein Mann mit kurzen grauen Haaren sitzen in einem Zimmer auf einem Sofa. (Deutschlandradio / Antje Stiebitz)„Keine Regierung arbeitet nach dem Prinzip von Satyagraha, mit der Wahrheit“, sagt Manoj Kumar Jha. (Deutschlandradio / Antje Stiebitz)
Sein Sohn Pratyush nimmt einen Schluck aus der Teetasse. Gandhi habe etwas erreicht, was eigentlich kein einzelner Mensch erreichen kann, erklärt er. Aber man müsse die Gedanken dahinter verstehen. Da seien die Briten gewesen, die teilten und herrschten. Und da war Gandhi, der wollte, dass jeder teilnimmt, dass jeder eine Stimme hat:

"Das ist der entscheidende Unterschied und darüber muss man wirklich nachdenken. Vor allem Führungskräfte sollten es tun, wenn sie wollen, dass sich etwas verändert."

Auf der anderen Seite, fügt er hinzu, sei es wenig hilfreich, sich ständig darüber zu beschweren, dass der Premierminister oder die Regierung etwas falsch mache:

"Denn was tut man selbst in seinem eigenen Leben, um etwas zu verändern? Wenn du wirklich eine Veränderung in der Welt sehen möchtest, dann arbeite daran. Was auch immer es ist. Es kann etwas Kleines sein oder etwas Großes. Aber diese Veränderung kann nur durch den Einzelnen geschehen, denn diese machen unsere Gesellschaft aus – überall auf der Welt."

Zurück in den lärmenden Straßen Delhis erscheint das kleine Häuschen unter dem Zitronenbaum wie eine entrückte Oase. Mahatma Gandhi mag aus einer anderen Zeit und in seinen Idealen unerreichbar sein. Und doch berührt er Themen, die bis heute für unser aller Leben entscheidend sind.

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