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Reportage / Archiv | Beitrag vom 08.07.2013

Indiana Jones in Tempelhof

Archäologen graben in Berlin nach einem Konzentrationslager der Nazis

Von Wolf-Sören Treusch

Das alte Flugfeld von Tempelhof - nun auch ein Grabungsfeld. (AP)
Das alte Flugfeld von Tempelhof - nun auch ein Grabungsfeld. (AP)

Für eine Archäologengruppe sind derzeit in Berlin nicht etwa die Uralt-Überbleibsel aus rund 800 Jahren Stadtgeschichte interessant. Sie suchen nach jüngeren Spuren: Fundamenten eines frühen Konzentrationslagers der Nazis. Ein Team der FU gräbt tief und kämpft dabei mit neuem Abfall.

Seit Stunden sieben fünf Studierende der Freien Universität den Aushub durch, den der Bagger aus der Erde geholt hat. Was annähernd interessant sein könnte, landet in einem Eimer.

"Ja, was haben wir hier: Metallgegenstände, verrostete, dann haben wir so ein paar lasierte Ziegelstücke, Nägel ganz viele, hier ne Zählmarke, Glas ne Menge, bisschen Keramik, ja, hier so Sicherheitsglas gibt es auch viel, …"

Und schon wirft Julia die nächste Schippe Erde gegen das Sieb. Was nicht durchfällt und davor liegen bleibt, untersucht sie mit ihren Händen. Etwa 200 Quadratmeter groß ist das Grabungsgelände. Es liegt direkt am östlichen Ende des riesigen Flughafengebäudes in Tempelhof. Vor 80 Jahren stand hier einmal ein KZ. Ob die Funde tatsächlich aus der NS-Zeit stammen, kann Julia nicht sagen.

"Also wir hatten eine Munition aus dem Zweiten Weltkrieg, also eine Pistolenkugel hatten wir schon. Aber das muss man ja alles erst mal sauber machen und dann sich genau unter der Lupe angucken eigentlich."

Ein paar Meter weiter steht Grabungsleiter Jan Trenner. Er beobachtet, wie Eisenträger und Spundwände abtransportiert werden. Sie werden nicht mehr gebraucht. Erste Grabungen an dieser Stelle haben ergeben, dass man sehr viel sensibler ans Werk wird gehen müssen, sagt Trenner. Unter der Erde liegen jede Menge Versorgungsleitungen aus den 80er Jahren. In den Plänen waren sie nicht eingezeichnet.

"Das bedeutet halt für uns: 'Okay, da war schon mal jemand und hat die Befunde eventuell schon weg geräumt bzw. zerstört, bevor Archäologen da waren.' Deshalb wird es ziemlich schwierig, noch Originalfunde zu bekommen, aber es werden welche auf jeden Fall dabei sein, vielleicht stammen ja auch noch welche aus dem Gebäude, dem ehemaligen 'KZ Columbia'."

Was kaum jemand weiß: Bis 1938 stand hier eines der ersten Konzentrationslager der Nazis. Etwa 10.000 Häftlinge wurden in ihm kurzfristig untergebracht, verhört und gefoltert. Überreste aus dieser Zeit zu finden, das ist in diesem Jahr das Grabungsziel.

Was Spektakuläres kann auch ein ganz normaler Befund sein, der einfach fehlt in der Forschung, der kann einen als Archäologen oder als Wissenschaftler genauso umhauen wie jetzt ein Goldkreuz oder was sich der Laie vielleicht vorstellt: so ein Münzschatz.

Auf eigene Gefahr!

"Bevor wir das Grabungsgelände betreten, muss ich Sie offiziell darauf hinweisen: Sie tun das auf eigene Gefahr, ja, …"

Professor Reinhard Bernbeck vom Institut für Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität ist der Projekt-Leiter. Er führt interessierte Besucher regelmäßig über ein zweites Gelände auf dem Flughafen. Dort wurde bereits im vergangenen Jahr gegraben.

Bernbeck zeigt zunächst einmal eine Luftbildaufnahme. Darin sind die Linien mehrerer Baracken eingezeichnet, die hier einmal gestanden haben. Ein Zwangsarbeiterlager der Nazis, das diese 1940 errichtet hatten. Die Zwangsarbeiter kamen vorwiegend aus Osteuropa und mussten unter anderem für die Luftwaffe JU-87-Sturzkampfbomber montieren.

Zwei riesige, rechteckig ausgestochene Gruben dokumentieren: hier haben die Archäologen bis zu zwei Meter tief gegraben. Immer auf der Suche nach Alltagsgegenständen der Zwangsarbeiter. Zum Teil haben sie die Gruben wieder zugeschüttet, nur eine Stelle haben sie offen gelassen.

"Was Sie hier sehen, das ist die Sohle von einem solchen Splitterschutzgraben."

Die Splitterschutzgräben dienten den Zwangsarbeitern als Fluchtpunkt vor den Bombenangriffen. Die Tatsache, dass der Boden dieses Grabens sehr schmal ist, zeigt: nur wenige der mehreren hundert Zwangsarbeiter fanden hier im Notfall Platz.

"Und dann haben Sie als nächstes die Frage: ‚wie hat denn das funktioniert'? Wer zuerst kommt, kommt zuerst rein und hat dann Glück gehabt? Oder was war da los? - (Besucher) Und die zweite Frage ist: was haben Sie konkret gefunden außer den Fundamenten der Splitterschutzgräben? - (Bernbeck) Wenn Sie nach Funden fragen: hier kamen eben zum Beispiel Marken heraus mit Nummern drauf. Das sind zum Teil wahrscheinlich Zugangsmarken gewesen zu dem Lager hier, und das muss man jetzt mal genau sehen, ob man die bestimmten Leuten zuordnen kann und ob es da irgendwelche anderen Indizien dafür gibt. Wenn ich auch nur eine einzige Person, die hier gewesen ist und anders nicht dokumentiert ist, feststellen kann, das ist mehr wert als viele, viele andere Funde."

Archäologisches Alltagsgeschäft

Besucher: "Für mich war das heute ein interessanter Einblick in den Untergrund, ich kenne Zwangsarbeiterbaracken, die heute noch stehen, das sind leider sehr wenige, und umso wichtiger finde ich, auch die verschütteten, verlorenen Zwangsarbeiterbaracken zu erforschen, und das war heute ein Beispiel dafür, wie man es machen kann."

Die Grabungsgruppe, die am ehemaligen KZ nach Überresten sucht, macht Feierabend. Das Land Berlin hat der FU eine alte Mülltonnenwaschanlage am Rande des Flughafens zur Verfügung gestellt. Dorthin bringen die Studierenden ihre Arbeitswerkzeuge.

Dann schütten sie die Beute des Tages auf dem Tisch aus und beginnen, die Funde zu sortieren. Archäologisches Alltagsgeschäft.

"Rostiger Stacheldraht. - Ist das echt Stacheldraht? - Sieht doch so aus, oder? - Wenn das Stacheldraht ist, muss der extra eingepackt werden."

Es ist noch eine Fülle von Material, das dokumentiert werden muss. Wie viel davon tatsächlich aus der NS-Zeit stammt, wie viel aus der Nachkriegszeit, untersuchen nun die Restauratoren. Ende des Jahres wollen die Archäologen mit der Spurensuche auf dem Tempelhofer Feld fertig sein.

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