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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 12.02.2008

In Waldkirch dreht sich alles um die Orgel

Von Solveig Grahl

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Drehorgelspieler (AP Archiv)
Drehorgelspieler (AP Archiv)

Waldkirch, dieser kleine Ort im Schwarzwald, ist eine Cittaslow. Eine Stadt, in der sich die Zeiger der Uhren langsamer drehen - wie man so landläufig sagt. Offiziell ausgedrückt: Cittaslow ist die Erhaltung der Vielfalt und der eigenen Identität im Zeitalter der Globalisierung.

Doch trotz Erhaltung der Art ist Waldkirch nun auch wieder nicht von der Globalisierung entfernt. Denn wer auch immer irgendwo auf der Welt einen Jahrmarkt eröffnet, erweitert oder erneuert, der kommt hierher, um die über 200-jährige Erfahrung der Orgelbauer zu nutzen. Im Angebot: Kirchen- und Karrusselorgeln, Orchestrien und Leierkästen - und alle drei Jahre ein Orgelfest.

"Das ist im wahrsten Sinne eine Drehorgel. Man dreht, die Walze bewegt sich, gleichzeitig schöpft man über die Kurbelwelle Wind, und alles zueinander gesteuert: Dann erklingt Musik."

"Es ist ein Sarg auf der Bühne. Während dem Drehen öffnet sich der Sarg, und es kommt kein Geringerer als Napoleon heraus. Er hebt seinen Kopf, er öffnet die Augen, er salutiert, legt sich wieder hin, und der Sarg schließt sich. Das passiert dann immer während dem Drehen. Signiert ist sie 1855 hier in Waldkirch von der Firma Gebrüder Bruder."

Wolfgang Brommer steht im Ausstellungsraum, neben seiner Werkstatt, und erweckt Napoleon zum Leben. Wenigstens für ein paar Minuten. Dann hört der stämmige Mann mit dem freundlichen Gesicht auf zu kurbeln und zeigt voller Stolz auf die nächste Drehorgel:
"Hier haben wir ein Bühnenensemble von 21 Figuren, tanzende Paare in der Mitte, die sich auf dem Kreisel drehen. Napoleon ist wieder da, dann die Musikanten. Was uns hier sehr begeistert: Die Walze ist original, die Pfeifen sind original, hat alles überlebt. Ein wahres Kleinod von Ignaz Bruder, datiert von 1826, das ist die älteste noch erhaltene Orgel von Bruder, die wir bis jetzt wissen."

Wolfgang Brommer ist Orgelbauer in Waldkirch. Er hat diese kleinen Schmuckstücke restauriert. Drehorgeln, Musikautomaten, fast alle rund 200 Jahre alt, Zeugen einer anderen Zeit, die den kleinen Ort im Schwarzwald bis heute prägt. Vier Orgelbau-Unternehmen haben sich dort in den vergangenen 20 Jahren neu angesiedelt. Das ist viel für eine Stadt mit gerade mal 20.000 Einwohnern.

Wer nach Waldkirch reist, kommt an der Geschichte nicht vorbei, nicht an den Drehorgeln und nicht an Ignaz Bruder. Ohne den Schwarzwälder wäre Waldkirch wohl nicht das, was es heute ist. Der gelernte Maurer, geboren 1780, war sein eigener Lehrmeister. Er nutzte die Abgeschiedenheit auf den Berghöhen des Schwarzwalds, die langen kalten Winter und den Holzreichtum. Er ließ sich inspirieren von der Kuckucksuhr, die im Schwarzwald bereits um 1730 erfunden worden war. Der Tüftler aus dem Schwarzwald brachte Waldkirch die Drehorgel:

"Also das ist die Keimzelle des Waldkircher Orgelbaus. Wir sehen hier die Familie Bruder, das ist Ignaz Bruder. Man merkt nicht mehr, dass er mal ein einfacher Maurergeselle war und vielleicht gerade mal vier Jahre Schulausbildung gehabt hat. Man sieht ihm an, dass er stolz ist und in seinem feinen Anzug hier sich in Öl hat malen lassen. Das war plötzlich eine Familie geworden, die wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliches Ansehen in Waldkirch repräsentierte."

Erzählt Evelyn Flögel, Leiterin des Waldkircher Elztalmuseums. Anfang des 19. Jahrhunderts begann Ignaz Bruder, Flötenuhren zu bauen, die er mit mechanisch bewegten Figuren prachtvoll ausstattete. Winzige Militärkapellen waren da zu sehen. Oder tanzende Paare. Das Zusammenspiel von Musik und Mechanik reizte den Handwerker:

"Wir sehen hier vorne das Uhrwerk. Dahinter, in diesem großen Kasten, sind die Pfeifen angeordnet. Dann sehen wir jetzt hier oben eine Militärkapelle, die sozusagen die Musik bläst."

"Da Ignaz Bruder auf die Musik so großen Wert gelegt hat, versuchte er dann das Uhrwerk komplett wegzulassen, um einfach mehr Raum für die Pfeifen zu schaffen, um eben richtige Musikinstrumente zu bauen."

Im Jahre 1806 gelang Ignaz Bruder der Durchbruch: Er baute seine erste funktionstüchtige Drehorgel. Kunstvoll gestaltete Instrumente waren das, mit einer Guckkastenbühne, deren Figuren meist Bezug nahmen auf politische Ereignisse wie die Französische Revolution oder den Wiener Kongress. Der Schwarzwälder Tüftler hatte die Zeichen der Zeit richtig erkannt. Das Bürgertum im 19. Jahrhundert wurde selbstbewusster, gewann an Einfluss und besaß oft das nötige Geld, um sich diese neu erfundenen Musikautomaten leisten zu können:

"Man konnte es dem Adel nachmachen. Es ist vergleichbar heute mit solchen großen teuren Musikanlagen. Wenn man sich so etwas ins Wohnzimmer stellte, hatte man als Bürger natürlich so ein gewisses Renommee sich eingekauft. Man konnte damit zeigen: Man kann es sich leisten, man ist kultur- und technikinteressiert, das heißt, man ist auf dem Wege des Fortschritts."

Musik und Technik miteinander zu verbinden, das war Ignaz Bruders Rezept für den wirtschaftlichen Erfolg. Bald schon wurden Waldkirchs Drehorgeln weit über die Grenzen des Schwarzwalds hinaus bekannt. Bruders Söhne führten das Unternehmen weiter und bauten es aus. Andere Orgelbauer siedelten sich in dem Städtchen an. Ende des 19. Jahrhunderts kam die Globalisierung nach Waldkirch. Die damals größte Drehorgel-Fabrik Frankreichs, das Pariser Unternehmen Gavioli, eröffnete eine Filiale in dem Schwarzwaldstädtchen, erzählt Evelyn Flögel:

"Es hat dadurch von dem Know-how der Waldkircher Handwerker profitiert, die gut ausgebildet waren, hat vom Ruf Waldkirchs profitiert. Umgekehrt haben die Waldkircher Orgelbauer auch von Gavioli profitiert, weil Gavioli die Lochkartensteuerung für die Instrumente mitgebracht hat aus Frankreich. Und damit war es überhaupt möglich geworden, dass auch die Waldkircher überhaupt noch konkurrenzfähig waren. Bis dahin hatten die noch ihre Musikstücke auf Walzen programmiert, das heißt man konnte lange nicht so schnell neue Musikstücke wechseln."

Das aber wurde immer wichtiger. Mitte des 19. Jahrhunderts nämlich kamen Freizeitparks und Jahrmärkte immer mehr in Mode – und mit ihnen die großen Konzertorgeln. Die spielten die beliebtesten Musikstücke der damaligen Zeit und zu den mitreißenden Klängen vergnügte sich die einfache Bevölkerung, die sich die Karten für ein richtiges Konzert nicht leisten konnte.

Das Elztal-Museum erzählt diese Waldkircher Erfolgsgeschichte. Fein geschnitzte Figurenuhren, wertvolle Drehorgeln, riesige Orchestrien und Jahrmarktsorgeln aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert – viele dieser Zeitzeugen stehen heute im Museum. Andere finden sich in der ganzen Welt, in Restaurants, Hotels, Privaträumen:

"Wir haben im Sommer wieder chilenische Orgelspieler bei uns, die tatsächlich noch alte Waldkircher Instrumente besitzen. Wir haben in New York Instrumente gehabt. Wir finden Instrumente in Australien, wir finden Instrumente in Indien. Die Waldkircher Orgelbauer haben tatsächlich den Weltmarkt bedient, noch vor dem Ersten Weltkrieg. Letzthin wurde ich informiert, dass in Kuba in einem Hotel ein Waldkircher Instrument steht."

Doch immer wieder finden die alten Instrumente den Weg zurück aus der großen weiten Welt ins kleine, gemütliche Waldkirch – und landen nicht selten in der Orgelwerkstatt Fleck & Söhne, nur einen Katzensprung entfernt vom Elztalmuseum. Die Balganlage solch einer alten Orgel wird hier gerade nachgebaut, das Original war nicht mehr zu gebrauchen, sagt Stefan Fleck, Chef der kleinen Firma. Er hat sich spezialisiert auf die Restaurierung von alten Orgeln:

"Das ist ein wunderschönes Instrument. Das ist in der Waldkircher Gavioli-Filiale produziert worden, und das Größte, was hier gebaut wurde, waren diese 89er-Modelle. Ich weiß nicht, ob weltweit eine zweite Orgel da ist, mit einer derart hohen Substanz an original erhaltenem Material. Deswegen war es ein Glücksfall, dass das Instrument angekauft werden konnte durch die Stadt."

In England hat die Stadt das ehrwürdige Instrument gefunden und erworben. Zum diesjährigen Waldkircher Orgelfest im Sommer soll die Gavioli-Orgel fertig restauriert sein – und spielen. Noch aber steht sie bei Stefan Fleck in der Firma - im Vorraum. Denn der riesige Kasten aus Nussbaumholz ist für die Werkstatt zu hoch. Voller Ehrfurcht steht der Orgelbauer vor dem entkernten Instrument:

"Die war lange Zeit mit einer sehr berühmten Schaustellerfamilie unterwegs, mit Mattheu aus München, die hatten diese Orgel jahrzehntelang. Kitty Mattheu war eine berühmte Steilwandfahrerin, die an der Steilwand mit dem Motorrad ihre Runden kreiste. Da hatten sie ihre Orgel sehr oft dabei. Vorher spielte wohl die Orgel, um die Leute irgendwie zu unterhalten musikalisch."

Stefan Fleck ist Orgelbauer aus Leidenschaft. Schon als Fünfjähriger zeichnete er Entwürfe dieser Instrumente. Wann immer es ging, war er mit seinem Vater auf Jahrmärkten unterwegs und lauschte den Orgelklängen:

"Diese mechanischen Bewegungen, was da dann schlussendlich für eine tolle Musik bei rauskommen kann. Ich finde das sehr ergreifend. Ich habe mich der Sache aus musikalischer Sicht genähert. Wenn Sie da gute Arrangements auf solchen Instrumenten hören, ist das unglaublich toll, was da musikalisch erreicht werden kann. Und das aus einem Gerät, das eigentlich aus Holz und Metall besteht, wo kein Mensch einen Finger krumm macht, und trotzdem macht das so fantastische Musik. Das finde ich nach wie vor sehr faszinierend."

Orgelbauer sind halbe Schreiner. 80 Prozent einer Orgel bestehen aus Holz, sagt Stefan Fleck. Fast alles ist Handarbeit. Für die Restaurierung manch eines Instruments ist er schon durch halb Europa gefahren, auf der Suche nach Ersatzteilen. Seine Kunden wollen, dass das Instrument so authentisch wie möglich restauriert wird:

"Unsere Kunden, das sind fast alle Leute, die mindestens im Rentenalter sind. Jüngere Leute sind bei uns eher die Ausnahme. Und ich stelle die letzten zehn Jahre schon ganz deutlich fest, das Durchschnittsalter geht stetig höher. Da müsste man sich vielleicht eine gewisse Sorge machen, was ist denn in zehn Jahren? Da fragt man sich schon, wie geht das weiter?"

Der Markt werde sich verlagern, glaubt Fleck. Heute schon habe er viele Kunden in den Niederlanden, aber auch aus den USA kämen oft Sammler dieser alten Instrumente nach Waldkirch.

New York, London, Paris. Die Waldkircher Dreh- und Jahrmarktsorgeln wurden in alle Welt geliefert, in aller Welt gespielt. Das Städtchen im Schwarzwald war Mekka des Orgelbaus. Bis zum Ersten Weltkrieg. Dann brach der Markt für die Musikautomaten zusammen. Von diesem Verlust erholten sich die Waldkircher Unternehmen nicht mehr. Rundfunk und Schallplatten wurden zunehmend zur Konkurrenz. 1937 schloss das letzte Waldkircher Orgelbauunternehmen – doch die Erinnerung an die jahrhundertealte Tradition verblasste nicht, sagt Evelyn Flögel vom Elztalmuseum:

"Man wollte nach dem Krieg wieder an etwas anknüpfen, was durch den Krieg so abrupt gekappt worden ist. Man ging auf den Jahrmarkt, man spielte dort wieder die nostalgischen Instrumente, aber sie waren durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen. Und so ist man dann nach Waldkirch gereist, hat es reparieren lassen. In den 60er, 70er Jahren wurde dann wieder der Wunsch laut, neue Instrumente zu bauen. Und so entstanden dann eben in den 80er Jahren auch hier wieder Orgelbauer, die nicht nur restauriert haben, sondern solche Instrumente für den Freizeitbedarf gebaut haben."

In den vergangenen 25 Jahren hat sich Waldkirch wieder zu dem entwickelt, was es seit dem frühen 19. Jahrhundert war: das Mekka der Dreh- und Jahrmarktsorgeln. Die Drehorgel ist hier Programm. Geschickt nutzt die Schwarzwald-Kleinstadt ihre alte Tradition für das Stadtmarketing von heute. Alle drei Jahre lädt das Städtchen zum Orgelfest ein. Längst ist das über die engen Grenzen des Schwarzwalds hinaus bekannt. Die Besucher kommen aus aller Welt, vor allem aus Japan und den USA. Dieses Jahr im Juni ist es wieder soweit. Drumherum hat sich eine ganze Waldkircher Orgelwelt entwickelt. Dazu gehört das Elztalmuseum mit seiner einzigartigen Sammlung alter Instrumente genauso wie die vier Orgelbauunternehmer der Stadt, die Waldkircher Orgelstiftung und die Orgelköche. Richard Leibinger, Bürgermeister der Kleinstadt im Schwarzwald, hat dieses Gesamtkonzept im Zeichen der Orgel in den vergangenen Jahren maßgeblich mitgestaltet:

"Diesen Orgelbau in dieser Form, in dieser Tradition gibt es so gut wie nirgendwo mehr, das ist wichtig, auch heute im Rahmen von Stadtmarketing, dass man sich auf das besinnt, wo man sagt, das ist nicht austauschbar, nicht beliebig. Wir glauben, durch diese Pflege und Unterstützung dieser Tradition leisten wir einen bewussten Beitrag zu einer positiven Traditionspflege."

Auch und gerade wegen dieser Rückbesinnung auf Traditionen, auf das Besondere der Region wurde Waldkirch als zweite deutsche Stadt vor sechs Jahren zur Cittaslow gekürt. Die Bewegung stammt aus Italien und zeichnet Städte mit weniger als 50.000 Einwohnern aus. Die Orte müssen eine charakteristische Stadtstruktur haben, nachhaltige Umweltpolitik betreiben sowie regionale Produkte und regionaltypisches Brauchtum und Kultur fördern.

"Die Grundidee ist, dass man bewusster lebt, dass man sich seiner kulturellen Tradition auch wirklich bewusst ist. Dass man sagt, wir haben etwas, was wir ein Stück weit alleine haben."

Das Konzept des Städtchens ist aufgegangen. Im Jahr 2006 wurde Waldkirch aufgenommen in die Standortkampagne "Deutschland – Land der Ideen", einer Initiative von Bundesregierung und deutscher Wirtschaft. Das Schwarzwaldstädtchen mit seinem Drehorgelbau ist einer von 365 ausgezeichneten Orten. Man habe sich nicht nur einfach als Stadt beworben, sagt Bürgermeister Richard Leibinger. Waldkirch stehe mit seinem Orgelbau für Tradition und Geschichte, aber gleichzeitig auch für Fortschritt und neue Ideen. Kulturelles Erbe werde bewahrt – und zugleich fortgesetzt:

"Da sind wir nicht nur ausgezeichnet worden, weil wir die traditionelle Orgelstadt sind. Sondern weil wir genau in diese Konzeption, diese technik-geschichtliche von der Stiftenwalze, von der Kirchorgel bis heute zur technischen Entwicklung im Computerzeitalter, weil wir diesen Schritt geschafft haben. Und da auch die Verortung und Abgrenzung auch deutlich gemacht haben. Und die spiegelt sich auch wieder in den Orgelbaufirmen, die es wieder gibt, die sich einmal auf die Restauration der traditionellen Orgeln beziehen, aber auch neue Orgeln bauen."

So wie das Unternehmen Jäger & Brommer. 1988, vor genau 20 Jahren, haben Wolfgang Brommer und Heinz Jäger ihre Firma gegründet. Mittlerweile arbeiten hier 17 Orgelbauer und drei Auszubildende. Das Geschäft floriert. Die Waldkircher Orgelbauer restaurieren zwar auch alte Instrumente. Vor allem aber bauen sie neue: Drehorgeln für den privaten Gebrauch genauso wie große Kirchenorgeln. Die Hälfte der Instrumente wird nach Deutschland verkauft. Die andere Hälfte geht in alle Welt, immer häufiger auch nach Asien, sagt Wolfgang Brommer. In Japans Kindergärten zum Beispiel:

"So eine Drehorgel ist wie eine kleine Karaoke-Maschine, sprich die Kinder drehen, das Band läuft und die können dann ganz bequem dazu singen. Also Kindergärten in Japan waren für uns und sind nach wie vor ein interessanter Markt."

In ein paar Wochen wird das Unternehmen eine Orgel nach Qingdao in China liefern, in die ehemalige deutsche Kolonie also. Eine Skizze des Instruments hängt in Brommers Werkstatt an der Wand. Die Orgel wurde gebaut für die katholische St. Michaels-Kathedrale, die dort seit 1932 steht. Dreimal war Wolfgang Brommer mit seinen Kollegen schon vor Ort:

"Ein recht großes Instrument mit 14 Meter Höhe, 12 Meter Breite und in der Tiefe an die drei Meter, also ein richtiges Wohnhaus, was wir da auf die Empore hochstellen. In China ist das jetzt die erste Orgel, und dann gleich so ein großes Instrument in einer ganz renommierten Kirche, Qingdao, berühmt heute auch über das Bier, das die Deutschen damals dorthin gebracht haben. Es ist ein weltweit beachtetes Musikinstrument, einfach weil es von der Größe her und von der Art wie wir es bauen schon etwas ganz Besonderes darstellt."

Unterm Dach, über der Werkstatt, steht Brommers Kollege Heinz Jäger an der Intonierlade. Der Orgelbauer bringt die Pfeifen vor ihrem Weg nach China zum Klingen, er schenkt ihnen den Ton:

"Die werden so lange beigestimmt, bis der Ton rein ist. Und so wird praktisch jede Pfeife einzeln zum Klingen gebracht, also vom Rohling aus Zinn bis zur klingenden Pfeife. Stimmroller einschneiden, Aufschnitthöhe nachschneiden, Fußlöcher größer machen, kleiner machen, so dass eben die Pfeife auf dem richtigen Winddruck erklingt."

"Das, was wir hier gerade hören, das ist eine Äoline, das ist ein ganz leises Register, ein Streicherregister. Das ist eher was ganz Sanftes, und das passt auch schön in die Kirche. Das ist eine neoromanische Kirche, und da passt das richtig schön, so sphärische Klänge zu erzeugen."

Konzentriert lauscht Heinz Jäger den Klängen, die aus den glänzenden Pfeifen dringen. Für den Urenkel eines berühmten Waldkircher Orgelbauers war es nicht selbstverständlich, in die Fußstapfen seiner Ahnen zu treten. Er hat es probiert, und wie viele Waldkircher vor ihm seine Berufung gefunden:

"In vielen Berufen macht man immer nur ein Teil. Und wir machen das Ganze. Auch jetzt, wenn man nach 20 Jahren ein Instrument hört, das man gebaut hat, das ist einfach toll. Das steht noch da wie fast neu. Das bewegt einen schon. Das ist immer wieder schön, wenn man so ein Kind besuchen darf."

In Waldkirch ist die Orgel Nostalgie und Zukunft zugleich. Vor 200 Jahren hat sie Waldkirch weltberühmt gemacht. Aus der Mode gekommen ist sie bis heute nicht, glaubt Orgelbauer Wolfgang Brommer. Eine Tradition, die weiterlebt:

"Primär mag man denken: Orgel, was Verstaubtes, was Altmodisches, aber wenn man dann die modernen Instrumente sieht, auch die zeitgenössische Musik, die man hören kann, das begeistert dann immer wieder die jungen Leute. Dann merken sie, das ist jetzt nicht nur der "Radetzky-Marsch" oder "Mariechen saß weinend", was da abgespielt wird, sondern da gibt es ganz pfiffige, moderne Arrangements. Wir haben da sehr viel Dynamik."

Bestes Beispiel dafür ist die "Altobella Furiosa", eine moderne Jahrmarktsorgel – und so etwas wie ein Gemeinschaftsprojekt der Waldkircher. Das Design hat der bekannte Künstler Otmar Alt entworfen. Die vier Waldkircher Orgelfirmen haben das Instrument gemeinsam gebaut, den Namen haben ihr die Waldkircher Bürger gegeben. Heute steht die knallbunte Orgel im Foyer des Elztalmuseums. Eine 200 Jahre alte Idee in modernem Gewand und mit neuen Klängen :

"Ich mag die gerne, weil sie uns den Weg in die Moderne zeigt, dass man, wenn man sich mit Altem beschäftigt, eigentlich immer auch die Zeitgeschichte im Blick haben muss. Dass das Alte eben nicht eine Vergangenheit ist, die nostalgisch zu pflegen ist, sondern dass Vergangenheit immer auch etwas mit uns heute zu tun hat, deshalb mag ich die Altobella besonders gerne."

Sagt Museumsleiterin Evelyn Flögel und bleibt schmunzelnd vor dem großen, bunten Instrument stehen. Ein Publikumsmagnet sei diese Orgel, gerade auch für Jugendliche. Die machen mittlerweile immerhin ein Drittel der Besucher im Waldkircher Drehorgel-Museum aus. 15jährige, die sich für nostalgische Musikinstrumente interessieren - Evelyn Flögel wundert das nicht. Die Drehorgel sei ja sozusagen der Vorläufer unseres heutigen Computers:

"Sie können bei uns bei den Automaten plötzlich entdecken: Was ist ein Bit? Die kleinste Informationseinheit. Können wir wunderbar an unseren Orgeln zeigen. Die kleinste Informationseinheit bei einer Walzenorgel ist der Stift, der die Information einer Note weitergibt. Später ist es dann das Loch in der Lochkarte. Wenn man dann sieht, was passiert, wenn dieser Nagel auf ein Abtasthämmerchen fällt und dann ein Ventil geöffnet wird und dieser Ton geblasen wird, dann ist es viel aufregender als wenn man beim Computer weiß, jetzt gibt ein Bit die Information: Schreibe a. Man kann es einfach noch sehen, und das macht, glaube ich, den Spaß aus."

Als die Orgel-Renaissance vor gut 20 Jahren losging in Waldkirch, da hätten das viele belächelt, erinnert sich Flögel, die das Elztalmuseum schon seit 1985 leitet. Mittlerweile mache sich kaum einer mehr lustig über Waldkirchs Orgel-Konzept. Das Interesse an dem Handwerk und den Instrumenten sei groß, auch und vor allem im Ausland. Der Bestand im Museum habe sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt, durch Kauf, aber zum Glück auch durch viele Schenkungen:

"Mittlerweile sind die Preise auf diesem Gebiet so gestiegen, dass wir eigentlich kaum noch Chancen haben, mit den sehr reichen Sammlern, die es in Übersee gibt, überhaupt noch mitzuhalten. In Amerika, auch in Japan gibt es Sammler, die geben jeden Preis, um ein Waldkircher Instrument zu bekommen. Da können wir nicht immer mithalten. Aber wir bekommen auch geschenkt oder gestiftet. Wir haben einen Niederländer, der hat uns seine Sammlung geschenkt. Da sind wir ganz glücklich."

Es ist eine 200 Jahre alte Handwerkstradition – doch in Waldkirch lebt sie, als hätte Ignaz Bruder die Drehorgel erst gestern erfunden. Das wird sich vor allem wieder im Juni zeigen, zum Orgelfest, wenn Sammler und Besucher aus dem In- und Ausland in das Schwarzwald-Städtchen strömen. Die große ehrwürdige Gavioli-Konzertorgel wird dann zu sehen und zu hören sein, restauriert von Orgelbauer Stefan Fleck. Und manch einer wird mit einer kleinen Drehorgel im Arm herumlaufen, mit Guckkastenbühne, auf der sich die Paare im Takt der Musik drehen. Wolfgang Brommer hat sie bauen lassen, in limitierter Auflage. Eine Hommage an den Waldkircher Tüftler Ignaz Bruder, sagt Orgelbauer Wolfgang Brommer:

"Ich glaube, er würde sich sehr freuen und schmunzeln, was sich so alles aus seinem Genius heraus entwickelt hat. Ich glaube, er hätte seine helle Freude, an all dem was sich hier tut und vor allem auch, wie seine Tradition hier weitergeführt wird."

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