In einem Satz

Pierre-Laurent Aimard © Felix Broede
06.10.2011
Normalerweise – aber was ist in der Musik schon normal? – haben Sonaten mehrere Sätze. Diese nicht: Der französische Klavierpionier Pierre-Laurent Aimard spielt einen ganzen Abend lang einsätzige Sonaten und andere Miniaturen. Und verschweigt auch nicht deren Quelle: die h-Moll-Sonate von Franz Liszt. Eine eigenwillige Hommage zu Liszts 200. Geburtstag.
"Der Tod in Venedig" – Thomas Mann hat ihn geschrieben, Luchino Visconti hat ihn verfilmt, gestorben aber ist ihn Richard Wagner, Wand an Wand liegend neben seinem nur zwei Jahre älteren Schwiegervater Franz Liszt. Der komponierte "wie aus Vorahnung […] 6 Wochen vor Wagner’s Tod" zwei kleine Klavierstücke unter dem Titel "La lugubre gondola". Liszts "Trauergondeln" lassen die musikalische Form der Barkarole ins Leere laufen, so wie seine späten Klavierstücke überhaupt bizarre Ideen widerspiegeln. Liszt selbst sprach von "Spital-", "Marter-" oder "Totenkammerstücken" und scheint in diesen kargen Miniaturen nach der Essenz der Musik selbst gesucht zu haben.

Drei Jahrzehnte früher, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, ließ der Virtuose Liszt seine Finger noch in vollgriffigen Akkordpassagen über die Tasten rasen, wie seine Sonate in h-Moll zeigt. Aber bei genauerem Hinhören ist diesem Lieblingsstück aller Pianisten die Tendenz zur Verdichtung, ja Verknappung des Materials bereits einbeschrieben: das einsätzige Werk speist sich aus wenigen Motiven und verweigert jeglichen finalen Rausch. Ein kompositorischer Anspruch, von dem Richard Wagner weit entfernt war, als er im selben Jahr (1853) seiner angebeteten Mathilde Wesendonck einen As-Dur-Satz ins Album schrieb. Die schwerwiegende Gattungsbezeichnung "Sonate" war ein Trick seines Verlegers. Äußerst selten hört man dieses Stück im Konzert, noch seltener von einem solchen Meister wie Aimard gespielt!

Um 1910 entstanden, ebenfalls fast parallel, die hier ausgewählten einsätzigen Sonaten von Alban Berg und Alexander Skrjabin. Beide beziehen sich eindeutig auf Liszt – Berg durch die Wahl der Tonart h-Moll ebenso wie durch die aphoristische Verknappung der Motive, Skrjabin durch den Anspruch des komponierenden Pianisten wie durch die Absicht, in dieser "Schwarzen Messe" als Hohepriester der Kunst aufzutreten.


musikfest berlin
Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie
Aufzeichnung vom 5.9.11


Franz Liszt
"La lugubre gondola" Nr. 2

Richard Wagner
Sonate für Klavier As-Dur "Für das Album von Frau M. W."

Franz Liszt
"Nuages gris"

Alban Berg
Sonate für Klavier op. 1

Franz Liszt
"Unstern! – Sinistre"

Alexander Skrjabin
Sonate für Klavier Nr. 9 op. 68 ("Schwarze Messe")

ca. 20:55 Uhr Konzertpause
Olaf Wilhelmer im Gespräch mit Pierre-Laurent Aimard

Franz Liszt
Sonate für Klavier h-Moll


Pierre-Laurent Aimard, Klavier