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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.12.2011

In die Welt gevögelt, ohne fliegen zu können

Nuran David Calis: "Der Mond ist unsere Sonne", S. Fischer, 2011

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Triste Plattenbauten mit Sat-Anschluss: Geburtsort und Endstation für Viele (picture alliance)
Triste Plattenbauten mit Sat-Anschluss: Geburtsort und Endstation für Viele (picture alliance)

Kontrollierte Wut der ausgegrenzten Migrantenjugend ist ein Wesensmerkmal dieses Buchs. Nuran David Calis' Gegenwehr waren und sind Worte. Er verleiht denen, die sich nur mittels Gewalt artikulieren können, eine Stimme. Ein beeindruckendes literarisches Debüt.

Die ersten Einfälle notiert er auf Bierdeckeln, nachts, wenn er als Türsteher arbeitet und aus dem Klub, dessen Eingang er bewacht, dumpf die Bässe, der Beat dröhnen. "Der Mond ist unsere Sonne", dieser Techno-Song von Moonbootica und Jan Delay gibt für Alen den perfekten Soundtrack zu seinem Leben ab. Als ein "heimatloser Zombie", wächst Alen, Sohn jüdisch-armenischer Einwanderer, in einem sogenannten Problemviertel auf: Bielefeld-Baumheide, eine Plattenbausiedlung, die betonierte Aussichtslosigkeit. 92 Prozent Ausländeranteil und wenig Hoffnung. Die meisten dort kennen den Innenraum einer Moschee besser als den der örtlichen Stadtbibliothek. Aus diesem Getto, das beherrscht wird von Drogen, Bandenkriminalität und Schlägereien wird er, zu dessen Alltag Boxtraining gehört, mit 19 Jahren ausbrechen.

Den Weg heraus aus dem Elend weist ihm seine Freundin Flo, die in ihm die Liebe zum Theater, zur Literatur weckt. Nein, es ist kein Märchen vom "Migrationswunderkind", welches der in Bielefeld geborene Theater- Regisseur Nuran David Calis hier erzählt – es ist seine eigene Geschichte, nahezu eins zu eins. Insofern ist dieses schmale Buch seine Autobiografie romancée.

Man sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen, denn er zeigt die innere Zerrissenheit der "Jungen des Asphalts" zwischen dem Herkunftsland der Vorfahren und Deutschland, ihr verzweifeltes Ringen um Identität und ihren Wunsch nach Verwurzelung und Teilhabe an einer Gesellschaft, die sie daran hindert. Das Lebensgefühl dieser jungen Menschen ist schnell umschrieben:

"In ein Land hineingeboren zu sein, ohne es selbst gewollt zu haben. In die Welt gevögelt zu sein, aber nicht fliegen zu können."

"Der Mond ist unsere Sonne" kreist um ein Thema, das in Großbritannien im Sommer gerade zu Aufständen führte: Wer Menschen dauerhaft ausgrenzt, erntet deren Hass.

"Ich will dazugehören. Ich will einer von allen sein. Ich will nicht anders sein."

So formuliert es Nuran David Calis' alter ego Alen. Calis' Prosa ist so hart und unerbittlich wie die Straße, auf der die Jugend in Baumheide herumlümmelt. Seine Sprache kommt im Rhythmus des Rap daher:

"Das ist Straße. Alles liegen lassen, was einen nicht sofort weiterbringt. Weitsichtig denkt hier keiner, nur bis zur nächsten Straßenecke. Alle haben den Blick auf den Boden gerichtet, auf den Bordstein, der Himmel ist zugebaut ... Kein Lichtstreifen, kein Horizont, niemand, der einem den Kopf hebt, fliegen lässt."

Kontrollierte Wut ist ein Wesensmerkmal dieses Buchs. Nuran David Calis' Gegenwehr waren und sind Worte. Er verleiht denen, die sich nur mittels Gewalt artikulieren können, eine Stimme. Sein Beispiel zeigt, dass es auch anders geht. Und das macht Mut. Ein beeindruckendes literarisches Debüt.

Besprochen von Knut Cordsen

Nuran David Calis: "Der Mond ist unsere Sonne". S. Fischer. 2011. 206 Seiten. 17,95 Euro

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