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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.05.2012

"In Deutschland war sie eine gehetzte Frau"

Alice Schwarzer über Romy Schneider, die vor 30 Jahren starb

Alice Schwarzer im Gespräch mit Katrin Heise

Romy Schneider auf einem undatierten Archivbild (AP Archiv)
Romy Schneider auf einem undatierten Archivbild (AP Archiv)

Romy Schneider habe regelrecht Angst vor Deutschland gehabt, das ihr in der Nachkriegszeit keinerlei Chance zur Entfaltung ließ, sagt ihre Biografin Alice Schwarzer. Das Publikum habe sie in ihrer Heimat nur in der "Kitschrolle" der Sissy akzeptiert.

Katrin Heise: Romy Schneider. Heute vor 30 Jahren, am 29. Mai 1982 wurde die Schauspielerin tot in ihrer gemeinsamen Wohnung von ihrem damaligen Lebensgefährten Laurent Pétin gefunden, am Schreibtisch zusammengesunken, und die Spekulationen, war es jetzt Selbstmord oder war es Herzversagen, vielleicht wegen ihres Tabletten- und Alkoholkonsums, dieses Spekulationen rissen kaum ab. Wieder eine Top-News über das bewegte Leben einer Frau, in die jeder was anderes hineininterpretieren konnte. Allein die Magazintitelbilder, die Romy Schneider schmückten, nehmen eine riesige Wand ein in der Romy-Schneider-Ausstellung, die derzeit in der Bundeskunsthalle in Bonn läuft. Die Publizistin Alice Schwarzer, die traf Romy Schneider mehrfach, schrieb 1998 eine Biografie über sie und für die allererste Ausgabe der "Emma", 1977, schrieb Schwarzer ein Porträt über die Schauspielerin. Frau Schwarzer, guten Tag, ich grüße Sie!

Alice Schwarzer: Ja, guten Morgen, Frau Heise.

Heise: War Romy Schneider eigentlich auch einmal auf einem "Emma"-Titelbild zu sehen?

Schwarzer: Ja, eigenartigerweise nicht. Wenn Sie das jetzt so sagen. Also bei der allerersten "Emma" ging das ja nicht. Die konnte ja nicht mit einem Star 1977 titeln und wollte das auch nicht. Und übrigens, wurde ordentlich gezauselt von der Frauenbewegung, weil ich überhaupt gewagt hatte, mit einem Star zu reden. Also, das war damals noch nicht angesagt, das war politisch nicht korrekt.

Heise: Ich wollte nämlich überhaupt fragen, die allererste Ausgabe der "Emma" mit einem Porträt von Romy Schneider. Also da gab es einmal wegen des Stars überhaupt, wegen des Star-Seins überhaupt, Kritik. Aber warum startete die "Emma" tatsächlich mit einer Frau, von der auch der Satz zitiert wird aus ihrem Tagebuch: "Ich brauche Stärke, einen Mann, der mich in die Knie zwingt. Mich müsste ein Stärkerer in die Hand nehmen, mich zurechtbiegen, mich bis in die Knochen zerstören." Das klingt nicht sehr emanzipiert.

Schwarzer: Ja, das ist natürlich ein tragischer Satz, den ich auch in meinem Buch zitiere. "Emma" interessiert sich ja nicht nur für Frauen, die politisch korrekt leben, sondern diese Art von Zerrissenheit und Widerspruch ist eben das Leben. Und mir schien damals, ich hatte ja mit Romy zu tun seit 1971, seit sie mitgemacht hatte bei dem von mir initiierten öffentlichen Geständnis sozusagen, politischen, "Ich habe abgetrieben und fordere das Recht für jede Frau", da war sie dabei.

Aber völlig unabhängig davon schien mir für die erste "Emma" Romy Schneider ein Muss. Warum? Weil diese Frau im Leben wie in der Rolle einfach alle Frauenrollen dieser Jahrzehnte verkörpert hat. In der Nachkriegszeit war sie die süße unschuldige Jungfrau als Sissy, dann war sie das Luder, das ausgebrochen war und mit einem französischen Liebhaber abgehauen war. Dann war sie die reuige Mutter, die zurückkam nach Deutschland, und in ihren letzten Lebensjahren hat sie nicht zufällig auffallend viele Filme gespielt, in denen sie Opfer der Nazis verkörpert hat. Das war, glaube ich, so eine Art Wiedergutmachung, weil ihr da bewusst war, dass sie die Tochter von Eltern war, die Nazis waren oder Hitler nahe. Und das war ein weiterer Punkt, der ihr zu schaffen gemacht hat in ihrem wirklich nicht leichten Leben.

Heise: War es also gerade diese Zerrissenheit, die Romy Schneider auch nicht geleugnet hat, die die eigentliche Faszination ausgemacht hat, oder war es doch die schauspielerische Leistung?

Schwarzer: Beides. Also zum einen war sie eine großartige Schauspielerin, von der also Größen wie Lilli Palmer und Hans Albers gesagt haben, mit denen hat sie ihren ersten Film, "Wenn der weiße Flieder wieder blüht", mit 14 gespielt, und die Palmer hat gesagt, so etwas hätte sie noch nie gesehen. Dieses Mädchen, das nie eine Stunde Schauspielunterricht hatte, aber doch immerhin die Tochter von Schauspielern und die Enkelin einer großen Burgschauspielerin war, sei auf den Set gekommen und hätte alle weggehauen.

Also sie hätte von Anfang an ein unvorstellbares Talent gehabt, aber auf dieses Talent hat Romy sich interessanterweise ja nie verlassen. Sie, die im Leben so getrieben war, war als Schauspielerin ungeheuer diszipliniert, und ich hab das selber erlebt, und hat wie wahnsinnig gearbeitet, war pünktlich und hatte immer wieder Zweifel, mach ich das gut genug, ist der Regisseur gut genug, ist der Stoff gut genug? Das ist das eine. Das andere ist natürlich, was Sie zurecht ansprechen, die Zerrissenheit im Leben. Und da glaube ich, das ist der Grund, warum - Männer haben sich natürlich für Romy interessiert, sie war ja eine schillernde, hochattraktive Person und so ein bisschen geheimnisvoll, aber Frauen haben sie geliebt. Warum? Weil Frauen sich mit ihr identifiziert haben. Und dann, glaube ich, ist das Moderne an Romy, warum man sich bis heute für sie interessiert, diese Wahnsinnszerrissenheit bis zuletzt zwischen ihrer Leidenschaft für den Beruf und ihrer Leidenschaft für Liebe und Familie. Das hat sie ja nie auf einen Nenner bekommen.

Heise: Man findet in Romy Schneiders Leben ja auch immer wieder diesen Kampf gegen fertige Rollenbilder, denn es war immer jemand da, der sie irgendwo reinstopfen wollte. Das hat mit Mutter und Stiefvater eben, der gleichzeitig Manager war, ja angefangen. Hat dieser Kampf, haben Sie den Eindruck, sie eigentlich stärker gemacht oder komplett zermürbt?

Schwarzer: Beides. Also der Stiefvater war ja auch ein Problem, nicht, der wollte ja mehr von ihr, als es gut sein konnte für ein junges Mädchen, und da hat sie sich eingeschlossen aus Angst vor ihm. Die Mutter hat ihr auch nicht geholfen. Also die Mutter war ja auch sehr problematisch, die hat das junge Mädchen benutzt, um selbst wieder Rollen zu bekommen. Also, ich denke eben, das ist das, was einen an Romy Schneider bis heute beschäftigt. Und übrigens auch mich. Normalerweise, wenn ich eine Biografie schreibe, dann bleibe ich der Person gewogen, aber sie treibt mich nicht mehr um. Bei Romy ist das anders. Also dieses nicht gelöste, dieses nicht gelöste Problem, dieses nicht gelöste Rätsel, ja, dieser Schmerz, ja, also sie hat sich, ihre Präsenz hat sie teuer bezahlt.

Heise: Alice Schwarzer erinnert sich im Deutschlandradio Kultur an Romy Schneider, die heute vor 30 Jahren starb. Frau Schwarzer, in der Bundeskunsthalle kann man in dieser Ausstellung auch noch so frühe Talkshows mitansehen mit Dieter Schönherr zum Beispiel, und solche Szenen, die gibt es, glaube ich, heute nicht mehr im Fernsehen. Also, wie jemand wie Romy Schneider wirkt, so verletzlich, so ehrlich, sich so frei macht von allem, alles wirklich auspackt und dabei ist sie doch von den Medien regelrecht verfolgt worden.

Schwarzer: Ja. Es gibt nicht mehr nur, es gibt nicht mehr das Fernsehen, das dieses Maß an Improvisation und Überraschung zulässt, da haben Sie recht, deswegen wird es immer langweiliger. Aber es gibt natürlich auch nur wenige Menschen, die bereit sind, einfach zu sagen, das ist der Moment der Wahrheit. Und ich erinnere mich, als hätte ich die Sendung gestern gesehen. Es war ja so, sie war zurück nach Deutschland gekommen. Das Verhältnis von Deutschland zu Romy Schneider war extrem problematisch. Dieses Nachkriegsdeutschland wollte Romy eben in der Rolle der Sissy lassen, ja. Und sie hat sich auch als Schauspielerin dagegen gewehrt, in so einer Kitschrolle festgelegt zu werden, obwohl sie ja im ersten Sissy-Film einfach großartig ist.

Zu Recht ist sie da weltberühmt geworden. Und sie ist auch - diese Talkshow wurde in Köln aufgezeichnet, da hatte sie mit ihrer Mutter und dem extrem problematischen Stiefvater gelebt und daraus hat sie sich dann irgendwann freigeschlagen, also - und sie hatte Angst vor Deutschland, zu Recht. In Frankreich war sie ja eine Halbgöttin und La Schneider wurde also, wurde kolossal verehrt als Schauspielerin und große Persönlichkeit. Aber in Deutschland war sie eine gehetzte Frau. Sie hat gesagt, bei den letzten Dreharbeiten, dann hat man immer über sie getuschelt und ihr Privatleben und Männer, oder man - wie ist es denn mit dem Alkohol, dann wurden auf dem Set von Reportern die Papierkörbe durchwühlt, um zu gucken, was sie getrunken hatte und so. Es war entsetzlich. Also sie war hier wirklich bis zuletzt eine gehetzte Frau. Wenn sie, glaube ich, jetzt erleben würde, mit welchem Respekt und welchem Angerührtsein sich Deutschland 30 Jahre nach dem Tod erinnert, das wäre ein großer Trost.

Heise: Trost, vielleicht würde sie es aber auch unehrlich finden, also nach dem, was sie da erlebt hat. Ich habe manchmal, wenn man gerade solche Dinge auch sieht, das Gefühl, hätte man sie nicht eigentlich auch retten müssen vor dieser Ehrlichkeit vor aller Welt?

Schwarzer: Ja, ja. Da sprechen Sie sehr interessante Punkte an. Also, das Problem war ja, dass sie, sie kam ja aus dem Mädcheninternat, und die Mutter hat sie in einen Film geholt mit 14. Und da ist sie gleich eingeschlagen wie eine Bombe und von da an hat sie Filme gemacht. Sie hatte nie Zeit, ihr Leben zu formen. Sie ist von einer Rolle in die andere gefallen und hat darum auch nicht, wie andere Schauspieler doch immerhin, einen Schutz vor den Rollen entwickeln können. In jede Rolle hat sie sich ganz begeben und ganz verausgabt.

Und nun ist es ja generell ein großes Problem bei Schauspielern, egal, ob sie Frauen oder Männer sind, oder vor allem bei Stars. Dass es die große Kluft zwischen dem Star draußen und dem Ich, dem oft einsamen und verzweifelten Ich drinnen gibt. Es nutzt einem ja nichts, draußen ein Star zu sein, nicht, wenn man in seinen vier Wänden sitzt. Und bei Romy war diese Kluft ganz besonders groß. Also, sie hatte ja aufgrund der ganzen Verletzungen und auch Selbstzweifel - sie hatte ja Wahnsinnsselbstzweifel. Und diese Kluft zwischen dieser Frau, die trotz ihres überragenden Talentes immer wieder an sich zweifelte, mache ich das gut genug, habe ich, werde ich wirklich geliebt? Sie hatte ja auch ein schlechtes Händchen für Männer, also das muss man sagen, in dieser Riege war ja noch Delon der beste, ja. Diese Selbstzweifel und draußen dann der große Star, also, das hat sie alles nicht zueinander gekriegt. Da hat sie übrigens, an dem Punkt, Ähnlichkeit mit Marilyn Monroe. Auch an dem Punkt des Ringens um Qualität, des Bildungshungers, des Ringens, dass sie nicht nur als Körper, sondern auch als Kopf wahrgenommen wird.

Heise: Sie haben vorhin die Aktion "Wir haben abgetrieben" angesprochen, 1971, Romy Schneider war eben auch dabei, hat das - was hat das ihr eigentlich bedeutet, sich dazu zu bekennen? Das war ja auch wieder so was, sich da aussetzen?

Schwarzer: Ja, sie hat sich von selbst bei mir gemeldet. Sie lebte damals in Hamburg oder Berlin und - nein, das war anders. Ich hatte sie kontaktiert und sie schrieb mir sofort zurück und mit drei Ausrufungszeichen, da bin ich ganz und gar dabei, drei Ausrufungszeichen, fünfmal unterstrichen, wie es immer ihre Art war. Sie war ja eine sehr heftige Person, ja. Und sie hatte natürlich in ihrem Leben tatsächlich abgetrieben und war über diese Doppelmoral, das war ihr sowieso ... , da war sie ganz empört.

Also, Doppelmoral war sowieso ihr Hauptfeind, ja, und deswegen hat sie oft eben genau Dinge getan, die die Spießer, wie sie sagen würde, schockieren sollten, weil sie sich daraus freischlagen wollte. Und das war ihr sehr ernst.

Also sie war ja auch an Politik sehr interessiert. Sie hat dann, als 68 anfing, mit 68 sympathisiert, sie hatte große Sympathien für Willy Brandt und so weiter. Sie war links, obwohl sie in einem konservativen Milieu lebte. Also das war ihr alles sehr ernst. Und das wurde aber natürlich von manchen, vor allem von einigen Männern belächelt, die sagten, was, Romchen, sei mal schön hübsch und red mal nicht über Politik, so ähnlich, wörtlich, hat ihr damaliger Ehemann zu ihr gesagt.

Heise: Da haben wir wieder die Rollenbilder, denen sie ständig entsprechen musste.

Schwarzer: Genau so, und gegen die sie sich so heftig gewehrt hat und darum ist sie ja, sie ist ja, glaube ich, auch ein Jugendstar, sie ist ja ganz lebendig und ganz da, genau das ist ja der Konflikt von Frauen heute auch, also diese Zerrissenheit auch zwischen Leidenschaft für Beruf und Leidenschaft für Liebe.

Heise: Die Publizistin Alice Schwarzer erinnerte sich an Romy Schneider, die heute vor 30 Jahren starb. Dankeschön, Frau Schwarzer für dieses Gespräch!

Schwarzer: Ja, ich hab zu danken, tschüß!

Heise: Die Biografie "Romy Schneider. Mythos und Leben" von Alice Schwarzer, die ist übrigens bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, und die Ausstellung über Romy Schneider in der Bundeskunsthalle Bonn, die läuft noch bis zum 24. Juni.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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