In der Fremde
Um Fremdheit und um die Veränderung des eigenen Ich in einer neuen Umgebung geht es in "Samuels Reise". Innere Vorgänge spielen dabei eine mindestens ebenso große Rolle wie die mit dem Reisen naturgemäß verbundenen Ortsveränderungen. Wolfram schildert die Komplikationen, in die ein Deutscher in Polen gerät, weil er sich auf historischem Terrain bewegt und in die Geschichte verstrickt ist, auch wenn er nichts davon ahnt.
Als Gernot Wolfram im Herbst 2003 mit Erzählungen debütierte, staunte die Kritik über die Kunstfertigkeit und handwerkliche Sicherheit dieses jungen Autors. "Der Fremdländer" hieß sein Prosaband programmatisch. Die Geschichten handelten von einem Exilchinesen in Deutschland, von zwei jungen Deutschen in Prag, einem Israeli in der Ukraine und von Fremden in anderen Ländern. Die meisten spielten im Osten Europas, und dorthin führt der Weg nun auch in Wolframs erstem Roman mit dem Titel "Samuels Reise".
Diese geographische Vorliebe ist nicht verwunderlich bei einem, der in Zittau, im Dreiländereck, im südöstlichsten Zipfel des Ostens der Republik geboren wurde. Auch die Reportagen, die er Ende der 90er Jahre schrieb, erkundeten die Region an der Neiße. Die Erfahrung der Fremdheit machte Wolfram früh. 1987 übersiedelte er, gerade zwölf Jahre alt, mit seinen Eltern nach Nürtingen in Württemberg, ohne jedoch die Anhänglichkeit an die Heimat seiner Kindheit zu verlieren. Heute lebt der studierte Germanist und Kommunikationswissenschaftler in Berlin. Zwischenzeitlich lehrte er in Breslau "Interkulturelle Kommunikation" und schrieb eine Reportage über die Verständigungsschwierigkeiten, die sich dabei zwischen ihm und den polnischen Studenten auftaten.
Um Fremdheit und um die Veränderung des eigenen Ich in einer neuen Umgebung geht es in "Samuels Reise". Innere Vorgänge spielen dabei eine mindestens ebenso große Rolle wie die mit dem Reisen naturgemäß verbundenen Ortsveränderungen. Als Ich-Erzähler fungiert ein Übersetzer, der gerade begonnen hat, James Boswells Londoner Tagebuch in ein zeitgemäßes Deutsch zu bringen. Er beneidet den lebensfrohen Schotten Boswell besonders für sein ausschweifendes Reiseleben.
Gelingendes Reisen hat etwas mit der Öffnung der Sinne zu tun und mit dem Talent, aufgeschlossen zu sein für die sich bietenden Gelegenheiten. Bei Boswell ist das vor allem die erotische Empfänglichkeit, und wie sich zeigen wird, macht auch der Ich-Erzähler bald neue Erfahrungen auf diesem Gebiet.
Weil seine Freundin Anna zu einem Kongress nach Amerika reisen will, soll er sich in der Zwischenzeit um ihren zirka zwölfjährigen Sohn Samuel kümmern und mit ihm nach Krakau reisen. Sein jüdischer Name verweist auf ein Bedürfnis der Eltern, sich der deutschen Vergangenheit zu stellen und dem Jüdischen sichtbare Präsenz in der deutschen Gegenwart zu geben.
Der Junge ist ein leidenschaftlicher Verehrer Stanislaw Lems und seiner Zukunftsvisionen. In ihm brechen sich die Zeiten – nur in der Gegenwart scheint er keinen Platz zu finden. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als Lem zu treffen, und so fädelt Annas Vater, der alte Predotta – auch er ein Mann mit knochiger Vergangenheit – eine Begegnung mit dem weltberühmten Utopisten ein.
Bald sitzen Samuel und der Erzähler in einem Krakauer Café dem Schriftsteller gegenüber. Samuel kapiert jedoch schneller, dass es sich nicht um den echten Autor, sondern bloß um einen Doppelgänger handelt. Erzürnt über den Schwindel verschwindet er. Der Ich-Erzähler, der für ihn verantwortlich ist, muss ihn aufspüren und folgt ihm dabei quer durch Polen bis nach Warschau. Unterwegs verliebt er sich und wird – soviel darf verraten werden, ohne die Spannung zu nehmen – nicht mehr in sein früheres Leben zurückkehren. Er muss lernen, dem Jungen zu vertrauen, so wie der lernen muss, auf andere Menschen und ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen.
Samuel, dem Geschehen immer einen Schritt voraus, ist das Zentrum des Romans und all seiner Bewegung. Er ist die meist schweigende, rätselhafte Figur, ein Kind noch, und doch sich seiner selbst schon ganz und gar gewiß. Aber auch Samuel gerät in eine Krise, als er begreift, wie lächerlich es ist, einem Idol nachzujagen.
Am Ende, auf einem polnischen Flughafen, kommt es dem Ich-Erzähler so vor, als sei da gerade der echte Stanislaw Lem vorbeigegangen. Er sieht nicht mehr als einen vorüberhuschenden Schatten. Das Ziel der Reise hat sich endgültig in Nichts aufgelöst. Aber die Reisenden haben längst andere Richtungen eingeschlagen.
Bei der Suche nach Samuel hilft dem Erzähler der Mann, der zunächst als Stanislaw Lem auftrat. Er betreibt eine Doppelgänger-Agentur, in der alle möglichen Berühmtheiten, auch ein fast echter Papst zu mieten sind. Dieser Mann mit dem sprechenden Namen Klima verkörpert die Atmosphäre der neuen, postsozialistischen Gesellschaft, in der die Schauspieler, die Trickser, die Wendigen und die in seinem Fall buchstäblich Zwielichtigen dominieren.
Wolfram schildert die Komplikationen, in die ein Deutscher in Polen gerät, weil er sich auf historischem Terrain bewegt und in die Geschichte verstrickt ist, auch wenn er nichts davon ahnt. Er erzählt behutsam, oft nur in Andeutungen, so dass manches im Unklaren bleibt. Aber das macht nichts, denn es entspricht der Situation. Er gerät nicht in Versuchung, die Geheimnisse, die Samuel oder den alten Predotta umgeben, restlos zu enthüllen oder seine Figuren zu psychologisieren.
Man muss – gerade unterwegs – mit dem Unergründlichen leben. Wolframs Sprache entspricht dieser Haltung. Sie ist präzis, ruhig und gelassen und bleibt auch in turbulenten Augenblicken stets auf der Höhe des Geschehens.
Gernot Wolfram: "Samuels Reise". Roman.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005,
204 Seiten, 18,90 Euro
Diese geographische Vorliebe ist nicht verwunderlich bei einem, der in Zittau, im Dreiländereck, im südöstlichsten Zipfel des Ostens der Republik geboren wurde. Auch die Reportagen, die er Ende der 90er Jahre schrieb, erkundeten die Region an der Neiße. Die Erfahrung der Fremdheit machte Wolfram früh. 1987 übersiedelte er, gerade zwölf Jahre alt, mit seinen Eltern nach Nürtingen in Württemberg, ohne jedoch die Anhänglichkeit an die Heimat seiner Kindheit zu verlieren. Heute lebt der studierte Germanist und Kommunikationswissenschaftler in Berlin. Zwischenzeitlich lehrte er in Breslau "Interkulturelle Kommunikation" und schrieb eine Reportage über die Verständigungsschwierigkeiten, die sich dabei zwischen ihm und den polnischen Studenten auftaten.
Um Fremdheit und um die Veränderung des eigenen Ich in einer neuen Umgebung geht es in "Samuels Reise". Innere Vorgänge spielen dabei eine mindestens ebenso große Rolle wie die mit dem Reisen naturgemäß verbundenen Ortsveränderungen. Als Ich-Erzähler fungiert ein Übersetzer, der gerade begonnen hat, James Boswells Londoner Tagebuch in ein zeitgemäßes Deutsch zu bringen. Er beneidet den lebensfrohen Schotten Boswell besonders für sein ausschweifendes Reiseleben.
Gelingendes Reisen hat etwas mit der Öffnung der Sinne zu tun und mit dem Talent, aufgeschlossen zu sein für die sich bietenden Gelegenheiten. Bei Boswell ist das vor allem die erotische Empfänglichkeit, und wie sich zeigen wird, macht auch der Ich-Erzähler bald neue Erfahrungen auf diesem Gebiet.
Weil seine Freundin Anna zu einem Kongress nach Amerika reisen will, soll er sich in der Zwischenzeit um ihren zirka zwölfjährigen Sohn Samuel kümmern und mit ihm nach Krakau reisen. Sein jüdischer Name verweist auf ein Bedürfnis der Eltern, sich der deutschen Vergangenheit zu stellen und dem Jüdischen sichtbare Präsenz in der deutschen Gegenwart zu geben.
Der Junge ist ein leidenschaftlicher Verehrer Stanislaw Lems und seiner Zukunftsvisionen. In ihm brechen sich die Zeiten – nur in der Gegenwart scheint er keinen Platz zu finden. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als Lem zu treffen, und so fädelt Annas Vater, der alte Predotta – auch er ein Mann mit knochiger Vergangenheit – eine Begegnung mit dem weltberühmten Utopisten ein.
Bald sitzen Samuel und der Erzähler in einem Krakauer Café dem Schriftsteller gegenüber. Samuel kapiert jedoch schneller, dass es sich nicht um den echten Autor, sondern bloß um einen Doppelgänger handelt. Erzürnt über den Schwindel verschwindet er. Der Ich-Erzähler, der für ihn verantwortlich ist, muss ihn aufspüren und folgt ihm dabei quer durch Polen bis nach Warschau. Unterwegs verliebt er sich und wird – soviel darf verraten werden, ohne die Spannung zu nehmen – nicht mehr in sein früheres Leben zurückkehren. Er muss lernen, dem Jungen zu vertrauen, so wie der lernen muss, auf andere Menschen und ihre Gefühle Rücksicht zu nehmen.
Samuel, dem Geschehen immer einen Schritt voraus, ist das Zentrum des Romans und all seiner Bewegung. Er ist die meist schweigende, rätselhafte Figur, ein Kind noch, und doch sich seiner selbst schon ganz und gar gewiß. Aber auch Samuel gerät in eine Krise, als er begreift, wie lächerlich es ist, einem Idol nachzujagen.
Am Ende, auf einem polnischen Flughafen, kommt es dem Ich-Erzähler so vor, als sei da gerade der echte Stanislaw Lem vorbeigegangen. Er sieht nicht mehr als einen vorüberhuschenden Schatten. Das Ziel der Reise hat sich endgültig in Nichts aufgelöst. Aber die Reisenden haben längst andere Richtungen eingeschlagen.
Bei der Suche nach Samuel hilft dem Erzähler der Mann, der zunächst als Stanislaw Lem auftrat. Er betreibt eine Doppelgänger-Agentur, in der alle möglichen Berühmtheiten, auch ein fast echter Papst zu mieten sind. Dieser Mann mit dem sprechenden Namen Klima verkörpert die Atmosphäre der neuen, postsozialistischen Gesellschaft, in der die Schauspieler, die Trickser, die Wendigen und die in seinem Fall buchstäblich Zwielichtigen dominieren.
Wolfram schildert die Komplikationen, in die ein Deutscher in Polen gerät, weil er sich auf historischem Terrain bewegt und in die Geschichte verstrickt ist, auch wenn er nichts davon ahnt. Er erzählt behutsam, oft nur in Andeutungen, so dass manches im Unklaren bleibt. Aber das macht nichts, denn es entspricht der Situation. Er gerät nicht in Versuchung, die Geheimnisse, die Samuel oder den alten Predotta umgeben, restlos zu enthüllen oder seine Figuren zu psychologisieren.
Man muss – gerade unterwegs – mit dem Unergründlichen leben. Wolframs Sprache entspricht dieser Haltung. Sie ist präzis, ruhig und gelassen und bleibt auch in turbulenten Augenblicken stets auf der Höhe des Geschehens.
Gernot Wolfram: "Samuels Reise". Roman.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005,
204 Seiten, 18,90 Euro
