In den Tiefen einer komplexen Welt

Wie entsteht die Erderwärmung? Welche Folgen hat die Aussaat von gentechnisch verändertem Mais? Die Erklärungen für solche Fragen sind, so meint die Autorin Sandra Mitchell, vielschichtig. In "Komplexitäten" warnt sie davor, die Welt mit einfachen Formeln zu entschlüsseln.
In ihrem Buch richtet die Wissenschaftsphilosophin Sandra Mitchell ihr Augenmerk auf die Brennpunkte der gegenwärtigen Forschung, auf die so genannten Lebenswissenschaften im weitesten Sinne: Gentechnik, Klimaforschung, Neurowissenschaften, Medizin. Hier findet heute Forschung statt, die das Potenzial hat, unser Leben und unsere Zukunft grundlegend zu verändern. Deshalb müssen wir verstehen, wie Wissenschaft in diesen Bereichen funktioniert.

Einfache Antworten aber dürfen wir nicht erwarten. Wie entsteht die Erderwärmung? Welche Folgen hat die Aussaat von gentechnisch verändertem Mais? Die Erklärungen werden vielschichtig und kompliziert sein, weil unsere Welt vielschichtig und kompliziert ist. Wenn wir aber weiterhin der Sehnsucht nachhängen, die Welt mit einfachen, universell gültigen Formeln zu entschlüsseln, warnt Mitchell, dann entgeht uns die eigentliche Tiefe und Komplexität unseres Universums.

Mitchell gelingt es in ihrem Buch besonders, unsere Erwartungen an die wissenschaftliche Forschung zu verändern. Wir dürfen nicht mehr auf allgemeingültige, notwendige Gesetze hoffen. Damit beraubt Mitchell Wissenschaftler einer Motivation, die sie seit Jahrhunderten antreibt: Das Streben nach Ordnung, Klarheit und einfacher Schönheit. Aber Mitchell hält Ersatz bereit: Wir müssen stattdessen anfangen, die "vielschichtige Schönheit dieser Komplexität zu sehen." Komplex heißt dabei nicht in erster Linie "schwierig". Komplex heißt: Wir können einzelne Phänomene, wie etwa Erderwärmung, nicht isoliert betrachten. Wir müssen den Kontext berücksichtigen und auf mehreren Erklärungsebenen ansetzen. Diese These anhand von Beispielen detailliert zu verdeutlichen, macht den Hauptbestandteil des Buchs aus.

So betrachtet Mitchell zum Beispiel Depressionen, die für sie ein fundamental komplexes Phänomen sind. Keine einzelne Ursache, ja noch nicht einmal eine Kombination von Ursachen führen notwendig zu einer Depression. Gene und Hormone, Kindheitserlebnisse und sozioökonomische Herkunft spielen eine Rolle. Depressionen entstehen in einem komplexen Wechselspiel unterschiedlicher Faktoren. Und das heißt: Die Wissenschaft muss sich mit der Frage beschäftigen, "wie diese vielen kleinen Erklärungen zusammenpassen" statt nach großen Leitprinzipien oder Formeln zu suchen.

Der Blick auf die Komplexität der uns interessierenden Fragen, ist keine grundlegend neue Forschungs- und Erkenntnismethode, wie Mitchell das behauptet. Philosophen, Wissenschaftstheoretiker und Wissenschaftler wissen selbst schon lange, wie problematisch die Idee universeller Gesetze ist. Mitchells Verdienst besteht aber darin, die Komplexität in der Wissenschaft stärker ins allgemeine Bewusstsein zu rücken. Das ist wichtig.

Denn diese Sichtweise hat sogar eine politische Dimension. Das zu zeigen, gehört zu den interessantesten und überzeugendsten Argumenten des Buchs. Politiker müssen auf komplexe Phänomene wie den Klimawandel oder gentechnisch veränderte Pflanzenarten reagieren. Wenn sie einfache und eindeutige Antworten erwarten, die ihnen die Wissenschaft nicht bieten kann, dann besteht die Versuchung, die Wissenschaftler gar nicht erst anzuhören. Das hätte schlimme Konsequenzen, denn politischen Entscheidungen wären nicht mehr empirisch fundiert, die Wissenschaft hätte sich ins Abseits gestellt. Wir müssen akzeptieren, dass auch gute wissenschaftliche Erklärungen komplexer Systeme eine, "tiefe Unsicherheit" bestehen lassen, mit der wir lernen müssen umzugehen.

Rezensiert von Sibylle Salewski

Sandra Mitchell: Komplexitäten: Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen
Übersetzt von Sebastian Vogel
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
174 Seiten, 10 Euro