Improvisieren wie eine fertige Komposition

Mozdzer: Die Menschen haben in Jahrhunderten das Klavier entwickelt. Damit möchte ich kooperieren. © Stock.XCHNG / Jean-Pierre Ceppo
Von Thorsten Bednarz · 08.11.2005
In seiner Heimat ist Leszek Mozdzer längst ein Star. Aber auch in Japan oder in New York riss er sein Publikum zu Beifallsstürmen hin. Sein klar erkennbarer Stil verschmilzt Klassik, Rock und Jazz zu einer neuen Einheit. Deutschlandradio Kultur traf ihn anlässlich seiner Deutschlandtournee zum Interview.
" Ich versuche, einen Sound zu finden, der mich mit meinem Instrument verschmelzen lässt. Dazu ist es wichtig, dass ich weiß, was auf dem Klavier gut klingt, und dieses Wissen kommt aus der Klassik, weil ich Debussy, Ravel, Prokowiev, Bach und Chopin gespielt habe. Danach suche ich auch in meinen Improvisationen. Die Improvisation ist nicht gerade einfach, denn für eine ausgeschriebene Komposition hat man viel Zeit zum Nachdenken, man kann sie ganz langsam und vorsichtig entwickeln. Auf der Bühne der Improvisation zählt nur der Moment. Da kann man auch nicht so komplizierte Strukturen entwickeln wie ein Komponist. Aber ich arbeite daran und hoffe, dass ich in Zukunft solche Musik improvisieren kann, die klingt, als wäre sie ausgeschrieben. Das ist überhaupt mein Traum – so spielen zu können, als hätte ich eine fertige Komposition."

Leszek Mozdzer darf man wohl getrost als Ausnahmeerscheinung im europäischen Jazz betrachten. Der 34-jährige Pianist hat auf der Basis seiner intensiven klassischen Ausbildung und einer gehörigen Portion Neugier und Sachverstand einen Stil entwickelt, der sowohl an die vertrackten Soli eines Thelonius Monk als auch an die Verbeugung vor der Klassik von Jacques Loussier oder an die verträumt fließednen Klänge des Köln Concert von Keith Jarrett erinnert.

Die Quersumme daraus und die Erfahrungen, die Leszek Mozdzer im gemeinsamen Spiel mit Pat Metheny, den polnischen Stanko-Brüdern oder David Gilmore von der brittischen Band Pink Floyd sammelte, führten ihn zu einem klar erkennbaren ganz eigenständigen Stil, der Klassik, Rock und Jazz zu einer neuen Einheit verschmilzt. In seiner polnischen Heimat avancierte er damit zu einem Star, dessen Konzerte nahezu den Status von Popevents erreichten.

" Am Anfang hatte ich mein Publikum. Das waren Jazzfans, die wirklich nur Jazz hörten. Da spielte ich in kleinen Clubs vor 30 bis 50 Leuten. Im Augenblick aber verkaufen sich meine Platten sehr gut und so kommen 500 bis 1000 Leute zu meinen Shows und die kennen mich, weil ich in der Zeitung stehe – sie kennen nicht meine Musik. Es kommen auch viele, die keine Ahnung haben von Jazz und die nur kommen, weil es angesagt ist, auf einem Konzert wie diesem gesehen zu werden. Ich lerne noch immer, wie ich damit auf der Bühne umgehen kann. "

" Ich glaube, dass der Kontakt zur Klassik für mich sehr wichtig ist. Das gibt dir einen guten Eindruck davon, was du kannst oder auch nicht. Es ist sehr hilfreich, sich etwa im Fernsehen von anderen Pianisten vorführen zu lassen, was man alles nicht kann. Es gibt so tolle Musiker, die können vielleicht nicht improvisieren, dafür aber können sie richtig gut spielen. Ich habe sehr großen Respekt vor klassischen Musikern und versuche mich von Zeit zu Zeit selbst auf diesem Feld."

So sind also auch klassische Einspielungen des polnischen Pianisten nicht ausgeschlossen, obwohl er auch hier Perfektionist ist. An einem Choral von Bach, so verriet er, arbeitet er nun schon nahezu zwei Jahre, ohne bisher den bestmöglichen Ausdruck gefunden zu haben. Diese Ernsthaftigkeit im Umgang mit Musik jedweder Couleur und seine Präsentation mit ausgefallener Frisur und Kleidung sowie "bewaffnet” mit einer Axt auf Werbefotos, lassen den Eindruck eines jungen Rebellen auferstehen, vielleicht eines neuen Nigel Kennedys. Doch weit gefehlt, der Ansatz von Leszek Mozdzer geht weit über Provokation und bewusst inszenierte Effekte auch musikalischer Natur hinaus:

" Ich möchte nichts zerstören. Das ist nicht weise, das ist dumm. Ich will etwas aufbauen. Die Menschen haben in Jahrhunderten das Klavier entwickelt, sie entwickelten die Infrastruktur um Musik zu spielen. Damit möchte ich kooperieren. Ich möchte auch mit Musikern aus früheren Epochen kooperieren, denn sie haben viele Dinge herausgefunden, die ich von ihnen über ihre Kompositionen lernen kann. Ich möchte einfach ein guter Mensch sein, der etwas erschafft, das auch für meine Kinder noch eine Wertigkeit hat, damit sie meine Arbeit als Grundlage für ihren Fortschritt nutzen können."
Service:

Leszek Mozdzer begann am 7. November 2005 seine Deutschlandtournee. Weitere Daten: 9.11. Bremen, 11.11. Hamburg, 15.11. Bonn und 17.11. Stuttgart.