Impfstoff in Kuba, Starrsinn in Brasilien

    Wie das Virus Politik macht

    23:41 Minuten
    In der kubanischen Hauptstadt Havanna hält am 31. März eine Mitarbeiterin des medizinischen Personals eine Ampulle mit dem Impfstoff "Soberana 02" in der Hand.
    Mit dem selbstentwickelten Impfstoff „Soberana 02“ hofft Kuba auch, Devisen einzunehmen. © picture alliance / dpa / Xinhua News Agency / Joaquin Hernandez
    Von Thomas Milz und Burkhard Birke · 27.04.2021
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    Vor Brasilien hat die Welt inzwischen Angst. Die Corona-Mutante breitet sich in der Region rasant aus und die Regierung greift nicht ein. Kuba hingegen hat den Impfstoff „Soberana 02“ entwickelt und feiert. Über die einen wird geredet, über die anderen nicht.
    In der brasilianischen Amazonasmetropole Manaus konnte sich Anfang des Jahres die brasilianische Virusmutante P1 entwickeln – sie ist hochansteckend und breitet sich inzwischen nicht nur in Brasilien, sondern auch in anderen südamerikanischen Staaten aus.

    Chile musste einen neuen Lockdown verhängen – trotz vorbildlich hoher Impfquote. Der Grund dafür wird unter anderem in Brasilien gesucht, wo viele Chilenen in den südamerikanischen Sommerferien im Januar und Februar Urlaub gemacht haben.

    Brasilien – ein Risiko für die Weltgesundheit

    Die Welt hat Angst vor Brasilien, vor allem, weil der Präsident Jair Bolsonaro zu den wenigen Regierungschefs gehören, die das Virus nach wie vor leugnen oder verharmlosen. Er hat viel zu wenig Impfstoff bestellt und sogar Angebote von Pharmaunternehmen wie Pfizer abgelehnt.
    "Ich werde mich nicht impfen lassen. Auch wenn manche meinen, dass ich ein schlechtes Beispiel abgebe. Ich sag nur: Du Idiot, ich hatte das Virus doch schon. Ich habe schon Antikörper – wieso sollte ich mich also impfen lassen? Und zudem möchte ich hier klarstellen: Wenn Ihr Euch nach der Impfung in ein Krokodil verwandelt, beschwert Euch nicht bei mir!"

    Das "schlechte Vorbild" Bolsonaro steht inzwischen unter erheblichen politischen Druck. Zwar hat der Rechtspopulist immer noch viele Anhänger, aber seine irrlichternde Corona-Politik bringt seinem schärfsten Gegner, dem Gouverneur von Sao Paolo, Joao Doria, reichlich Punkte.
    Eine Frau in Rio de Janeiro hält ihre Bolsonaro-Maske in die Kamera.
    Trotz wachsender Kritik an seinem Corona-Kurs unterstützen wie hier eine Anhängerin in Rio de Janeiro immer noch viele Menschen Präsident Bolsonaro.© Deutschlandradio / Thomas Milz
    Der hat auf eigene Faust chinesische Impfstoffe eingekauft und immerhin bereits 40 Millionen Impfdosen abfüllen lassen. Der von Bolsonaro verschmähte Impfstoff aus China ist damit der einzige Lichtblick einer schleppend verlaufenden Impfkampagne. Dabei kann es Brasilien eigentlich besser, stellt die Mikrobiologin Natália Pasternak klar.

    "Wir können Impfstoffe herstellen, und wir sind gut bei Impfkampagnen. Deshalb war es eine riesige Überraschung zu sehen, dass die Regierung selbst dort behindert und stört, wo wir eigentlich am besten sind. Und das wegen fehlender Planung, schlechten Managements, und aus Mangel an politischem Interesse startet Brasilien in das Jahr 2021 zwar mit einer super Infrastruktur zum Impfen – aber ohne ausreichend Impfstoffe. Denn man hat nicht ausreichend viele Lieferverträge mit Impfstoffherstellern abgeschlossen, um ausreichende Mengen für die Impfung unserer Bevölkerung zu garantieren."
    Menschen halten Plakate in die Luft und demonstrieren gegen Präsident Bolsonaro.
    Andere in Brasilien bezeichnen Bolsonaro hingegen als Faschist.© Deutschlandradio / Thomas Milz

    Kuba überrascht mit Impfstoffentwicklung

    Das Chaos im großen Brasilien macht Angst und sicher auch deshalb internationale Schlagzeilen. Über das kleine Kuba und das Vakzin "Soberana" hingegen spricht kaum jemand.
    Kuba hat gerade trotz aller Widrigkeiten einen eigenen Impfstoff entwickelt und feiert diesen Erfolg: "Soberana, la cubana" ist bereits als Werbeclip tanzbar vertont. Zwar ist Kuba mit rund 11,5 Millionen Einwohnern im Gegensatz zu Brasilien mit 211 Millionen winzig. Und auf einer Insel lässt sich die Pandemie besser kontrollieren als auf dem Festland. Aber zur Wahrheit gehört auch: Kuba hat von Anfang an die Pandemiebekämpfung an erste Stelle gesetzt. Das sagt Helen Yaffe, Kubaexpertin an der University of Glasgow.
    "Kuba hat 28.000 Medizinstudenten durchs Land geschickt, die wegen der Pandemie – so wie überall – nicht mehr zur Uni gehen konnten. Sie sind zusammen mit Hausärzten und Krankenschwestern von Tür zu Tür zu gegangen, um Corona-Patienten ausfindig zu machen."

    "Not macht erfinderisch"

    Obwohl das Land unter einem chronischen Versorgungsmangel leidet und zurzeit eine katastrophale Wirtschaftskrise durchmacht, hat es alle Kraft in die Entwicklung eines eigenen Impfstoffs gesetzt. DLF-Lateinamerikaexperte Burkhard Birke hat dafür eine Erklärung.
    "Not macht erfinderisch. Wegen des US-Embargos hat Kuba bereits unter Fidel Castro eigene Impfstoffe entwickeln müssen. Kubanische Kinder sind deshalb gegen 13 verschiedene Krankheiten geimpft, darunter natürlich auch Tetanus, Masern usw. Diese Erfahrungen waren bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffs extrem hilfreich."

    Auch Kubaexpertin Helen Yaffe von der University of Glasgow wundert sich nicht über den kubanischen Forschungserfolg.
    Eine Krankenschwester impft eine Mitarbeiterin des medizinischen Personals am 24. März in Havanna mit dem Impfstoff "Soberana-02" gegen COVID-19.
    Kuba hat in der Impfstoffentwicklung von „Soberana 02“ auf bisherige Forschungserfahrungen aufbauen können. Hier eine Impfung im März in Havanna.© picture alliance / dpa / AP / Ramon Espinosa
    "Als einziges Land in Lateinamerika und der Karibik verfügt Kuba über die wissenschaftlichen und technologischen Möglichkeiten, Corona Impfstoffe zu entwickeln. Gleichzeitig hat Kuba große Schwierigkeiten, einige billige, einfach zu produzierende medizinische Instrumente wie Spritzen und andere Dinge für ein Impfprogramm zu bekommen."

    Hohes Ansehen in den Ländern der Region

    Wegen des US-Embargos fehlen auf Kuba auch einfache Medikamente wie Schmerzmittel oder Aspirin. Der Impfstoff ist deshalb nur ein Pflaster auf einer weit größeren Wunde. Die miserable Versorgungslage und die zunehmende Ungleichheit auf der Insel sind für die kubanische Bevölkerung eine nicht mehr zu ertragende Zumutung.
    "Die neue Führungsriege, die der alten Revolutionsgarde folgt, kann momentan zwar mit dem Impfstoff punkten, wird aber deutlich mehr Erfolge vorweisen müssen, wenn sie sich halten will," glaubt DLF-Lateinamerikaexperte Burkhard Birke.

    Profitieren könnten von Kubas Forschungserfolgen vor allem ärmere Länder der Region und der Welt. In Lateinamerika ist das Vertrauen in die medizinische Ausbildung und Forschung auf Kuba groß und ein kubanischer Impfstoff würde sicherlich gut angenommen – sofern er zugelassen wird.
    Medizinisches Personal und andere Menschen stehen auf einem Gang in einem Gebäude in Havanna.
    Freiwillige im März in Havanna, die an der Testphase zum Impfstoff „Soberana 02“ teilnehmen.© picture alliance / dpa / AP / Ramon Espinosa
    Auch wenn Kuba verspricht, den Impfstoff perspektivisch günstig abzugeben, könnte "Soberana" der Insel dringend benötigte Devisen bringen.
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