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Länderreport | Beitrag vom 12.10.2021

Impfmeister BremenAuf der Zielgeraden im Wettlauf mit Corona

Von Katharina Mild

Ein Impfwagen steht auf einem Parkplatz in der Nähe des Bremer Weserstadions. Dort kann man sich gegen das Coronavirus impfen lassen.  (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
Unterwegs in der Hansestadt: Der Bremer Impfbus - hier vor dem Weserstadion - hat entscheidend zum Impferfolg beigetragen. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)

Als erstes Bundesland wird Bremen vermutlich spätestens am Mittwoch die Marke von 80 Prozent Corona-Erstimpfungen überspringen. Wie hat es der Stadtstaat mit dem rot-grün-roten Senat geschafft, zum Spitzenreiter in Deutschland zu werden?

Am verkaufsoffenen Sonntag steht das Impfmobil vor dem Weserpark, einem der größten Einkaufszentren in Bremen. Denn auch, wenn Bremen sich mit der höchsten Impfquote in Deutschland rühmen kann, kommen doch immer noch ungeimpfte Menschen zu ihm, sagt Impfmobil-Schichtleiter Hüsnü Asuman.

60 bis 70 Prozent seien Erstimpfungen, die restlichen Zweit- oder Drittimpfungen. "Es wird auch sehr viel angenommen im Moment, Kreuzimpfungen auf Johnson & Johnson mit BionTech – jetzt nach der Empfehlung der Stiko."

Sieben Stunden steht das Impfmobil an diesem Tag hier und auch nach sechs Stunden ist die Schlange noch lang. Das sei den ganzen Tag so gewesen, sagt Asuman. Die Gründe, warum sich die Bremerinnen und Bremer jetzt impfen lassen, sind vielfältig:

"Es macht alles einfacher", sagt ein Mann vor dem Impfmobil. Eine Frau erklärt: "Weil die Testzentren nach und nach schließen. Ich dachte, es wäre jetzt gut, hierher zu kommen, um sich sonntags impfen zu lassen."

Ein jüngerer Mann nennt seinen Grund: "Um feiern zu gehen." Und eine andere Frau: "Da wir gerade einkaufen waren, dachten wir, jetzt nehmen wir die Gelegenheit wahr."

Reibungsloser Ablauf und freundliches Personal

Dabei wird in Bremen schon lange geimpft. Der große Impfstart ging – wie in den meisten anderen Bundesländern auch – am 27. Dezember über die Bühne. Mobile Impfteams fuhren in die Pflegeeinrichtungen und impften dort Bewohner und Personal.

Kurz darauf nahmen auch mehrere Impfzentren ihren Betrieb auf: eines in Bremerhaven, eines in Bremen-Nord und das größte in Bremen-Mitte, nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt. Ausgelegt für bis zu 15.000 Impfungen pro Tag.

Wer hier hineinging, kam in der Regel glücklich wieder raus. Die Menschen lobten vor allem den reibungslosen Ablauf und das freundliche Personal. Die gute Organisation war für viele Bremerinnen und Bremer eine positive Überraschung. Dies hatte entscheidenden Einfluss auf den Erfolg der Impfkampagne, meint Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte von der SPD:

"Vom Callcenter angefangen, das immer sehr gut zu erreichen war, von der Tatsache, dass wir die Menschen systematisch und aktiv angeschrieben haben, bis zu den sehr gut organisierten Impfzentren, in denen die Mitarbeiter sehr freundlich waren und die Menschen sich gut aufgehoben gefühlt haben."  

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Dadurch sei eine Art Mund-zu-Mund-Propaganda erzeugt worden. Wenn die Menschen ihren Nachbarn von ihren angenehmen Erfahrungen berichteten, seien diese dazu animiert worden, sich ebenfalls impfen zu lassen. Auf diesem Erfolg wollte man sich im rot-grün-roten Senat aber nicht ausruhen.

Niedrigschwellig Impfen mithilfe des Impfbusses

Deswegen kam im Juni zum ersten Mal das Bremer Impfmobil zum Einsatz. Ein Bus, der das Impfen so niedrigschwellig wie möglich machen sollte, ohne komplizierte Anfahrt und ohne Termin - einfach spontan dort, wo man sowieso gerade ist. Das Impfmobil stand nicht nur auf Wochenmärkten, vor Einkaufszentren oder Hochschulen, sondern auch bei Großveranstaltungen wie Heimspielen des SV Werder Bremen vor dem Weserstadion.

Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Epidemiologie und Präventionsforschung hält das Impfmobil für einen ganz wichtigen Baustein, um besonders ärmere oder bildungsferne Menschen zu erreichen, von denen es durchaus viele in Bremen gibt:

"Dass ein Angebot genau vor Ort gemacht wurde, da wo die Leute einkaufen gehen, wo sie vor die Haustür treten, das hat es vielen Leuten einfacher gemacht." Bremen habe da früher begonnen als andere Städte, weil man sich schon länger mit der Gesundheit der Menschen in den nicht so gut aufgestellten Quartieren auseinandergesetzt habe.

Der große Impferfolg schützt aber nicht vor Infektionen. Die Sieben-Tage-Inzidenz im Land Bremen liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt: in der Stadt Bremen bei rund 65, in Bremerhaven bei 255. Hajo Zeeb erklärt den hohen Wert damit, dass an vielen Stellen jetzt wieder gelockert werde und die Menschen sorgloser seien.

Schwere Verläufe fast nur bei Ungeimpften

Die Infektionen liefen hauptsächlich unter den Ungeimpften ab. "Das sind Kinder und Jugendliche, aber auch eine Reihe von Erwachsenen, die bisher keine Möglichkeit zur Impfung gehabt haben." Da könne es dann zu Ausbrüchen kommen. Im Moment bewege man sich aber auf einem Niveau, das von den Kliniken gut zu handeln sei, sagt Zeeb.

Viele Infektionen seien nur leicht oder ganz ohne Symptome. Das bestätigt auch Rolf Dembinski, Leiter der Intensivmedizin am Klinikum Bremen-Mitte: "In der Tat ist es so, dass der allergrößte Anteil der Patienten, die eine schwere Covid-Infektion haben, nicht geimpft sind."

Dennoch: Nun alle Hygieneauflagen fallen zu lassen, damit ist man im Bremer Rathaus noch vorsichtig. Man sei erst bei 80 Prozent Erstimpfungen. Erst wenn auch die Quote der vollständig Geimpften die 80-Prozent-Marke überschritten hat, wolle man über solche Dinge nachdenken, sagt Bürgermeister Andreas Bovenschulte:

"Ich könnte mir vorstellen, dass wir bei Covid irgendwann diesen Status erreichen, dass wir sagen, die Impfquote ist so hoch, jetzt geht es nur noch um freiwilligen Selbstschutz. Jeder, der will, kann sich impfen lassen. Und jeder, der eine Maske tragen will, kann sich damit schützen."

Dann würde es keine verpflichtenden Schutzmaßnahmen für alle mehr geben. Darüber werde sicherlich diskutiert, sobald man die 80 Prozent erreicht habe.

Das Bremer Beispiel lässt sich nicht einfach übertragen

Bovenschulte vermutet aber, dass andere Bundesländer, wo Querdenker-Proteste und Impfskepsis verbreiteter sind, diese Marke nicht so schnell erreichen werden:

"Das hat mit der politischen Grundstimmung zu tun. Die ist in einer liberalen Großstadt wie Bremen und Bremerhaven eine andere, als wir sie in anderen Bundesländern erlebt haben. Das wird für andere Bundesländer sehr schwer werden, diese Grenze zu erreichen, das muss ich ehrlicherweise sagen."

Unabhängig davon, was die anderen Länder tun, Bremen arbeitet weiter auf sein 80-Prozent-Ziel hin und tourt dafür mit dem Impfmobil unablässig durchs Land: Allein in dieser Woche stehen unter anderem die Bremer Universität, der Kattenturmer Marktplatz und ein großes Einkaufszentrum im Stadtteil Sebaldsbrück auf dem Plan. Und natürlich wird auch noch im Impfzentrum und bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten fleißig weiter gepikst.

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