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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 24.07.2010

"Immer der Nase nach - Die Macht der Düfte"

Gast: Prof. Dr. Hanns Hatt, Geruchsforscher und Inhaber des Lehrstuhls für Zellphysiologie der Ruhr-Universität Bochum

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Sie ist ein wahres Hochleistungsorgan: Unsere Nase ist 24 Stunden in Aktion und hat größeren Einfluss auf unser Leben, als wir denken. Als Alarmorgan warnt sie uns vor schädlichen Einflüssen, als Wohlfühlorgan signalisiert sie uns positive Erlebnisse. Und sie ist unser Tester: So entscheiden sich Frauen eher für einen Mann, dessen Körperduft sich stark vom ihrem eigenen unterscheidet. Sie wählen damit unbewusst eine möglichst breite Mischung an Genen, was für gesunde Nachkommen sorgt. Deshalb speichert auch das Gehirn Erlebnisse, insbesondere emotionale, zusammen mit Gerüchen ab: Weihnachten mit Lebkuchen, den Badesee mit Sonnencreme, das Krankenhaus mit Desinfektionsmitteln.

"Ich möchte Menschen dazu bringen, mit offener Nase durch die Welt zu gehen",
sagt der Geruchsforscher Prof. Dr. Hanns Hatt. Der Zellphysiologe von der Ruhr-Universität Bochum leitet das einzige Labor weltweit, das menschliche Riechrezeptoren analysieren kann. Von den rund 350 Riechrezeptoren sind bisher gerade einmal 20 bekannt – immerhin können wir Menschen damit aber 10.000 verschiedene Gerüche voneinander unterscheiden.

Und nicht nur unsere Nase kann riechen: "So findet man die Riechrezeptoren, die für die Wahrnehmung von Düften verantwortlich sind, neben den Riechzellen in der Nase auch in anderen Körperzellen - zum Beispiel in Zellen der Prostata, im Gehirn und im Magen-Darmtrakt. Darüber hinaus können Düfte, die über die Atemluft und Lunge oder über Auftragen auf die Haut ins Blut und auf diesem Wege bis ins Gehirn gelangen, dort direkt Neurotransmitterkanäle beeinflussen."

Bekannt wurde Hanns Hatt durch die Entdeckung des "Maiglöckchen-Phänomens":
"Der Duftstoff, auf hin den die Spermien angelockt werden, wird von der Eizelle ausgesendet. Auf diese Weise ´finden` die Spermien den rund 20 Zentimeter langen Weg vom Vaginalbereich bis zur Eizelle. Tatsächlich sendet die Eizelle natürlich keinen Maiglöckchen-Duft aus, aber einen in seiner chemischen Struktur ähnlichen Duft, der den Rezeptor genauso aktiviert wie der Maiglöckchen-Duft."

Die Macht der Düfte wird längst auch von der Industrie genutzt: Supermärkte beduften ihre Filialen, Reisebüros verströmen einen Hauch von Sonnencreme und Parfums werden bewusst nach ihrer Wirkung kreiert: "Frauen, die blumige Düfte tragen, werden von Männern bis zu sechs Kilo leichter geschätzt. Und Damen, die Pampelmusenduft verströmen, erscheinen den Herren der Schöpfung gar sechs Jahre jünger!"

Hanns Hatt hat all dies in seinem Buch "Das Maiglöckchen-Phänomen – Alles über das Riechen und wie es unser Leben bestimmt" beschrieben und in der ZDF-Reihe "Vom Reiz der Sinne" erklärt. Und da er dies höchst informativ und unterhaltsam tut, wurde ihm im Juni der Communicator-Preis verliehen.

Wer ihm lauscht, weiß, warum man manche Menschen nicht riechen kann und andere dufte findet und wie wichtig es ist, den "richtigen Riecher" zu haben.

Und welche Düfte liebt der "Botschafter des Riechens" selbst?
"Alles, was mit Essen zu tun hat, mag ich: Gewürze, Basilikum und Rosmarin zum Beispiel. Und den wunderbaren Rosenduft aus unserem Garten. Wahnsinn!"

"Immer der Nase nach - Die Macht der Düfte"
Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit dem Geruchsforscher Prof. Dr. Hanns Hatt. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Literaturhinweis:
Hanns Hatt/Regine Dee: "Das Maiglöckchen-Phänomen. Alles über das Riechen und wie es unser Leben bestimmt". Piper Verlag, 2008 (Taschenbuch), gebundene Ausgabe 2010

Informationen im Internet:
Lehrstuhl für Zellphysiologie Prof. Hans Hatt"

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