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Zeitfragen | Beitrag vom 14.09.2020

Imagekampagne in DuisburgEine Stadt sucht nach sich selbst

Von Stephan Beuting

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Die Werhahn-Mühle in Duisburg. Eine großes Backsteingebäude in einem Hafen. (picture alliance/dpa/Zoonar/Stefan Ziese)
Die Werhahn-Mühle in Duisburg wurde einst von der jüdischen Familie Cohen errichtet und ist heute ein Büro-, Museums- und Gastronomiekomplex. (picture alliance/dpa/Zoonar/Stefan Ziese)

Duisburg war einst Kornkammer des Ruhrgebiets, Kohle- und Stahlstandort. Spätestens mit der schrumpfenden Schwerindustrie sucht die Stadt ein neues Selbstwertgefühl. Mit der Kampagne "Duisburg ist echt" scheint etwas in Bewegung gekommen zu sein.

"Das war früher mal die Stadtbibliothek."

Ortstermin Fußgängerzone Duisburg, an einem Freitagmorgen.

"Dieses Gebäude steht jetzt leer."

Die Fenster blind, der Putz bröckelt. Ich sehe eine heruntergekommene Hausfassade, Hendrik Thome, Mitglied der Linken, engagierter Duisburger sieht verpasste Chancen.

"Unten drin waren Kinos – und zwar eine ganze Menge. Vier Kinosäle, die sind jetzt auch weg. Dann sollte das Ganze mal als eine Klub-Location genutzt werden. Da ist dann auch nichts draus geworden. Das ist auch so eine typische Duisburger Geschichte, dass wir das hier überhaupt nicht schaffen, so ein Klub-Viertel in der Innenstadt unterzubringen, wo also junge Leute dann also auch mal die Nächte durchmachen können, also im Grunde genommen ist das hier die Innenstadt, das Zentrum der Stadt."

Was man dazu sagen muss!

"Wo es aber ab 20 Uhr hier tote Hose ist, und das ist eigentlich für eine Großstadt völlig absurd."

Im Erdgeschoss der ehemaligen Stadtbibliothek waren Schaufensterflächen frei, die haben die Imagespezialisten vom Stadtmarketing mit großen Plakaten beklebt: die touristischen Highlights der Stadt in strahlendem Sonnenschein. "Duisburg, ist echt … entdeckenswert.", steht drauf.

Kai Homann neben einer Blumenampel in Duisuburg. (Stephan Beuting)Einer der Macher hinter der Kampagne: Kai Homann. (Stephan Beuting)
Oben Innenstadtruine, unten Touri-Werbung. Vor einiger Zeit hatten sie mit einem Beamer Werbebotschaften auf die Fassade projiziert. Zitate von Duisburgern wie das von Jessika, Floristin, die da sagt: "Duisburg ist echt … am Aufblühen." Anspruch, Wirklichkeit und die sichtbare Lücke dazwischen. Duisburg ist auf alle Fälle … echt kontrastreich.

"Ja, also Duisburg ist wirklich eben auch eine Stadt der Gegensätze. Das macht auch den Reiz aus."
 

400 Meter weiter, das Café Evergreen. Treffen mit Kai Homann, Geschäftsbereichsleiter Stadtmarketing bei Duisburg Kontor.

"Und manchmal spielt auch der Zufall eine Rolle. Wir haben diese Möglichkeit gehabt, das in einer super Lage zu besetzen, solange das Gebäude noch da ist. Und in der Stadt weiß auch jeder, dass es da schon einen neuen Plan gibt, und das ja auch irgendwann die Abrissarbeiten anfangen werden."

Es steckt ja beides drin. Die Fassade als Zeugnis für Verfall und unterentwickelte Kulturpolitik und als Chance, es ab jetzt besser zu machen. Homann nippt an seinem Cappuccino und möchte lieber die Geschichten vom Wandel erzählen.

"Das Ganze ist immer ein Prozess. Wandel und Entwicklung ist wichtig und es ist auch völlig in Ordnung und eben auch echt, dazu auch zu stehen und das zu zeigen und nicht immer zu denken: Das muss jetzt alles clean sein, wie in so einem Hochglanzmagazin. Das ist Duisburg nicht. Aber das wollen wir auch gar nicht vermitteln. Das wäre eben auch nicht echt."

Meinungen über Kampagne gehen auseinander

Hendrik Thome fragte, ob man mit dem Geld nicht Sinnvolleres hätte machen können. Der Blogger Peter Ansmann stellt komplett den Sinn der Kampagne infrage. Idee und Umsetzung seien peinlich, die Begleitung: lieblos. Eine – Zitat – "Kampagne aus der Hölle".

"Ja, das ist natürlich, damit müssen wir leben, dass es nicht allen gefällt. Und das war ja so. Ich glaube, da war die Kampagne gerade zwei Tage alt. Aber ja, ich glaube, es gibt sehr viele Menschen in Duisburg, die sagen, es ist genau das Gegenteil."

Hendrik Thome vor alter Stadtbibliothek Duisburg. (Stephan Beuting)Hendrik Thome bezweifelt, ob das Geld für die Kampagne wirklich sein musste. (Stephan Beuting)
Einer von Ihnen ist Sebastian Heider, ihm gehört das Café Evergreen. Gerade ist viel los, Heider serviert noch schnell zwei vegane Tortenstücke, dann nimmt er sich kurz Zeit, mir vom Duisburger Deckel zu erzählen. Ein Pappuntersetzer, darauf zwei Hände und der Satz "Duisburg ist echt … solidarisch".

"Duisburg ist … echt", die Deckelaktion, die war echt grandios, muss ich sagen und hat uns selber nach vorne gebracht. In der Not auch unterstützt."

Vorne Werbung, hinten solidarischer Gastrogutschein. Name und Adresse eintragen und Betrag einzahlen. Über 50 Deckel hat er ausgegeben.

"Bis 100 Euro war alles dabei."

Perspektive ändern, gute Geschichten erzählen, das sagt Homann, sei die Idee. Und Sebastian Heider ist dabei.

"Man sagt ja immer, die Duisburger sind so ein bisschen Bot. So ein bisschen in sich gekehrt und grob, ja, so grob, so ein bisschen stinkstiefelmäßig unterwegs. Und nee, aber da sind die Duisburger halt auch sehr solidarisch gewesen. Und wir haben auch dadurch neue Gäste kennengelernt. Und Leute, die auch gar nichts mit dem Café vorher zu tun hatten, kamen halt hier vorbei und haben gesagt: Ich habe Dich im Fernsehen gesehen, und ich würde das gerne unterstützen. Und da kann man sehen, dass das doch sehr herzliche Menschen in Duisburg sind."

Früher Kornkammer des Ruhrgebiets und heute?

Der Lift hält im 6. Stock, Verabredung mit Gründer, Inhaber und Chef Alexander Kranki. Hier am Innenhafen, in Duisburgs bester Lage, betreibt er zusammen mit 120 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen seine Web-Agentur Krankikom.

"Hier vorne sehen wir heute das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, früher ein alter Speicher. Die Fenster, wo jetzt der Backstein ist, da waren früher Höhlen, wo die Tauben reinflogen. Das war bis in die 50er-, 60er-Jahre die Kornkammer des Ruhrgebiets, ein brummender Getreidehafen. Danach hat man Getreide nicht mehr in so Speichern aufbewahrt und nicht mehr mit Schiffen gefahren. Und danach ist es einfach für 20, 30 Jahre einfach nur vor sich hin vergammelt und danach hat es sich eben wieder neu entwickelt. Das ist, wie wenn sie so ein Ödland haben und auf einmal kommen plötzlich so an einzelnen Stellen so Blümchen raus. Das ist was ganz Tolles, finde ich."

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Strukturwandel kann schiefgehen, hartnäckig hält sich das Klischee, dass sie ihn hier in Duisburg nicht hinbekommen. So ein Blick auf den Innenhafen hat das Zeug dazu, das Gegenteil zu beweisen.

"Und wenn man dabei dann so zuguckt und sieht, wir haben hier wirklich buchstäblich mit Glück das vorletzte Baugrundstück gekriegt. Das ist eine tolle Entwicklung, das macht einfach Spaß, zuzuschauen. Mich begeistert das. Und das ist auch eine Qualität, die mir so eine Stadt bieten kann, die mir vielleicht andere Städte nicht bieten können."

Vermeintliche Problemstadtteile mit Imagewandel

Aber was ist mit Hamborn, Marxloh. Den Problemstadtteilen, die immer in den Schlagzeilen sind. Auch die sind Teil des Marketingkonzepts. Am Abend treffe ich noch Claus Krönke, den stellvertretenden Bezirksvorstand von Hamborn. Krönke bietet dreistündige Führungen. Informiertes Spazieren durch die angebliche No-Go-Area Marxloh.

"Wir haben die später abgefragt. Wie hat sich denn ihre Mindsetting geändert, während der Tour. Da sagt die Frau auf einmal: ´Ich schäme mich jetzt richtig. Ich hatte 20 Jahre ein festgefahrenes Bild in den Augen, ich hätte nur 30 Kilometer fahren müssen, um zu sehen, dass der Stadtteil ganz anders ist.`"

Am Ende lösen sich viele der Vorbehalte und Klischees in Luft auf. Duisburg hat sich vorgenommen, alles zu zeigen, ein möglichstes echtes Bild zu vermitteln. Claus Krönke und Unternehmer Alexander Kranki erzählen mit Leidenschaft von ihren Aufgaben, wissen natürlich, dass Duisburg eben nicht überall top ist, aber es besser werden kann. Zum Beispiel die Blumenampeln.

An Hunderten Laternenpfählen in ganz Duisburg sind sie angebracht. Geranien und Petunien wären einem in Düsseldorf oder Hamburg vielleicht so nicht aufgefallen. "Duisburg ist echt am Aufblühen", sagte ja schon Floristin Jessika. Recherche im Netz, Mail geschrieben. Jessika Thelen, Floristin aus Duisburg, antwortet innerhalb einer Stunde und sehr freundlich. Die gibts, in echt.

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