Im Sog des Monströsen

In Jan Brandts Erstling lauert das Unheimliche im Alltäglichen. © AP
23.09.2011
Eigentlich eine Frechheit, so ein 900-Seiten-Roman. Er zwingt den Leser, sich für geraume Zeit an ein einziges Buch zu binden. Wenn es sich darüber hinaus um ein Debüt handelt, kann es sich eigentlich nur um Selbstüberschätzung handeln – oder den ganz großen Wurf. Und an dem ist Jan Brandt mit seinem ziegelsteinschweren Erstling "Gegen die Welt" ganz nah dran.
Jan Brandt, 1974 in Leer in Ostfriesland geboren, erzählt in seinem ersten Roman die Geschichte einer Jugend auf dem Land, in dem norddeutschen Dorf Jericho. Das Ergebnis liest sich, als hätte Stephen King einen Coming-of-Age-Roman geschrieben. Außenseiter werden in der Schule grausam gequält, Alkohol, Joints und laute Musik sind die einzigen Mittel, mit der sich die Langweile ertragen lässt. Doch unter dem dünnen Mantel des Alltäglichen verbirgt sich Unheimliches, ja Monströses. Beunruhigende Dinge geschehen. Im Sommer fängt es an zu schneien, an Hauswänden tauchen phosphoreszierende Hakenkreuze auf, Jugendliche sterben brutale Tode – und Daniel Kuper, der Sohn des Drogisten, wird für die Ereignisse verantwortlich gemacht.

"Eine verlorene Seele" nennt ihn der Pastor von Jericho, und je mehr Daniel versucht, alle Schuld von sich zu weisen und den Dingen auf den Grund zu gehen, desto mehr bringt er das Dorf gegen sich auf. "Die Wirklichkeit ist eine Grenzerfahrung, die sogar die stärksten Geister in den Wahnsinn treibt", schreibt er in einem Schulaufsatz. Und an der Wirklichkeit wird er schließlich auch zugrunde gehen. Im Kampf gegen Jericho, im Kampf gegen die Welt.

Daniel Kuper ist nur einer von zahlreichen Protagonisten. Jan Brandt springt von Person zu Person, von Schicksal zu Schicksal, und widmet sich parallel verschieden Biografien. Das Buch nimmt das zeitweise sogar formal auf: Die Seiten teilen sich, und wie auf zwei Gleisen gleiten für ein paar Seiten zwei Leben nebeneinander her. Nicht nur hier erweist sich Brandt als geschickter Erzähler. Gekonnt verwebt er auf den 900 Seiten zahlreiche Lebensläufe, ohne den Überblick zu verlieren, bis der Leser das Gefühl hat, das gesamt Dorf zu kennen.

Immer wieder durchbrechen auch Briefe und andere Dokumente den Textfluss. Zudem zählt der Autor fast manisch die bei Ereignissen anwesenden Personen auf und nennt Marke, Baujahr und Leistung eines jeden auftauchenden Autos, als wolle er betonen: Alles, was hier steht, ist wahr. Vielleicht ist es die eigene Ausbildung, die Brandt hier ironisch überhöht zum Ausdruck bringt. Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München arbeitet seit 1999 als freier Journalist und Autor.

Etwas weniger Hyperrealismus hätte dem Buch gut getan. Da gibt es zu viel Banales, zu viele Details. Doch immer wenn der Leser droht auszusteigen, entzündet Brandt ein neues Streichholz und beginnt eine neue, finstere Ecke der Dorfgemeinschaft auszuleuchten. So entsteht ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Dass es das 900-Seiten-Werk nun auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, ist also keine Überraschung.

Besprochen von Marten Hahn

Jan Brandt: Gegen die Welt
Dumont Verlag, Köln 2011
927 Seiten, 22,99 Euro