Im Sog der Macht

    Die Kunst des rechtzeitigen Abgangs

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    Grüne Blätter eines Baumes hängen über einem Wahlplakat mit dem Konterfei von CDU-Kanzlerkandidat Laschet.
    Der Kanzlerkandidat der CDU, Armin Laschet, scheint seine Wahlniederlage bisher zu ignorieren. © picture alliance / dpa / Boris Roessler
    Ferdos Forudastan im Gespräch mit Stephan Karkowsky  · 30.09.2021
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    Vielen Politikern fehlt das Gespür dafür, wann es Zeit ist zu gehen, sagt die Publizistin Ferdos Forudastan. Nur wenigen gelinge es, die nächste Generation an die Schlüsselstellen der Macht zu lassen und rechtzeitig aufzuhören.
    Nach einer politischen Niederlage den richtigen Umgang damit zu finden, ist schwer. Wie der CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet sich gerade verhält, wird deshalb sehr unterschiedlich beurteilt.

    Mitleid mit Armin Laschet

    "Er hat Steherqualitäten", bescheinigt ihm die langjährige politische Journalistin und frühere Redenschreiberin von Präsident Joachim Gauck, Ferdos Forudastan, die heute die Medienstiftung "Civis" leitet.
    "Für mich kristallisiert sich immer mehr das Bild eines Menschen heraus, der tatsächlich die Zeichen der Zeit nicht mehr erkennt. Mir tut er zunehmend leid."

    Den Wechsel zulassen

    Es hat laut Forudastan immer wieder Politikerinnen und Politiker gegeben, die es rechtzeitig geschafft haben, abzutreten. Als Beispiel nennt sie die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Wobei diese ihr Amt als Bundesjustizministerin niedergelegt habe, weil sie mit einer Entscheidung nicht mehr einverstanden gewesen sei.
    Andererseits gibt es auch einige Bundestagsabgeordnete, die noch mal hätten kandidieren können und das dann nicht getan haben, "einfach weil sie gespürt haben, da sollte jetzt eine neue Generation ans Ruder kommen." Doch es seien eher wenig Menschen, die sich so entscheiden.

    Ob in der Politik oder in der Wirtschaft: Es falle schwer, aufzuhören, wenn einem eine Tätigkeit Spaß mache, sagt Forudastan.

    Abhängigkeit vom Scheinwerferlicht

    In der Politik kommt der Einfluss der Öffentlichkeit noch stärker dazu. "Dauernd im Scheinwerferlicht stehen, da muss man schon einen sehr festen Charakter haben, um da nicht dem Eindruck zu erliegen, es gehe jeden Tag 24 Stunden um die eigene Person", so Forudastan.
    Das macht Politiker noch etwas anfälliger dafür, ein bestimmtes Selbstbild zu entwickeln, glaubt Forudastan: "Ich werde gebraucht, ich muss hier an dieser Stelle bleiben, ohne mich läuft nichts."

    Der richtige Moment für den Abgang

    Auf die Frage nach Unterschieden zwischen Frauen und Männern vergleicht Forudastan das jetzige Abtreten von Angela Merkel mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl. Er habe nicht aufhören wollen, obwohl es längst entsprechende Signale gegeben habe, "mehr Signale, als es je für Angela Merkel gegeben hat." Als er 1998 die Bundestagswahl verlor, habe er gehen müssen.
    Für Olaf Scholz habe es als Kanzlerkandidat der SPD lange schlecht ausgesehen. Manchmal seien historische Situationen so, dass es unerwartet dann doch noch klappt. Darauf setze vermutlich auch Laschet. Nur:
    "Er hat es zwar lange auf dünnem Eis ausgehalten, aber irgendwann sind in dem Eis zu viele Risse und dann bricht man eben ein und dann bricht auch irgendwann ein Armin Laschet ein und davon gehe ich sicher aus."
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