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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 22.11.2006

Im Schatten des Bismarck-Mythos

Sozialpolitik und die Kunst des Nötigen

Reichskanzler Otto von Bismarck (AP Archiv)
Reichskanzler Otto von Bismarck (AP Archiv)

Niemandem, keinem König, keinem Kaiser, wurden mehr Denkmäler gewidmet als Bismarck. In Lübeck wurde 1903 ein Denkmal eingeweiht, in Hamburg 1906, in Bremen 1910. Als Außenpolitiker war Bismarck zweifelsohne ein großer Staatsmann, und er legte den Grundstock für die soziale Absicherung, die heute angesichts Globalisierung und Kostenexplosion auf dem Prüfstand steht.

Der Hamburger Stadtteil St. Pauli ist nicht nur wegen der Reeperbahn berühmt-berüchtigt. Auf der Elbhöhe, in einem kleinen schmalen Park, der vom Millerntor hinunter zu den Landungsbrücken reicht, streckt sich ein monumentales Granitdenkmal 34,5 Meter in die Höhe. 625 Tonnen soll es schwer sein und ist nachts neuerdings wieder beleuchtet. Strengen Blickes richtet Bismarck sein steinernes Gesicht über die Reeperbahn hinweg Richtung Elb-Mündung.

Schilling: "”Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man hier Bäume gepflanzt, die das Denkmal völlig verdeckt haben, das war auch so gewünscht. 2003 hat man Schneisen geschlagen, was auch mit der erneuten Wertschätzung und der kulturhistorischen Bedeutung dieses Denkmals zu tun. Man hat also Sichtschneisen geschlagen und versucht, diese Nachkriegsverhüllung partiell wieder aufzuheben.""

Jörg Schilling, Kunsthistoriker aus Hamburg, kennt das Bismarck-Denkmal in allen Facetten. Seine Doktorarbeit hat er über die Architektur-Reform um die Jahrhundertwende geschrieben. Der Weg zum Bismarck-Standbild war da nicht weit. Die Monumentalität des Denkmals spiegelt den wilhelminischen Geist jener Zeit wider.

Niemandem, keinem König, keinem Kaiser keinem Denker, keinem Goethe und keinem Schiller wurden jemals mehr Denkmäler gewidmet als Bismarck. Bis Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren es über 700 Bismarck-Statuen, Bismarck-Türme, Bismarck-Leuchtfeuer. Vor 100 Jahren kam es geradezu zu einem inflationären Schub.

Die Hamburger wollten da nicht außen vor bleiben. 500.000 Reichsmark sammelten die Bürger – für damalige Verhältnisse eine enorme Summe, sagt Kunsthistoriker Jörg Schilling. Es sollte ja auch etwas Großes und Besonderes werden.

Schilling: "”Ja, man suchte für den Ausdruck des Nationalen und des Deutschen eine neue Formsprache. Es ist kein Zufall, dass das Denkmal in Granit ausgeführt wurde. Wenn Sie sich näher mit Formenrepertoire beschäftigen, sehen Sie Anleihen zum Grabstein Theoderichs in Ravenna, was als germanisches Bauwerk schlechthin galt. Man sieht ein Säulenbündel, das sich nach oben treppenförmig verjüngt. Das haben wir hier auch unterhalb der Figur. Das waren alles Versatzstücke für eine germanische Architektur.""

Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck und der deutsche Nationalmythos. Die Denkmäler, die ihm zu Ehren errichtet wurden, lassen da keinen Zweifel aufkommen. Vor allem das in Hamburg. Genügsamkeit war nicht Sache des wilhelminischen Deutschlands. In fataler Selbstüberschätzung machte sich die junge Nation alle Nachbarn zu Feinden. Und Bismarck musste für eine Politik herhalten, die er nie und nimmer verantwortet hätte. In der Außenpolitik – und ebenso in der Sozialpolitik, meint Professor Stephan Leibfried, der an der Universität Bremen den Sonderforschungsbereich "Staatlichkeit im Wandel" betreut.

Leibfried: "”Was der Bismarck ursprünglich wollte, war eine Rente mit Steuerzuschuss, wo der Steuerzuschuss die Umverteilung sicherstellen sollte, so dass jeder Arbeiter im Alter wie ein Beamter das Minimum hat. Das hat er nicht bekommen, weil das Bürgertum dieses Modell bekämpfte, weil es nicht wollte, dass der Zentralstaat über Steuern so wichtig werden sollte im Bereich der neuen Sozialpolitik, sondern die haben das auf Beiträge und auf eigene Behörden, die nicht zentrale Behörden waren, sondern Landesversicherungsanstalten und Krankenkassen unter Arbeitnehmer/Arbeitgeber-Mitbestimmungsgesichtspunkten umgepolt. Das, was rauskam, war nicht das, was Bismarck wollte. Aber das, was hinten rauskam, ist das, was sich in Deutschland und europaweit durchgesetzt hat.""

Vor 120 Jahren entschloss sich die kaiserliche Regierung, ein soziales Netz zu spannen. Aus dem Reichshaushalt sollten Krankengeld, die Alters- und Invalidenrente sowie für Leistungen der Unfallversicherung gezahlt werden. Man hoffte, die Arbeiterschaft sowohl mit dem monarchistischen Obrigkeitsstaat auszusöhnen, als sie auch von den vaterlandslosen Gesellen fernzuhalten; deren Partei – der SPD – hatte man zuvor ein öffentliches Auftrittsverbot erteilt. Zuckerbrot und Peitsche waren die Eckpfeiler diese Art staatlicher Fürsorge. Eine Strategie, die scheiterte, resümiert Golo Mann:

"Das System der Sozialversicherungen war ein Produkt, ein praktisches, nützliches Überbleibsel von Plänen, die bedeutend weiter reichten. Die Arbeiter, denen der Staat etwas Handfestes gab, sollten auf diese Weise mit ihm versöhnt werden und von ihren eigentlichen politischen Führern getrennt werden. Die Sozialdemokraten selber fürchteten aber das Unternehmen nicht; sie bemühten sich, es im Sinn der Arbeiter zu verbessern. Denn sie wussten, was Bismarck nicht wissen wollte, nicht verstehen konnte: die sozialistische Bewegung war eine nicht nur materielle, sondern politische und moralische. Ein paar Wohltaten von oben konnte sie nicht aus der Welt schaffen."

Von Wohlfahrt konnte zu Bismarcks Zeiten nicht die Rede sein. Im Kaiserreich war an Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ebenso wenig zu denken wie an Arbeitslosengeld und Kündigungsschutz. Das Krankengeld betrug maximal zwölf Mark pro Woche; eine vierköpfige Familie benötigte bei entbehrungsreicher Haushaltsführung das Doppelte. Die Krankenversicherung trat 1883 in Kraft. Ein Jahr später kam die Unfallversicherung hinzu. Witwen von Unfallopfern erhielten als Rente ein Fünftel des Arbeitseinkommens des zu Tode gekommenen Ehegatten.

1889 wurde die Rentenversicherung eingeführt. An der drohenden Altersarmut änderte sich damit nichts. Die durchschnittlich ausgezahlte Rente betrug 166 Mark im Jahr. Damit war nicht zu leben, daran war aber auch nicht gedacht. Die Rente galt als Zuschuss zum Lebensunterhalt. Einen Anspruch hatten die, die 24 Jahre lang die Beiträge pünktlich eingezahlt hatten und älter als 70 Jahre wurden. Die Arbeit damals war hart und kräftezerrend. Zwei Drittel starben, bevor sie das Rentenalter erreichten.

Erst mit der Rentenreform 1957 wurde das Altersgeld als Lohnersatz definiert und dem allgemeinen Wohlstandswachstum angeglichen. Weil dies über das Vermögen der Versicherungsanstalten nicht zu decken ist, gibt es im Rahmen eines Generationenvertrages Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. 78 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Die öffentlichen Kassen sind leer, gespart werden muss überall. Das Ende des Sozialversicherungsstaates, sagt Professor Leibfried, sei damit nicht in Sicht.

Leibfried: "Es gibt kein selbstverständliches goldenes Zeitalter, wo der Sozialstaat automatisch wächst. Wie gesagt, in Deutschland gibt es einen wachsenden Anteil des Bruttosozialprodukts, der in den Sozialstaat geht. Von daher keine Trendumkehr, sondern allenfalls haben die stattgefundenen Kürzungen dazu geführt, dass der Sozialstaat weniger schnell wuchs, was die Ausgaben angeht. Nun ist Deutschland ein spezieller Fall, weil wir einen hohen Anteil der Wiedervereinigungskosten über den Sozialstaat geregelt. ... Was sicherlich richtig ist, dass eine Art Beweislastumkehr stattgefunden hat. In den 50er, 60er Jahren war es automatisch gut, was man in den Ausbau des Sozialstaates tut, heute ist die öffentliche Meinung, dass es automatisch problematisch ist, wenn man da expandiert."

Das kolossale Denkmal, das sich ein wenig entrückt vom urbanen Straßenlärm in den Wallanlagen Hamburgs erhebt, ruht auf einem runden Sockel, den die Besucher über zwei Freitreppen erklimmen können. Die Proportionen scheinen einen wenig aus den Fugen geraten zu sein, entsprangen aber wohl dem Geschmack der Zeit. Bismarcks Gestalt vollzieht eine Steigerung ins Heldenhafte, die Statue streift die Grenzen zur Karikatur – eine Roland-Figur; über der Kreuzritter-Rüstung ein wallender Mantel; das Schwert, auf das sich Bismarck stützt, misst acht Meter. Ein schönes Denkmal?

Schilling: "”Es ist auf jeden Fall ein sehr interessantes Denkmal. Für mich als Kunsthistoriker bedeutend, weil an ihm ein Umbruch in der Architektursprache festmacht – hin zur Abstraktion und Monumentalität. Das macht es auch in künstlerischer Hinsicht so interessant und bedeutend.""

Das Bismarck-Denkmal in Hamburg. Vor 100 Jahren wurde es eingeweiht. Eine logistische Meisterleistung, bekräftigt der Kunsthistoriker Jörg Schilling Die Granitblöcke kamen aus dem Schwarzwald. Am Boden wurden die Steine unter Aufsicht des Berliner Bildhauers Hugo Lederer vorbehauen. Schicht für Schicht wuchs der steinerne Bismarck in die Höhe. Der größte Stein ist der Kopf. Die Figur war eingerüstet. Am 2. Juni 1906 fiel "die Hülle rückwärts von der Granitgestalt herab, die in ihrer ganzen Schönheit und Riesenhaftigkeit hervortrat", schrieben damals die "Hamburger Nachrichten".

Schilling: "”Die Figur ist massiv, aber die Konstruktion des Denkmals – wir stehen hier auf dem Sockel, über uns die Trommel, auf der sich dann die Figur erhebt – ist eine Stahlbetonkonstruktion, ganz modern für die damalige Zeit, die hatte Hohlräume zum Entlüften. Dann war es so, dass Hugo Lederer eigenmächtig die Figur um zwei Meter erhöhte, das machte Nachfundamentierungen nötig, das machte ihn hier recht unbeliebt, das zog erhebliche Kosten nach sich und was wahrscheinlich für statische Probleme verantwortlich sind bis in die heutige Zeit. Das hat man in die Hohlräume eingefügt und ab 1939 wurden diese Räume zu Luftschutzräume ausgebaut und genutzt wurden.""

1998 – zum 100. Todestag Otto von Bismarcks - wurde sein Hamburger Ebenbild sandstrahl-gereinigt. Eine grundlegende Restauration des Denkmals sei überfällig, meint Jörg Schilling. Immerhin ist es wieder beleuchtet – seit 2003, finanziert vom konservativ-nationalen Hamburger Verein für Denkmalerhaltung. In den 20er Jahren war der Ort Schauplatz national-revanchistischer Aufmärsche. Immer am 1. April, zu Bismarcks Geburtstag, loderten Fackeln, Trommelwirbel drangen in die benachbarten Arbeiterviertel, aus denen sich alsbald die ersten Gegendemonstranten auf den Weg machten.

Bismarcks Zeitgenossen und die, die ihnen folgten, erblickten in ihm nicht nur einen Mann der Macht, in erster Linie einen Mann der Mythen, einen Mann, der scheinbar Unvereinbares in seiner Person vereint, der die verklärende Sehnsucht nach dem Mittelalterlichen verband mit dem Drang in die Moderne; der Name Bismarck stand für Werte wie Familie, Gemüt, Naturverbundenheit, für Härte und Machtpolitik. Ganz im Gegensatz zu seinen Nachfolgern hatte sich Bismarck allerdings stets von der Gewissheit leiten lassen, Deutschland würde unweigerlich gegen eine übermächtige Koalition feindlicher Mächte zu kämpfen haben, sollte sich das geeinte Land in der Mitte Europas auf Kosten seiner Nachbarn vergrößern wollen.

1890 trat Reichskanzler Bismarck zurück, acht Jahre später starb er. Fürst Otto von Bismarck galt den Deutschen fortan als leuchtendes Vorbild echter deutscher Kraft und deutscher Treue; sein Name beschäme Feiglinge, ermutige die Schwachen und entflamme die Starken zu manneskühner Tat. Für den Bremer Historiker Lothar Machtan okkultische Versatzstücke eines Bismarck-Mythos, der erahnen ließ, auf welche Katastrophe der deutsche Nationalstaat da zusteuerte. In fahrlässiger Überschätzung der vermeintlich eigenen Überlegenheit rüstete sich Deutschland um Kopf und Kragen. Der Erste Weltkrieg war die logische Konsequenz.

Machtan: "”Bismarck dann zum furor teutonicus zu machen, das ist dann eine Glanzleistung von mythisierender Demagogie. Anderes Beispiel ist ja dieser berühmte Spruch ‚Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt’, auch ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat, weil Bismarck also noch anführt, dass die Gottesfurcht die Deutschen schon bewegen würde, diesen Frieden zu erhalten. Aber man verzichtet auf diesen Kontext, nimmt sich einen Begriff heraus, mit dem man sich nun besonders markig meint, daherkommen zu können. ... Das heißt, zu den glorifizierenden Elementen dieser Bismarck-Verehrung tritt eben hinzu der wilhelminische Zeitgeist, der eben säbelrasselnd daherkommt. Und dann wird der Versuch gemacht, eine Figur, die man nun wirklich als Aushängeschild für deutsches Wesen meint, hervorragend stilisieren zu können, eben auch in diesem militaristischen Kontext fruchtbar zu machen.""

Bismarck ist tot, der Mythos um seine Person nicht. Der Bremer Geschichtsprofessor spricht dann auch von zwei Leben des Otto von Bismarcks. Nicht den Politiker und großen Staatsmann, der er zu Lebzeiten unfraglich war, stellte er in den Mittelpunkt seiner Forschung. Lothar Machtan geht der Frage nach:

"Warum es den radikalen Demokraten liberaler und sozialer Herkunft nicht gelungen ist, die Wirkungskraft des Bismarck-Mythos durch rationale historische Aufklärung beziehungsweise durch politische Gegenkultur nachhaltig zu erschüttern. Vielmehr grub sich der Kult um den Reichskanzler ikonenartig zum Rechtfertigungssymbol für die weltmachtpolitischen Ansprüche Preußen-Deutschlands in das öffentliche Bewusstsein ein und stiftete dort Unheil."

Machtan: "”Meine These wäre in diesem Zusammenhang, dass man der Vorgeschichte des Nationalsozialismus eine größere Bedeutung beimessen sollte, vor allen Dingen unter dem Aspekt, wie der deutsche Nationalismus eigentlich in den Jahren davor dahergekommen ist. Und da ist meine Ansicht, dass der deutsche Nationalismus etwa seit der Jahrhundertwende vieles von dem eigentlich vorwegnimmt im Hinblick auf die Führergestalten, im Hinblick auf die Vergewisserung von fabelhaften Tugenden, die dem deutschen Volk nun eigen seien, im Hinblick auf Überlegenheitsgefühlen und dergleichen mehr, also eine ganze Reihe von Elementen vorweggenommen werden, die dann das, was die Nazis die nationale Revolution 1933 genannt haben und was ja auch bekanntermaßen einen ungeheuren Zuspruch gefunden hat. In diesem Kontext also würde ich schon sagen, hat der Bismarck-Mythos eine ganze wichtige Rolle, weil er hilft, die Durchsetzungsfähigkeit des Nationalsozialismus zu erklären.""

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, nach der Schmach von Versailles und nach zwölf Jahren Weimarer Republik suchten die Deutschen an der Seite von Adolf Hitler nach einem neuen nationalen Selbstbewusstsein. Bismarcks Reich, attestiert Goebbels seinem Führer, ruhe bei den Nationalsozialisten in sicheren Händen. Zwölf Jahre später: Statt deutsch-arischer Weltherrschaft eine Trümmerwiese, wo einst stolze Städte standen. Das Reich, das Bismarck geschaffen hatte, war von der politischen Landkarte verschwunden, lag in Schutt und Asche. Ein zweiter demokratischer Neubeginn, diesmal unter alliierter Aufsicht, war das Gebot der Stunde.

Alles Nationale war auf Jahrzehnte verpönt und diskreditiert. Das Bismarck-Denkmal in Hamburg verschwand hinter hohen Bäumen. Otto von Bismarck - Dämon der Deutschen oder großer, weil vorausblickender Staatsmann des 19. Jahrhunderts? Für einen seiner Biografen, Christian Graf von Krockow, ist der Kanzler in erster Linie ein Verfechter moderner Politik – in Fragen der wirtschaftlichen Konsolidierung, in der Innenpolitik, wegen der Einführung der Sozialversicherungen.

"Der Anfang war schwer genug. Die Stimmen der Ablehnung überwogen. Der nationalliberale Reichstagsabgeordneter Ludwig Bamberger fühlte sich sogar an die Verfallzeiten des republikanischen Rom erinnert, als man den Pöbel mit Geld um seine Stimmen bestach und ihn dann mit Brot und Spielen ruhigstellte. Nur Bismarcks Intimfeind, der Zentrumsführer Ludwig Windthorst, sprach dem Kanzler Mut zu und dokumentierte damit die Verkehrung der Fronten seit 1879."

Bismarck legte den Grundstock für die soziale Absicherung, die heute wegen Globalisierung und Kostenexplosion auf dem Prüfstand steht. Der Staat befindet sich auf dem Rückzug. Das Ziel des Wohlfahrtsstaates, durch Intervention und Umverteilung alle Bürger sozial abzusichern, scheinen die Politiker aus den Augen verloren zu haben. Akzeptanz normaler Daseinsrisiken statt kollektiver Stallfütterung? "Heulen und Zähneklappern" kündigen Sozialpolitiker angesichts schmerzhafter Einschnitte in die defizitäre Kranken- und Rentenversicherung an. Der deutsche Sozialstaat lässt Federn. Professor Stephan Leibfried spricht von einer Verengung des Staatskorridors, nicht aber von einem Ende des Sozialstaates Bismarckscher Prägung.

Leibfried: "Die Anfänge der Bismarck-Zeit war eine begrenzte Sozialversicherung für die Arbeiter-Aristokratie, für die Fabrikarbeiter in den großen Fabriken, nicht für die kleinen Klitschen und für die auf dem Land. Dahin geht es mit Sicherheit nicht zurück. ... Im Gegenteil: Gesamteuropäisch muss man feststellen, dass das Bismarck-System immer wichtiger wird. Länder wie Skandinavien, die ein Grundsicherungsmodell hatten, sind ins Bismarck-Lager rübergewandert. Steuerfinanzierte Grundsicherungsformen wurden abgelöst dadurch, dass man auf Beitragsprinzip umschwenkt, insofern nimmt das Bismarck-Modell nicht ab, sondern zu im Sinne der Reichweite als Wohlfahrtsstaatstyp."

Das Sozialversicherungssystem Otto von Bismarcks existiert in seinen Grundsätzen heute noch: finanziert über Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, verwaltet von Vertretern der Gewerkschaften und Unternehmerverbänden. Die Arbeiter waren nicht auf Almosen angewiesen; sie hatten einen Anspruch auf Leistungen, weil es ihre Beiträge waren, aus denen sich die Leistungen finanzierten. Das Versicherungssystem war nach Ansicht von Golo Mann ein Anfang.

"Aber ein Anfang, nur in einer Richtung. In der anderen wollte Bismarck keinen Schritt machen. Nichts geschah für die gesunden Arbeiter; nichts zur Begrenzung der Arbeitszeit, zur Festlegung von Mindestlöhnen, nichts, um die auf dem Papier längst bestehenden Fabrikinspektionen wirksam zu machen. Das, behauptete er, müsste man der Natur überlassen, um die deutsche Industrie konkurrenzfähig zu halten. Versicherung ja; Eingreifen des Staates in den industriellen Prozess selber, nein. Über diese starre Grenze wollte der alte Diplomat, der selber unter die Fabrikanten gegangen war, nicht hinausgehen."

Im Kaiserreich zählt Arbeitslosigkeit zum Berufsrisiko. Wer seinen Arbeitsplatz verlor, fiel auch aus der sozialen Absicherung heraus. Und es war sein privates Problem, ob er sich und seine Familie über Wasser halten konnte. Wem das misslang - und das waren die meisten -, der war auf die Wohltätigkeit caritativer Verbände angewiesen. Der Demütigung sollte ein Ende gesetzt werden, als nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Sozialdemokraten in die Ministerien einzogen. In der Verfassung der Weimarer Republik hieß es im Artikel 163:

"Jedem Deutschen soll die Möglichkeit gegeben werden, durch wirtschaftliche Arbeit seinen Unterhalt zu erwerben. Soweit ihm angemessene Arbeitsgelegenheit nicht nachgewiesen werden kann, wird für seinen notwendigen Unterhalt gesorgt."

Einen Haken hatte die Sache allerdings. Der guten Absicht folgten keine Taten. In den Jahren nach dem Krieg gab es zwar eine Erwerbslosenfürsorge; gezahlt wurde ausschließlich an die, die von der Gemeinde als bedürftig eingestuft wurden. Ein rechtlicher Anspruch existierte nicht. Es dauerte acht Jahre, bis dem Verfassungsauftrag entsprochen wurde. Am 7. Juli 1927 verabschiedete der Reichstag das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung. 50 Jahre, nachdem Bismarck die Kranken-, die Unfall- und die Rentenversicherung einführte, konnten Arbeiter und Angestellten einigermaßen sorgenfrei der Personalpolitik ihrer Arbeitgeber entgegenblicken. Konjunkturelle Schwankungen und unternehmerisches Risiko trugen nicht mehr allein die erwerbstätige Bevölkerung.

Gerade in der Bundesrepublik war die deutsche Konsensgesellschaft das Markenzeichen sozialer Stabilität und wirtschaftlicher Verlässlichkeit. Und heute, wo die Kunst des Nötigen wieder Konjunktur hat, wo es erneut um eigenverantwortliche Absicherung der Lebensrisiken geht?

"Der zweite Prozess, den es gibt, ist, dass das politische System immer mehr sozialstaatliche Funktion dem Markt selber zumutet. Schauen Sie nur, was die EU seit den 90er Jahren an Antidiskriminierungstatbeständen aufgebaut hat. Wenn Sie das mit hinreichenden Schadensersatzansprüchen verbinden und dann in die USA gucken, dann sehen Sie, dass es da einen großen Ersatz-Sozialstaat gibt, der im Markt selber funktioniert als Klage von Arbeitnehmern gegen Arbeitgeber mit einem Umfang, der in den USA bei sieben bis zehn Prozent des Bruttosozialprodukts liegt. ... Da werden Sie auch einiges wachsen sehen, wenn ein Staat, der nicht mehr so mächtig ist, aus eigenen Ressourcen oder aus Beiträgen so etwas zu finanzieren, dann zwar die Prinzipien statuiert, aber den Marktteilnehmern wie Vermieter oder Unternehmer, das direkt auferlegt."

Wo die Kassen leer sind, sind den Politikern die Hände gebunden. Eine Sozialabsicherung durch öffentliche Gelder, das so genannte steuerfinanzierte Modell, hat keine Chance. Hier schließt sich der Kreis zu Bismarck, der zunächst genau dies anstrebte. Als der Reichsregierung klar wurde, welche Kostenlawine da auf sie zukäme, ließ sie das Prinzip der Staatsversorgung fallen.

Heute, mehr als 100 Jahre nach seinem Tod, hat die Dämonisierung des Eisernen Kanzlers einer nüchternen Betrachtung Platz gemacht – auch dank der Arbeit der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh. 1998 wurde sie gegründet, der Historiker Michael Epkenhans leitet sie. Derzeit wird der umfangreiche Bismarck-Nachlass ausgewertet – ein zweites Mal nach 1924. Auf insgesamt 25 Bände ist die Neue Friedrichsruher Ausgabe der Gesammelten Werke Otto von Bismarcks angelegt.

"Allein in den beiden ersten Bänden sind 50 Prozent der Dokumente neu und Themen aus dem Bereich Kulturgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, für die man sich früher schlichtweg nicht interessiert hat.
Darüber hinaus fehlen wichtige Dokumente, um den Kulturkampf in seiner ganzen Breite erklären zu können. Das gleiche betrifft das Sozialistengesetz. Man sieht, wie groß seine Furcht vor einer Revolution war. Es ist schon fast eine Angstpsychose gewesen, wenn man sich die Dokumente anschaut."

Auch Bismarck gilt heute als ein Kind seiner Zeit, zitiert Michael Epkenhans seinen Historiker-Kollegen Thomas Nipperdey. Draußen vor den Toren Hamburgs hatte der Kanzler seinen Ruhe- und Alterssitz. Hier, an der Strecke von Berlin nach Hamburg, ließ er eine Haltestelle errichten; hier stiegen Minister und Diplomaten aus, die Bismarck nach Friedrichsruh bat, wenn er, was häufiger vorkam, seine Regierungsgeschäfte aus der Abgeschiedenheit des Sachsenwaldes leitete; hier hielt auch der kaiserliche Sonderzug, als Wilhelm II. und die Kaiserin Otto von Bismarck die letzte Ehre erwiesen. Im umgebauten Bahnhof hat die Otto-von-Bismarck-Stiftung ihren Platz gefunden. In den Räumen der Stiftung wird vom 26.11 2006 bis zum 21. Januar 2007 die Ausstellung "100 Jahre Bismarck-Denkmal in Hamburg" gezeigt.

Otto von Bismarck: Für manche ist er ein großer Staatsmann, für andere ein skrupelloser Machtpolitiker, für viele war er ein Mythos. Das Hamburger Bismarck-Denkmal legt hierfür Zeugnis ab. Ein Wallfahrtsort, an dem dem Reichsheros gehuldigt wurde, ist das Denkmal heute nicht mehr. Bismarck war ein Antidemokrat und machte daraus nie einen Hehl.

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