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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.07.2005

Im Schatten der Medienindustrie

50 Jahre Literaturzeitschrift "Die Horen"

Von Volkhard App

Der prominente Namensgeber Friedrich Schiller gründete 1795 die Monatsschrift "Die Horen"  (AP)
Der prominente Namensgeber Friedrich Schiller gründete 1795 die Monatsschrift "Die Horen" (AP)

Sie möchte junge Autorinnen und Autoren entdecken und gleichzeitig bedeutende Schriftsteller vor dem Vergessen bewahren. Obwohl mit Preisen bedacht, existieren "Die Horen" nur im Schatten der Medienindustrie. Der Jubiläumsband ist auf den geistigen Vater zugeschnitten: "Gegen die Zeit - Die Klassiker als Zeitgenossen - Schiller & Co".

"Man muß die Leute inkommodieren, ihnen ihre Behaglichkeit verderben, sie in Unruhe und Erstauenen setzen."

Dieses Schiller-Zitat ist zum Motto der bundesdeutschen "Horen" geworden. Dass die literaturbegeisterten jungen Leute ihr Heft 1955 nach der Zeitschrift des Weimarer Klassikers benannten, hatte triftige Gründe. Denn der Freundeskreis um den 1930 in Hannover geborenen Kurt Morawietz suchte nach geistiger Orientierung, da gefiel ihnen Schillers ungestümer Freiheitsdrang. Längst sind die Ausgaben buchdick und widmen sich facettenreich wechselnden Themen, beschäftigten sich mit Liebe, Heimat und Natur, mit Kindheitserfahrung, Erinnerung und Utopien, mit der Kabarettgeschichte, dem Genre des Kriminalromans und kürzlich erst mit Shakespeares tragischem Antihelden Hamlet - dabei sind die Ausgaben gespickt mit Aufsätzen, Rezensionen, literarischen Kostproben, mit Fotos und Graphik.

Die "Die Horen" möchten junge Autorinnen und Autoren entdecken und andererseits bedeutende Schriftsteller der Vergessenheit entreißen. Vor allem stellen sie die Literaturen ganzer Länder und Kontinente vor. Noch zu Zeiten der griechischen Militärjunta wurden oppositionelle Literaten gedruckt und in gleich mehreren Bänden ging man auf China und das heikle Verhältnis zwischen Politik und künstlerischer Freiheit ein. Pioniertaten der "Horen", die sich immer wieder als entdeckungsfreudig erweisen und als kulturelles Gedächtnis profilieren. Aber ist es inmitten einer schrillen Medienwelt noch möglich, die Menschen - frei nach Schiller - in Unruhe und Erstaunen zu versetzen?

"Die Horen" erscheinen viermal im Jahr mit rund 5000 Exemplaren pro Ausgabe. Ihre Existenz verdankt die Zeitschrift aber nicht nur den Abonnenten und Gelegenheitskäufern, sie lebt in hohem Maße von öffentlichen Subventionen: Die Stadt Hannover und die Länder Niedersachsen und Bremen ermöglichen das Erscheinen. Und mancher große Autor reagierte solidarisch - Heinrich Böll steckte dem Herausgeber einmal ein Kuvert mit einem Hundertmarkschein in die Tasche.

Zweifellos werden "Die Horen" beachtet: Gleich zwei Mal wurden sie vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik bedacht. Und doch gedeihen sie und andere Literaturzeitschriften im Schatten der großen Medienindustrie, sie scheinen ein Anachronismus zu sein, ein Liebhaberrelikt aus ferner Zeit. Mancher Beobachter meint ohnehin, die Feuilletons der großen Tages- und Wochenzeitungen hätten die Aufgabe von Literaturzeitschriften übernommen.

Das erste Heft des Jubiläumsjahres befasste sich mit der Geschichte und Zukunft der phantastischen Literatur. Die gerade erschienene zweite Ausgabe öffnet sich den Chancen und Problemen des literarischen Übersetzens - und der abschließende Band des Jubiläumsjahres wird ganz auf die Klassiker und den Hauspatron zugeschnitten sein: "Gegen die Zeit - Die Klassiker als Zeitgenossen - Schiller & Co", so der Titel. Wer aber liest all diese Hefte? Wie genau kennt die Redaktion ihr Publikum?

Die "Horen" sind eine unter vielen Literaturzeitschriften in diesem Land, erhältlich im Abo oder über Buchhandlungen. Besser in der Öffentlichkeit präsent sind attraktiv gestaltete farbige Hefte wie "Bücher" und "Literaturen". Ein harter Wettbewerb um die Gunst des überschaubaren Publikums.

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Externe Links:

hannover.de: "Die Horen"

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