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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.07.2015

Im polnischen Nowa HutaOstalgietour mit Lenin und Plastikobst

Von Henryk Jarczyk

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Wohngebäude in Nowa Huta, einem Stadtteil im polnischen Krakau (imago / Forum)
Wohngebäude in Nowa Huta, einem Stadtteil im polnischen Krakau (imago / Forum)

Nowa Huta, keine 20 Kilometer vom Krakauer Marktplatz entfernt, ist bis heute ein Unikum sozialistischer Planung und Baukunst. Wer sich die Zeiten von damals nicht vorstellen kann, wird dort in die Vergangenheit zurückversetzt.

Wer die Zeiten von damals – als in Polen die Kommunisten noch das Sagen hatten – gerne hautnah wieder erleben möchte, ist in Nowa Huta bestens aufgehoben. Mit professioneller Hilfe von Crazy Guides wird jeder blitzschnell in längst vergessene Augenblicke zurückkatapultiert. Eine einzigartige Erfahrung.

Es klingt wie ein Trabant und es ist auch einer. Modell: 601 S. In Nowa Huta eine Seltenheit – heute. Vor knapp 25 Jahren, erzählt Crazy Guide Jurek Elster, da sei es noch ganz anders gewesen. Da gehörte der Trabant genauso zum Stadtbild wie das Stahlwerk, das hier einst Kommunisten aufstellen ließen und drum herum Nowa Huta bauten.

"Viele betrachten Nowa Huta bis heute durch das Prisma der ganzen Geschichte der Volksrepublik Polen. 45 Jahre Kommunismus. Viele sind der Meinung, Nowa Huta sei grau, düster, schmutzig, uninteressant, wenn es um das Aussehen und die Architektur geht. Aber langsam ändert sich die Einstellung."

In Nowa Huta, sagt Jurek, wollte das Regime ein sozialistisches Arbeiterzentrum schaffen. Als Kontrast zum katholisch-konservativen Krakau. Das war der Plan. Ist nicht ganz aufgegangen. Die Kommunisten wurden in die politische Wüste geschickt, das Stahlwerk privatisiert und Zehntausende in die Massenarbeitslosigkeit entlassen.

Geblieben ist ein gigantischer Stadtteil mit Plattenbauten satt. Nicht wirklich schön, dafür aber ein Paradebeispiel für kommunistischen Größenwahn. Und daher auch eine Touristenattraktion, für jung und alt. Dank Crazy Mike, wie die Stadtführer ihren Boss nennen.

"Auf die Idee Touristen hier her zu bringen, kam Michal Ostrowski 2004. Er studierte Jura und arbeitete gleichzeitig als Nachtportier in einem Hotel. Eines Tages wollten Touristen aus Kalifornien etwas Alternatives in Krakau sehen. Also brachte Michal sie mit seinem kleinen klapprigen 'Fiat Polski' nach Nowa Huta. Sie waren begeistert. Und hielten es für eine gute Idee, die Stadt auf diese Art zu besichtigen."

Die Amerikaner gaben Ostrowski 1000 Dollar und ermunterten ihn eine alternative Touristik-Firma zu gründen. Die Initialzündung für Crazy Guides. Heute weltbekannt mit zehn Stadtführern, zwölf Autos der Marke Trabant und einer Muster-Wohnung. Drei Zimmer, Küche, Bad, Toilette – 65 Quadratmeter Sozialismus pur.

"Hier ist das Wohnzimmer, das gleichzeitig auch als Schlafzimmer diente. Die Familien, die hier wohnten, umfassten mehrere Generationen. Als Ausstattung haben wir hier die typische Schrankwand mit Hochglanzpolitur, einen schwarz-weiß Fernseher – für unsere Propagandafilme über Nowa Huta. Außerdem Plastikobst, immer grüne Plastikpflanzen, triste Tapeten und das obligatorische Kreuz über der Tür."

"Nowa Huta ist ursprünglich ohne Kirche entstanden"

Ein Kreuz in einer Wohnung von parteitreuen Stahlarbeitern? Kein Gegensatz, wie man meinen könnte, versichert Jurek Elster.

"Nowa Huta ist ursprünglich als eine Stadt ohne Kirche entstanden. Aber die Menschen, die hierher kamen, vor allem aus den Dörfern, waren religiös. Heiligenbilder und Kreuze in den Wohnungen waren für sie eine Selbstverständlichkeit. Sie forderten in Nowa Huta auch einen Kirchenbau. Was sie nach Protesten und Streiks letzten Endes auch erreichten. Das bestätigt, dass die Religion selbst in Nowa Huta ein Teil des Lebens war."

Lenin-Denkmal in Nowa Huta, einem Krakauer Stadtteil (Aufnahme aus dem Jahr 1979) (imago / Forum)Lenin-Denkmal in Nowa Huta (Aufnahme aus dem Jahr 1979) (imago / Forum)

Ein Teil des Lebens – das war auch die typische sozialistische Kneipe um die Ecke. Mit Leninbüste auf dem Tresen, gelangweilten Bedienungen und dunkelgrauen Vorhängen. Ein Lokal dieser Art gibt es bis heute. Stylowa - so heißt das Restaurant - ein Fixpunkt im Programm von Crazy Guides. Hierher, sagt Jurek mit Augenzwinkern, kämen die Touristen besonders gerne. Nicht nur des obligatorischen Wodkas wegen.

"Das Restaurant 'Stylowa' besteht seit 1956 ununterbrochen. Es ist das einzige Lokal, das in ziemlich unveränderter Form seit dieser Zeit geblieben ist. Die Ausstattung, das Klima, die Speisekarte, selbst die Art, wie man bedient wird, alles erinnert hier an die Volksrepublik Polen. Und nur hier gibt es noch eine kleine Lenin-Statue zu sehen."

Eine wahre Rarität in einem Land, in dem nahezu überall sämtliche Reste des Kommunismus fein säuberlich entfernt wurden. Im Restaurant Stylowa indes ist Sozialismus bis ins letzte Detail sichtbar und in jeder Ecke deutlich riechbar. Schlecht für Einheimische, scherzt Jurek, gut fürs Geschäft mit Ausländern. Was diese Touristen aus Schweden nur bestätigen können:

"Hier sieht alles aus wie in Nordkorea. Wie in Pjöngjang. Aber wissen Sie, ich war in den Siebzigerjahren in Ostberlin, daher schockt mich das nicht. Aber das Ganze jetzt zu sehen, wie es einmal war hier in Nowa Huta, ist schon ein Erlebnis.

Für viele Menschen ist es eine Attraktion, sie finden hier etwas vor, was sie bis dahin nicht kannten. Sie haben zwar davon gehört, aber es nie gesehen, nie unmittelbar erfahren."

Manchmal führt Jurek auch polnische Touristen durch Nowa Huta. Typische Ostalgiker, wie er sie nennt. Menschen, die ganz bewusst diese Zeitreise machen würden. Und wenn sie dann Tränen in den Augen haben, dann weiß man nicht genau, ob vor Freude, dass Polen heute ganz anders ist, oder weil sie der "guten alten Zeit" nachtrauern. In Nowa Huta, sagt Jurek, bevor er wieder in seinen Trabant 601 S einsteigt, habe man die Wahl.

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