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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.11.2018

Im Kino: "Murer - Anatomie eines Prozesses" Wie die Justiz den "Schlächter von Vilnius" laufen ließ

Christian Frosch im Gespräch mit Dieter Kassel

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Karl Fischer steht in dem Film "Murer" als Franz Murer in einem Gerichtssaal.  (Prisma Film)
Szene mit Karl Fischer als Franz Murer aus dem Film "Murer", der sich dem Prozess gegen den "Schlächter von Vilnius" widmet (Prisma Film)

Ein Film zeichnet jetzt den Murer-Prozess nach. Vor 55 Jahren stand in Graz der "Schlächter von Vilnius" vor Gericht. Franz Murer war im Zweiten Weltkrieg in der litauischen Stadt maßgeblich am Holocaust beteiligt. Dennoch wurde er freigesprochen.

Dieter Kassel: Vor 55 Jahren fand in Graz in Österreich ein Prozess statt, bei dem es möglich gewesen wäre, dem Angeklagten Franz Murer die Verantwortung für die Ermordung von Juden während des Zweiten Weltkriegs eindeutig nachzuweisen, mithilfe von Zeugenaussagen, mithilfe der Aussagen von Menschen, die anwesend waren bei diesem Prozess in Graz.

Aber der sogenannte "Schlächter von Vilnius" wurde freigesprochen. Und das, was damals im Gerichtssaal passiert ist, das zeichnet der Spielfilm "Murer. Anatomie eines Prozesses" nach, der morgen auch in Deutschland in die Kinos kommt. Regisseur und Drehbuchautor dieses Films ist Christian Frosch. Schönen guten Morgen, Herr Frosch!

Christian Frosch: Schönen guten Morgen!

Kassel: Ich habe vor Ihrem Film noch nie etwas von Franz Murer gehört und dachte mir natürlich zuerst, das liegt einfach daran, dass ich Deutscher bin. Ist denn dieser Name in Österreich zumindest den Älteren heute bekannt?

Jüngeren war Franz Murer bisher unbekannt 

Frosch: Nein. In meiner Generation und jünger war der Mann total unbekannt. Jetzt, durch den Film ist er etwas bekannter geworden oder auch wirklich bekannt geworden, weil der Film doch einige Wellen geschlagen hat. Aber es war für mich auch die Motivation, den Film zu machen, weil ich auf den Namen zufällig in Litauen gestoßen bin und mich gewundert habe, dass der in Litauen ein großer Name ist und ich noch nie von dem Menschen gehört habe.

Kassel: Wie fing denn dann die Arbeit an dem Film danach an? Haben Sie erst mal riesige Berge von realen Gerichtsakten gelesen?

Frosch: Ja. Es fing so an, dass ich nicht einen Film drüber machen wollte. Ich war einfach als Person interessiert, über den Menschen was zu erfahren. Und erst, als ich da immer tiefer eingetaucht bin, dachte ich, diese Geschichte von diesem Prozess ist so unglaublich, man muss was drüber machen. Und so bin ich dann langsam erst dazu übergegangen, daraus ein Drehbuch zu machen. Es war wirklich harte Recherchearbeit.

Kassel: Es gibt so viele Stellen an diesem Film, wo man den Eindruck hat, das kann nicht sein, da muss man eigentlich drüber sprechen. Ich nehme mal eine ganz banale: Es gibt eine Stelle, relativ früh auch schon, Österreich hatte damals noch ein anderes Rechtssystem als heute, wo die Schöffen, also die, die nachher sich entscheiden müssen, ist der Mann schuldig oder nicht, am Ende des Prozesses die Frage stellen, was ist denn, wenn wir sagen, er ist schuldig. Und dann sagt jemand zu ihnen, dann gibt es neue Schöffen. War das damals quasi kein Rechtsstaat, das Land Österreich 1963?

Frosch: Ich muss Sie korrigieren. In Österreich haben wir nach wie vor ein Schwurgericht.

Kassel: Aber es gab trotzdem in den 70-ern doch eine Justizreform.

Frosch: Ja, aber trotzdem, auch heute haben wir noch irgendwie ein Schwurgericht bei Kapitalverbrechen und Kriegsverbrechen. Das ist anders als in Deutschland. Das ist dann eher wie ein amerikanisches System, nur nicht mit zwölf, sondern mit acht. Das ist nach wie vor so ein Unterschied. Aber dieses Auswechseln – das ist ja schon fast ein Spoiler.

Kassel: Es passiert relativ früh.

Frosch: Es ist eigentlich am Ende, dieses Auswechseln des Geschworenen, der doch prozessentscheidend ist. Das ist tatsächlich eine Besonderheit dieses Prozesses.

Der Film bekommt Preise, der Regisseur Morddrohungen

Kassel: Sie haben gesagt, der Film hat hohe Wellen geschlagen in Österreich. Er ist das erste Mal schon im März auf einem Filmfestival gezeigt worden. Inzwischen läuft er da schon seit einer knappen Woche regulär im Kino. Wie sind denn die Reaktionen auf diesen Film?

Frosch: Er hat einerseits zwei der wichtigen Preise in Österreich bekommen. Das ist die eine Reaktion. Und von der anderen Seite habe ich natürlich einige Morddrohungen. Das ist halt in Social Media ja auch fast schon nichts Besonderes mehr.

Und es gab von der Politik her eine durchaus, so muss ich es formulieren, Betroffenheit. Es wurde kurzfristig sogar angeregt, eine Historikerkommission zu berufen. Das ist mittlerweile natürlich auch wieder im Sand verlaufen.

Es kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt für diese Regierung, weil man gerade irgendwie mit diesem Thema von Österreich und nationalsozialistischer Vergangenheit ganz gegenwärtig beschäftigt war.

Kassel: Sie haben ja auch selbst gesagt, für Sie ist das kein historischer Film, sondern vor allen Dingen ein politischer Film, weil dieser Prozess auch zeige, wie das österreichische Narrativ funktioniere. Was meinen Sie damit?

Frosch: Ich meine, Österreich hat sich ziemlich schnell als Opfer aus der Affäre gezogen – von den Verbrechen losgesagt, indem man sozusagen – Hitler hat Österreich überfallen, und wir sind das erste Opfer. Und dieser Mythos hat relativ lange funktioniert. Ich glaube, Ende der 80er-Jahre ist der gekippt. Und heute wird natürlich an diesem Mythos weiter gebastelt. Es ist völlig unentschieden, wie die Geschichte weiter transportiert wird. Ich hab in der Schule noch wirklich das so gelernt. Wir waren das erste Opfer, und Österreich hat damit eigentlich gar nichts zu tun.

Kassel: Und hat das direkt, also dieses Narrativ, das Sie gerade beschrieben haben, Fälle wie dieser Prozess in Graz, aber auch diese grundsätzliche Einstellung, wir haben nichts aufzuarbeiten, weil wir ja nicht Schuldige waren, keine Täter, sondern Opfer, führt das direkt zu der Politik, die wir heute in Österreich sehen?

"Österreich ist extrem gespalten"

Frosch: Es ist natürlich differenzierter, weil Österreich ist, wie alle Länder, extrem gespalten. Es gibt natürlich eine große Gruppe, die dieses Thema sehr wohl bearbeitet haben will und auch bearbeitet. Und natürlich gibt es Interessen der Politik, dieses Thema unter den Teppich zu kehren. Der Film ist auch ein Film über Justiz, der zeigt, wie Justiz funktioniert, wenn sie nicht funktionieren soll. Und das ist natürlich ein gegenwärtiges Thema.

Kassel: Glauben Sie denn zum Schluss – ich will nicht noch einen Spoiler liefern und sagen: Nun gut, wie der Prozess endete, ist klar, das ist ja der Gag. Aber wir können, glaube ich, auch zugeben, dass Franz Murer bis, glaube ich, 1994 dann unbehelligt gelebt hat.

Frosch: Ja, ich glaube, es ist trotzdem spannend. Es gibt dann trotzdem noch einige Überraschungen. Es lebt nicht davon, dass man weiß, wer ist schuldig oder nicht schuldig.

Kassel: Aber glauben Sie, wenn Franz Murer heute – es ist biologisch ausgeschlossen, er ist tot seit '94 –, wenn Franz Murer heute noch leben würde, und es wäre juristisch möglich, heute noch einen Prozess zu führen, in Graz aber, dass das heute wirklich völlig anders wäre, auch von der Stimmung her?

Frosch: Das glaube ich schon. Wir sind nicht in den 60er-Jahren. Es würden sich sehr viele Leute dafür interessieren. Zu der Zeit war es ja so, dass sich niemand für den Nationalsozialismus und die Aufarbeitung der Verbrechen wirklich interessiert hat.

Dieses Desinteresse in den 60er-Jahren war viel größer, also in den beginnenden 60er-Jahren, als unmittelbar nach dem Krieg, wo es tatsächlich in Österreich sehr viele Verfahren gab, die zum Teil auch zu harten Strafen geführt haben. Die Restauration beginnt später. Das ist auch ein wichtiger Punkt.

Kassel: Christian Frosch, der Regisseur und Autor des Films "Murer. Anatomie eines Prozesses", der morgen in die deutschen Kinos kommt. Herr Frosch, herzlichen Dank für das Gespräch!

Frosch: Ich bedanke mich!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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