Im kalten Norden

Seit 15 Jahren lebt der polnische Schriftsteller Mariusz Wilk in Russland. Das hat ihn nicht nur geprägt, sondern zu einer gewissen Übersympathie für die politischen Zustände geführt. In seinen Tagebuchaufzeichnungen "Das Haus am Onegasee" hat er sich jedoch vor allem Naturbeobachtungen gewidmet.
Um halb neun Uhr morgens ist es draußen finster, sodass man die Hand nicht vor den Augen sehen kann - eine schimmernde Schwärze. Hinter dem Rücken des Autors lodert das Feuer im Ofen und spiegelt sich in der Scheibe.

Die Flammen spielen auf den Kleidern der Ikonen. Ringsum herrscht Stille. Nur die Erlenscheite knistern im Ofen, und auf dem Tisch summt der Computer. Unter dem Eintrag zum 26. November protokolliert der Autor - vom ersten Schneefleck bis zum Verglimmen der letzten Kohle - fast nur das Farbenspiel der Natur am Ufer des Onegasees.

Im Sommer 2003 hat der polnische Schriftsteller Mariusz Wilk, der seit rund fünfzehn Jahren in Russland lebt und über Russland schreibt, ein altes verfallenes Holzhaus in dem Dorf Konda Bereschnaja erworben - auf halbem Weg zwischen Sankt Petersburg und dem Weißen Meer. Jetzt liegen Wilks Tagebuchaufzeichnungen von 2003 bis 2005 unter dem Titel "Das Haus am Onegasee" auf deutsch im Zsolnay Verlag vor.

Immer wieder spürt der Autor seinem eigenen Naturerleben im einsamen kalten Norden nach und verwandelt es in faszinierende Sprachbilder. Kontrastiert werden die von Beobachtungen aus dem niederschmetternden Alltag der Menschen, geprägt von Armut, Alkohol, Kriminalität und Zerstörung der Natur.

Doch das Heute bildet in diesem Tagebuch nur die Spitze eines Eisbergs. An seinem Grund liegt die Geschichte dieser Region in all ihren politischen, ethnologischen, religiösen und literarischen Facetten. Wilk legt sie mit beeindruckender Kenntnis frei: Er widmet sich der Überlagerung von russischen und finnougrischen Traditionen, analysiert alte Heldensagen.

Er entdeckt das Werk des 1937 ermordeten Nikolai Klujew, des großen Dichters der Onega-Region, und lässt sich von der Lebenskunst der Skomorochi fesseln, einer alten, Staat und Kirche stets verdächtigen Gaukler-Tradition, die heute von einer Rapper-Band in seiner Nachbarschaft gepflegt wird.

Mariusz Wilk, geboren 1955 in Wrocław, einst Aktivist der oppositionellen Solidarność und Autor der renommierten Exil-Zeitschrift "Kultura", gehört seit langem zu den nicht eben zahlreichen Russland-Begeisterten unter den polnischen Intellektuellen. Davon zeugen bereits seine vor fünf Jahren unter dem Titel "Schwarzes Eis" auf Deutsch erschienenen Aufzeichnungen über das Leben auf den Solowetzki-Inseln.

In der Zwischenzeit scheint sich Wilks Faszination für Russland bis zur bewussten Einseitigkeit verstärkt zu haben. Dem Putin-Kult in der russischen Gesellschaft zollt er zumindest sein Verständnis, mokiert sich über das Engagement der ermordeten Journalistin und Putin-Kritikerin Anna Politkowskaja, und das politische "Getöse" in Polens parlamentarischer Demokratie, egal ob europafreundlich oder -feindlich, ob liberal oder national, kann er einfach nicht mehr ertragen.

Trotz und mitunter auch wegen dieser rückhaltlosen, manchmal verblüffenden Sicht ist "Das Haus am Onegasee" reich an tief schürfender Reflexion und literarischer Spannung.

Rezensiert von Martin Sander

Mariusz Wilk: Das Haus am Onegasee. Ein Tagebuch
Aus dem Polnischen von Martin Pollack
Hanser Verlag
269 Seiten, 20,50 Euro