Im Kabinett des Doktor K.

Steffen Schleiermacher © Xavier Miró
10.10.2011
Schiller und Goethe, Cézanne und Monet, Boulez und Stockhausen: Manchmal treten die überragenden Figuren ihrer Zeit parallel auf – und dann kann es eng werden. Eng arbeiteten Boulez und Stockhausen in den 1950er Jahren zusammen, dann trennten sich ihre Wege. Der Komponist und Pianist Steffen Schleiermacher führt sie in einem unterhaltsamen Doppelporträt wieder zusammen.
Boulez und Stockhausen: Beide im Dunstkreis des katholischen Weihrauchs großgeworden; der eine 1925, der andere 1928 geboren; der eine aus großbürgerlichen, der andere aus schlichten Verhältnissen stammend; beide mit fundiertem Handwerk, technologischer Aufgeschlossenheit und fanatischem Sendungsbewusstsein ausgestattet. Beide mischten das Musikleben der Nachkriegszeit auf, mit Auswirkungen bis heute. Nie wieder sollte Musik so klingen wie in den finsteren Jahren vor 1945; nie wieder sollte ein Schöpfer seine Schöpfung so umfassend dominieren dürfen, wie sich das die Romantiker einst ausgedacht hatten.

Boulez und Stockhausen versuchten, Einfälle durch Formeln, Melodien durch Sinuskurven und Darmsaiten durch Magnetbänder zu ersetzen. Beide setzten ihre Ideen durch, ohne ihre Utopien verwirklichen zu können. Beide veränderten die Musik und wurden dabei selbst verändert. Beide bewunderten den jeweils anderen, beide halfen sich gegenseitig – doch irgendwann tauchte Boulez in die künstlichen Paradiese der französischen Literatur ein, während sich Stockhausen die Selbstfindungsfantasien der Hippies zu eigen machte. Fotos aus jener Zeit zeigen, was die Mode streng geteilt: Boulez vertauschte seinen Anzug mit dunklen Poloshirts, Stockhausen den seinen mit weißen Rüschenhemden.

1969 traf man sich wieder: Der gemeinsame Verleger Alfred Kalmus feierte 80. Geburtstag. Diesem legendären "Dr. K." widmeten Boulez und Stockhausen kurze Stücke – worin es Boulez sogar gelang, "Happy Birthday" zum Sujet einer Avantgarde-Komposition zu machen. Diese Werke sowie einige andere eher selten zu hörende Miniaturen aus dem Schaffen von Boulez und Stockhausen hat Steffen Schleiermacher ausgewählt, um die beiden Klassiker im Spiegel des jeweils anderen neu zu befragen.


Gewandhaus zu Leipzig, Mendelssohn-Saal
Aufzeichnung vom 5.10.11

Doppelporträt Boulez & Stockhausen

Pierre Boulez
"Improvisé - pour le Dr. K."
Zwei Sätze aus "Le Marteau sans maître" für Altflöte
"Une page d'éphéméride"
"Dérive 1"

Karlheinz Stockhausen
Schlagtrio für Klavier und 2 mal 3 Pauken
"Tanze Luzefa!" aus dem 1. Akt von "Donnerstag aus Licht" für Bassklarinette
"Dr. K-Sextett"
Refrain für drei Spieler
Klavierstück VIII


Ensemble Avantgarde
Leitung, Klavier und Moderation: Steffen Schleiermacher