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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.01.2009

Im Herzen der Finsternis

Tom Rob Smith: "Kolyma", DuMont Verlag, Köln 2009, 475 Seiten

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Ein sowjetisches Gulag, mehr als 8000 Kilometer östlich von Moskau in Sibirien, 1954. (AP Archiv)
Ein sowjetisches Gulag, mehr als 8000 Kilometer östlich von Moskau in Sibirien, 1954. (AP Archiv)

Moskau, im März des Jahres 1956. Nach ersten öffentlichen Berichten über die Verbrechen Stalins kommt es zu Racheakten an Spitzeln und Mitarbeitern des Geheimdienstes. Auch Leo Demidow, der als Offizier des MGB unzählige Menschen gequält und in den Tod getrieben hat, wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Seine Tochter gerät in die Hände von Entführern, und um sie zurückzubekommen, soll er als Gegenleistung eines seiner unschuldigen Opfer aus dem berüchtigten Gulag 57 am Fluss Kolyma befreien. Demidow hat keine Wahl: Der verdiente Tschekist lässt sich als Gefangener getarnt in das sibirische Straflager schicken.

In seinem gefeierten Debütroman "Kind 44" hatte Tom Rob Smith vor einem Jahr mit Leo Demidow die Figur eines stalinistischen Folterknechts eingeführt, der an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt. "Kolyma" setzt diese Entwicklung jetzt konsequent fort. Seit seiner Entlassung aus dem Geheimdienst leidet Demidow unter Gewissensbissen und Albträumen, die in Sibirien zur Wirklichkeit werden. Die Gefangenen des Gulag erkennen in ihm einen ihrer ehemaligen Peiniger und unterziehen Demidow nachts in der Baracke den gleichen Foltermethoden, die er selbst in den Kellerverliesen des MGB-Hauptquartiers in der Lubjanka so häufig angewandt hat: Schlafentzug, Kälteschocks und Körperfesseln aus nassen Handtüchern, die sich beim Trocknen langsam zusammenziehen, bis nach und nach die Rippen brechen.

Das ist nicht die einzige Stelle, die zarte Gemüter besser überspringen sollten: "Kolyma" ist kein versöhnliches Buch, und das, obwohl die Handlung in jenem Jahr angesiedelt ist, das in Bezug auf die sowjetische Geschichte meist positiv bewertet wird. Tom Rob Smith räumt in seinem gründlich recherchierten Thriller nun zu Recht auf mit dem Mythos der "Entstalinisierung". Demidow erfährt am eigenen Leib, dass das grausame System der Gulags auch jetzt nicht in Frage gestellt wird, und als er schließlich nach einer atemberaubenden Flucht zurück nach Moskau kommt, muss er erkennen, dass Chruschtschows Abrechnung mit Stalin auf dem berühmten 20. Parteitag der KPdSU vor allem taktisches Kalkül war - ein politisches Manöver, bei dem sich der neue, vermeintlich reformfreudige Generalsekretär an die bewährten Methoden seines geächteten Vorgängers hielt: "In vielerlei Hinsicht ist es die gute alte Denunziationsmasche", lässt Tom Rob Smith es einen zynischen Beamten des Innenministerium zusammenfassen: "Stalin ist schlecht, deshalb bin ich gut."

Auch die Entführung von Demidows Tochter ist nur Teil eines Machtspiels, und so ist Smith tatsächlich ein weiterer intelligenter Polit-Thriller im historischen Gewand gelungen. Gekonnt schneidet der 1979 geborenen Brite Verschwörungstheorien, rasante Action und Geschichtslektionen aneinander, und es gelingt ihm sogar, in einer verblüffenden Wendung auf den letzten 50 Seiten dieses filmreifen Romans noch das symbolkräftige Scheitern des ungarischen Volksaufstandes in seinem Roman unterzubringen. Bereits einen Tag nach dem Sturz der gewaltigen Stalin-Statue im Heldenpark von Budapest rollen die Panzer der Roten Armee über die Straßen der Stadt. Auch Leo Demidow ist dabei. Auf der falschen Seite.

Rezensiert von Kolja Mensing

Tom Rob Smith: "Kolyma"
Aus dem Englischen von Armin Gontermann.
DuMont, Köln 2009, 475 Seiten, 19,95 Euro

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