Mittwoch, 20.11.2019
 

Musikfeuilleton | Beitrag vom 05.07.2019

Im hermetischen RaumÜberlegungen zu Boulez und Mallarmé

Peter Knopp

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Der französische Schriftsteller Stéphane Mallarmé im Jahr 1893. (AFP)
Der französische Schriftsteller Stéphane Mallarmé im Jahr 1893. (AFP)

Nach Debussy und Ravel, die einige Gedichte Stéphane Mallarmés vertont hatten, war es Pierre Boulez, der sich dem Werk des "Prince des Poètes", des "Dichterfürsten", mit großer Intensität zuwandte.

In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg gehörte Pierre Boulez in Frankreich zu den radikalsten und kompromisslosesten jungen Komponisten, die häufig auch das sogenannte "aufgeschlossene Publikum" mit ihrer Musik verstörten und provozierten. Dieses Publikum, das noch vom nachholenden Aufarbeiten der Zweiten Wiener Schule um Schönberg, Webern und Berg in Anspruch genommen war, wurde scharf irritiert durch die neue ungewöhnliche Klangsprache, die Boulez anschlug - und durch die sie begleitenden, nicht minder provokativen Texte, in denen er seine musikalische Ästhetik entwickelte.

Seine Klaviersonaten und dann besonders die Komposition "Le Marteau sans Maître" mit Texten des Dichters René Char – für die Boulez das Vorbild von Schönbergs "Pierrot lunaire" im Kopf hatte – sorgten allmählich für seinen Durchbruch in der Musikwelt.

Berührungspunkt Wagner

Dann kam die Aufmerksamkeit für den Dichter Stéphane Mallarmé. Boulez' Hinwendung zu ihm empfand man damals als einen durchaus abdriftigen Rückgriff.

Es gibt noch einen weiteren Berührungspunkt zwischen Boulez und Mallarmé, es ist Richard Wagner. Für die Lyriker der Dichtergruppe "Parnass" um Theophile Gautier stand Wagner für den Eintritt in eine Erlösungs- und Kunstreligion, wobei Mallarmé, der nicht zu den "Parnassiens" gehörte, eigene Wege ging. Boulez hingegen war von der Motivarbeit und der Strukturentwicklung Wagners "stark beeindruckt".

Struktur und Ausdruck

Es ist die Radikalität im ungewöhnlichen Gebrauch der Sprache, die Boulez am Dichter Mallarmé reizte. Dabei ging es ihm nicht zuerst um die Vertonung von Gedichten, sondern um die Suche nach der strukturellen Entsprechung zwischen Musik und Text, genauer darum, "Gedichte in Musik zu übertragen".

Für Boulez stand fest, dass - wenn man von der Struktur ausginge und einen völlig abstrakten Ausgangspunkt nähme - sich auch der Zugriff auf ein neues kompositorisches Werkzeug einstellen würde und man damit einen neuen Ausdruck finden könnte.

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