Im Fokus der Frankfurter Buchmesse

    Die einzigartige Vielfalt Kanadas

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    Eine Wandmalerei am Kensington Market in Toronto zeigt ein junges Mädchen, das ein Buch in der Hand hält und liest, während es auf dem Rücken eines Bären sitzt. Der Bär ist sehr bunt, wie auch der ganze Hintergrund.
    Eine Wandmalerei am Kensington Market in Toronto. In diesem Jahr ist Kanada Gastland der Buchmesse und präsentiert und legt einen Fokus auf seine große Vielfalt auch in der Literarur. © imago / Schöning
    Von Dirk Fuhrig · 16.10.2021
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    60 kanadische Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden sich auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren. Darunter Michel Jean, der einen beeindruckenden Roman über seine Familie geschrieben hat, die den First Nations, den Ureinwohnern, angehört.
    Michel Jean stammt aus Québec, er schreibt auf Französisch, doch sein Thema ist die Geschichte seiner Familie, die dem Volk der Innu angehört. "Ich schreibe, weil ich die Menschen mit meinen Büchern berühren möchte", sagt er. "Und ich hoffe, dass ich einige dazu bringe, die Dinge etwas anders zu sehen. In einer Reportage können Sie versuchen, Leute zu überzeugen, aber ob das gelingt, ist unsicher. Mit der Literatur können sie es schaffen, dass sich Leser mit den Figuren identifizieren und sie mit Hilfe von Emotionen erreichen."
    Michel Jean ist Schriftsteller und Journalist. Bei unserem Telefonat berichtet er, dass es bei seinem Fernsehsender außer ihm keine weiteren Kollegen gibt, die ebenfalls aus einer Familie von Ureinwohnern, von autochthonen Kanadiern stammen.

    Die Innu wurden gezwungen, sesshaft zu werden

    In seinem Roman "Kukum" hat er seine Urgroßmutter in den Mittelpunkt gestellt. Eine starke Frau, die sehr darunter gelitten hat, dass man ihr Volk dazu brachte, das Nomadenleben aufzugeben und in festen Siedlungen zu wohnen: "Ich wollte darüber schreiben, wie die Ureinwohner gezwungen wurden, sesshaft zu werden, denn vielen Menschen, auch in Europa, ist nicht klar, welche Folgen diese Zwangsmaßnahme für viele autochthone Gemeinden hatte."
    Michel Jean bedauert, dass er kein Innu spricht. Seiner autochtonen Wurzeln ist er sich selbst erst durch das Schreiben so recht bewusst geworden. Es ist erst einige Jahrzehnte her, dass Familien wie seine dazu gedrängt wurden, ihre Lebensweise aufzugeben, da die Wälder für die Landwirtschaft und die Holzindustrie benötigt wurden. Die Sprache wurde und wird unterdrückt.

    Einzigartige Vielfalt

    Stimmen wie die von Michel Jean haben die Organisatoren des Ehrengastauftritts bei der Frankfurter Buchmesse ganz bewusst ausgesucht. "Es ist eine Herausforderung, Stereotype über die kanadische Literatur gerade zu rücken und bei deutschen Lesern Interesse zu wecken für neue Stimmen, für die Breite der kanadischen Literatur", sagt Jennifer-Ann Weir vom Kanada-Organisationskomitee.
    Das Motto der Präsentation lautet "Singular Plurality. Singulier Pluriel" – also einzigartige Vielfalt. Und damit ist eben nicht nur gemeint, dass kanadische Bücher auf Englisch und Französisch geschrieben werden, sondern eben auch von Angehörigen der "First Nations".
    "Neben den französischsprachigen autochtonen Autoren wie Michel Jean, Joséphine Bacon oder Naomi Fontaine ist das im englischsprachigen Bereich etwa der Dichter Billie-Ray Belcourt. Dann gibt es die Literatur der Immigranten, die einen anderen Blick auf unsere Gesellschaft haben", sagt Jennifer-Ann Weir.

    Rund 400 Neuübersetzungen ins Deutsche

    Im Einwanderungsland Kanada leben noch weitere Gruppen, die bislang im Literaturbetrieb wenig beachtet wurden, etwa Migranten aus Asien.
    Die Auswahl der rund 60 Autorinnen und Autoren für die Buchmesse ist auch ein Statement für diese vielfältige Gesellschaft. Die meisten davon werden per Video zu den Veranstaltungen im Gastlandpavillon zugeschaltet.
    Rund 400 Bücher sind im Vorfeld des Ehrengastauftritts neu aus dem Englischen oder Französischen übersetzt worden. Dazu erklärt Weir: "Für die kanadischen Verlage ist das eine wichtige Gelegenheit, sich auf der internationalen Bühne zu präsentieren. So eine Gelegenheit bietet sich nicht nochmal. Der deutsche Markt ist für die kanadischen Verlage nach den USA der zweitwichtigste."

    Die kanadische Gesellschaft aufklären

    Kanada hat so renommierte Autorinnen wie Margaret Atwood und die Nobelpreisträgerin Alice Monroe. Der Literaturstar der Französisch schreibenden Kanadier ist der in Haiti geborene Dany Laferrière. Er ist einer der neun, die tatsächlich nach Frankfurt reisen, neben Catherine Mavriakis, Nancy Vo oder Vivek Shraya.
    Und eben Michel Jean, dessen aufklärerischer Familienroman "Kukum" in seinem Heimatland für Furore gesorgt hat. Er sagt: "Das Buch ist vor einem Jahr erschienen, aber ich bekomme immer noch jeden Tag E-Mails von Québecquern, in denen steht: Ich entschuldige mich, das habe ich nicht gewusst. Das Buch wird jetzt auch in Schulen gelesen. Es ist ja nicht so, dass die Québecquer rassistischer wären als andere Menschen. Die Gesellschaft muss einfach erfahren, dass es diese Dinge gibt."
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