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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.05.2010

Im Duktus einer talentlosen Laienbühne

Volker Lösch inszeniert "Titus Andronicus" am Staatstheater Stuttgart

Von Rainer Zerbst

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Am Anfang der Aufführung rückt eine Personenphalanx vom Bühnenhintergund vor an die Rampe - es sind lauter Schwarze, und sie drohen, sie drohen uns mit Gewalt, uns Europäern.

Volker Lösch knüpft mit seiner Inszenierung an einen Kommentar an, den Heiner Müller seinerzeit zu Shakespeares Stück schrieb. Heiner Müller sah einen Konflikt zwischen sogenannter "Erster" und "Dritter" Welt. Und also sind die, die bei Shakespeare als Goten die Römer bedrohen, bei Volker Lösch allesamt schwarz geschminkt, es ist die Gefahr, so seine These, die der weiße Kapitalismus durch seine Egozentrik selbst heraufbeschworen hat.

Dann fängt das Drama von Shakespeare an, und Volker Löschs Inszenierung hätte Shakespeares Zeitgenossen vielleicht sogar gefallen, die Elisabethaner liebten blutrünstige Dramen, und der junge Shakespeare griff voll in die Kiste der Grausamkeiten: Da werden Gliedmaßen abgehackt, Zungen herausgeschnitten, Menschen reihenweise vom Leben in den Tod befördert - so fliegen bei Lösch die Gliedmaßen durch die Luft, werden Leichen in den Müllschlucker geworfen, denn das Bühnenbild besteht aus einer überdimensionalen Einbauküche - mit Elektroherd, Kühltruhe und Waschmaschine.

In Letzere wird Lavinia, die Tochter des Titus, schließlich geworfen, nachdem man sie vergewaltigt und verstümmelt hat. Wie gesagt: Das hätte Shakespeares Zeitgenossen gefallen können - vielleicht, aber vermutlich doch nicht, denn was Lösch da auf die Bühne bringt, ist vom Duktus her die Aufführung einer talentlosen Laienbühne. Die Greueltaten, die ja erschrecken sollen, schockieren, werden dezidiert gespielt, dass man in jedem Augenblick das Klappern der Requisitenkiste spürt. Abgehackte Gliedmaßen sieht man schon, ehe sie abgehackt werden, das Blut wird aus Plastikflaschen auf die Körper gespritzt. Die Texte Shakespeares werden deklamiert in gewollter Hölzernheit.

Die Römer sind bei Lösch im Gesicht weiß geschminkt, als hätten sie in einer Commedia dell'arte aufzutreten, sie benehmen sich lächerlich, als seien sie lauter Clowns in Shakespeares frühen Komödien, und zwar alle - Titus ebenso wie seine Gegenspieler.

Geht es bei Shakespeare noch um menschliche Perversitäten, um falsch verstandene Ehrbegriffe und Rachegelüste, gibt es bei Lösch nur banale Muskelspiele - aber übertrieben gespielt. Das ist lächerlich und nicht witzig.

Em Ende dann wieder die Phalanx aus Schwarzen, diesmal zitieren sie aus einem Buch des Italieners Fabrizio Gatti; sie schildern, unter welchen Mühen sie Afrika verlassen haben und in welche Ausbeutung sie seitens der Weltkonzerne geraten sind. Das aber dauert über 20 Minuten, und so fügt sich an das lächerliche Spektakel Langeweile, wo eigentlich Entsetzen herrschen müsste.

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