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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.08.2012

Im Bann einer dunklen Welt

"Meine Bienen. Eine Schneise" von Händl Klaus bei den Salzburger Festspielen

Von Sven Ricklefs

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Ein Wiltener Sängerknabe in "Meine Bienen. Eine Schneise" (Hans Jörg Michel/Salzburger Festspiele)
Ein Wiltener Sängerknabe in "Meine Bienen. Eine Schneise" (Hans Jörg Michel/Salzburger Festspiele)

Ein Junge muss im Wald schlafen, damit seine Mutter fremden Männern die Hosenböden flicken kann - wie sie es ausdrückt. Er hasst die Natur und die Mutter, zündet den Wald an. Händl Klaus hat erneut ein düsteres Werk geschaffen, das sich mit Inzest beschäftigt.

In "Meine Bienen. Eine Schneise" wohnt eine Frau, eine Lehrerin, mit ihrem Sohn im Wald, zu ihr kommen die Männer, die Bauern aus der Umgegend, dann muss sie flicken, wie sie sagt, flicken, die Hosenböden, doch damit das Kind nicht erfährt, was sie wirklich tut, muss es draußen schlafen, ein-zweimal die Woche, im Wald, in der Natur, die es hasst, wie es sagt, wie es die Mutter hasst. Der Vater des Kindes ist unbekannt, sagt die Mutter, doch das Kind füllt sich das Vaterloch in seiner Biographie mit jedem Mann, der in den Wald kommt. Jetzt kommt der Polizist, der kennt - wie man merkt - die Mutter auch von sehr nah, und dann kommt da noch der Imker, der hat fast alle seine Bienen verloren. Er ist der Vater der Mutter, wie man erfährt, und er ist wohl auch: der Vater ihres Kindes.

"Dunkel lockende Welt" hieß einmal ein Stück von Händl Klaus, da gab es einen Verdacht oder auch zwei und eine Tat und einen Zeh, und auch diese Welt, die Händl Klaus nun in seinem neuen Stück mit dem merkwürdigen Titel "Meine Bienen. Eine Schneise" entwirft ist wieder eine dunkle, und wieder gibt es eine Tat, diesmal steckte man einen Wald in Brand und Bienenkörbe, jetzt gibt es eine Schneise.

Zunächst einmal geht es um die Tat, den Brand, dann geht es um das Kind, die Familie und dann geht es um die Abgründe, die hinter all dem lauern. Am Schluss weiß man konkret nur ein klein wenig mehr als zuvor und ist doch ganz im Bann dieser dunklen Welt, dieser dunkel lockenden Welt. HändlKlaus hat schon mal ein Singspiel geschrieben, in dem es um Päderastie ging, das hieß "Furcht und Zittern", HändlKlaus schafft ganz eigene Welten, in denen so etwas tatsächlich geht, auch jetzt wieder wirft er auf die ihm ganz eigene hochartifizielle Weise einen Blick auf die Nachtseite des Menschen, dort wo Verbrechen und Sexualität ganz furchtbar Ringelrein tanzen. Zugleich aber entwirft er fast so etwas wie einen Mythos, eine Frau, ein Kind, ein alter und ein jüngerer Mann, Prinzipien, Gewalten, die aufeinandertreffen, die sich anziehen und abstoßen.

Ein Musikstück hat HändlKlaus zusammen mit der Osttiroler Musikbanda Franui entwickelt und während die Musik das Stück auf Blas und Streich und Saiteninstrumenten auf ihre ganz eigene Weise vor sich hertreibt, hat der Autor dazu eine Sprachkomposition erdacht, in der die Schauspieler ihre Sätze und ihr Sprechen so in einander verschlingen, dass ganz neuer Sinn entsteht. Und auch das ist natürlich wie Musik.

Auf der Bühne des Salzburger Landestheaters sieht man die Schneise, die das Feuer geschlagen hat, und dahinter dann eine verschummerte bühnenhohe Glaswand, dorthin wird das Kind den letzten noch verbleibenden Bienenschwarm führen, wie ein Rattenfänger aus dem Stück hinaus und in die Welt hinein.

Der im deutschsprachigen Raum völlig unbekannte französische Regisseur Nicolas Liautard hat " Meine Bienen. Eine Schneise" im wirklich besten Sinne des Wortes arrangiert und es dabei zusammen mit seinem kleinen Ensemble auf ein ganz eigenes artifizielles Niveau gehoben.

Und dort jonglieren Ausnahme-Schauspieler wie Brigitte Hobmaier oder Andre Jung mit ihren Rollen und ihren Texten auf so virtuose Weise, dass man sich mit ihnen auf dieses böse Märchen einlässt, widerwillig und gern zugleich. Aber das ist so, bei HändlKlaus.

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