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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.05.2006

Im Bann der Angst

Nirmal Verma schildert in "Ausnahmezustand" das Leben eines Verfolgten

Rezensiert von Barbara Wahlster

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Indira Gandhi führte 1975 ein Notstandsregime. Dies bildet den historischen Hintergrund für Nirmal Vermas Roman "Ausnahmezustand". (AP Archiv)
Indira Gandhi führte 1975 ein Notstandsregime. Dies bildet den historischen Hintergrund für Nirmal Vermas Roman "Ausnahmezustand". (AP Archiv)

Nirmal Vermas Roman "Ausnahmezustand" kommt ganz ohne die üblichen Merkmale aus, die Literatur aus Indien normalerweise für den Westen interessant machen. Folkloristische Idyllen, Elendsambiente oder andere exotische Beigaben interessieren den Autor nicht. Stattdessen konzentriert er sich wie kaum jemand vor ihm auf die Routinen des Großstadtlebens, seine Spannungen und alltäglichen Bedrohungen.

In dem Maße, wie das persönliche Leben aus den traditionellen Bahnen gerät, rücken Vereinzelung und Haltlosigkeit in den Vordergrund. Zersplitternde Welten im Innern der einzelnen Individuen ebenso wie im gesellschaftlichen Gefüge untergraben die Bodenhaftung, den Glauben an die Sinnhaftigkeit der Welt.

Es sind also durch und durch zeitgenössische Existenzen, für die sich der im Oktober 2005 im Alter von 76 Jahren verstorbene Schriftsteller interessiert hat. Mit seinen Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Reiseberichten versuchte er als Vertreter der "neuen Erzählung" seit dem Ende der 50er Jahre Fragen "von moralischer Dringlichkeit" zu stellen, statt Antworten zu liefern. Das machte den kurzzeitigen Lehrer und Journalisten zu einem überaus sensiblen Beobachter - und u.a. auch zum Mitglied der beiden ersten Jurys des Ulysses Award of the Art of Reportage der Zeitschrift Lettre International.

"Reporter der Nacht" - wie der 1989 erschienene Roman im Original heißt, erforscht tatsächlich eine dunkle Seite menschlicher Erfahrung. Er belichtet, wie die "blitzblanke Welt der Bedeutung" ihre Kraft verliert, wie man aus der eigenen Existenz gedrängt wird. Auf unterschiedlichen Ebenen umkreist der Roman Probleme der Distanz zu sich selbst und den eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen ebenso wie zu anderen Menschen.

Das Leben des End-Dreißigers Rishi spielt sich ab zwischen der einsamen Arbeit in der Bibliothek, den Besuchen im Krankenhaus bei seiner depressiven Ehefrau und seinem zu Hause, das er mit seiner gebrechlichen Mutter teilt. Es gerät vollends aus den Fugen, nachdem ein Fremder den Journalisten vor einer möglichen Verhaftung gewarnt hat.

Mit einem Mal teilt sich die Welt in "sie" und "ich", in jederzeit mögliche Willkür und ohnmächtiges Warten. Rishi fühlt sich aus der Gemeinschaft gestoßen, abgeschnitten von den Menschen "außerhalb der Gefahrenzone", das heißt Fragen, Anteilnahme, Hilfsangebote von Freunden und Kollegen erreichen ihn nicht. Verfolgt von anonymen Anrufen steht er im Bann der Angst, grübelt, was passieren könnte, fühlt sich wie ein gehetztes Tier und findet nur kopflose Strategien des Auswegs. Panik und Trotz wechseln einander ab, Scham und Verständnis der Nöte anderer - seiner Frau, seiner Geliebten - und manchmal auch der eigenen.

In blitzschnellen Perspektivwechseln, Rückblenden, Traumsequenzen erzählt Nirmal Verma diese Geschichte und findet immer wieder eindringliche Bilder für den Riss in der Welt. "Ausnahmezustand" bezieht sich zwar auf das Notstandsregime "Emergency", mit dem Indira Gandhi ab Juni 1975 knapp 20 Monate lang die demokratischen Grundrechte außer Kraft gesetzt hatte, um die Opposition in Schach zu halten. Kritiker ihrer Politik wurden vom Geheimdienst mit allen Mitteln verfolgt und in großer Zahl ins Gefängnis geworfen.

Auch wenn Nirmal Verma diese Zeit als nachhaltiges Trauma in der noch jungen indischen Demokratie begriff, sein Roman "Ausnahmezustand" beschreibt mehr als nur eine politische Phase und ihre verheerenden Auswirkungen. Er berührt grundsätzliche Fragen der Identität, der menschlichen Gemeinschaft und ihren Gefährdungen.

Nirmal Verma gilt nicht nur als einer der bedeutenden Schriftsteller und Intellektuellen Indiens, der in vielen Genres zu Hause war, in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt ist und bereits 1979 bei Volk und Welt in Ostberlin ins Programm kam. Er selbst war Kulturvermittler, hat nach einem langen Aufenthalt in der CSSR (von 1959 bis 1968) Schriftsteller wie Bohumil Hrabal oder Milan Kundera ins Hindi übersetzt.

Gleichzeitig bedauerte er die Konzentration des internationalen Buchmarkts auf anglo-indische Autoren bzw. die spürbare Distanz gegenüber den vielen indischen Literatursprachen. Leider stammt auch in diesem Jahr des indischen Schwerpunkts auf der Frankfurter Buchmesse die Mehrzahl der Übersetzungen aus dem Englischen. Umso wichtiger, dass es den Heidelberger Draupadi Verlag mit seinem Übersetzungsprogramm gibt (ebenso konsequent: der Berliner Lotos Verlag, der eine sechsbändige Verma-Reihe mit vielen bisher unübersetzten Texten vorlegen wird).

Nirmal Verma: Ausnahmezustand
Roman, aus dem Hindi überersetzt von Hannelore Bauhaus-Lötzke und Harald Fischer-Tiné
Draupadi-Verlag Heidelberg, 2006
160 S.

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