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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 11.10.2016

Illegaler SprengstoffhandelFischen mit Bomben in Tansania

Von Julia Amberger

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Fischer reparieren ihre Netze am Ufer des Viktoria Sees in Tansania. (imago)
Fischer reparieren ihre Netze am Ufer des Viktoria Sees in Tansania. (imago)

Vor Tansanias Küste wird kommerziell mithilfe von Sprengstoff gefischt. Diese Fischer sind in mafiöse Strukturen verwickelt, die nicht nur die Lebensgrundlage vieler Menschen, sondern auch die innere Sicherheit des Landes bedrohen. Ein Umweltagent aus Südafrika soll nun dagegen vorgehen.

Wer zu den Fischern von Daressalam an der Küste Tansanias gelangen will, muss über einen Müllberg klettern. Dahinter mischt sich der Gestank von verbranntem Plastik mit dem von verdorbenen Fischen. Das grelle Mittagslicht der Tropen brennt auf 20 selbstgezimmerte Holzboote, die in einer dreckigen Brühe treiben. Am hinteren Teil des Strandes hocken Kinder mit maskenhaftem Grinsen unter Baracken und kochen Kokain. Schnell weiter zu den acht Fischern, die sich dort vorne um einen Baum scharen. Sie spielen Dame, auf einem Holzbrett, auf dem sie Plastikdeckel hin- und herschieben. Moses, ein aufgeschlossener junger Mann mit Dreadlocks und zerschlissenem T-Shirt stellt sich als ihr Boss vor.

"Wir fangen alles, was wir kriegen: Roten Schnapper, Thunfisch, Sardinen. Aber es reicht gerade mal zum Sattwerden. Wir können uns nicht mal Rettungswesten oder Regenjacken leisten."

Moses zieht tief an einem Joint, dann reicht er ihn weiter.

"Früher mussten wir zumindest nicht so weit hinausfahren. Da haben wir in der Nähe des Strandes große Fische gefangen. Jetzt gibt es hier fast gar keine mehr."

Die Ursache liefert der junge Fischer gleich mit.

"Morgens kommen Männer mit Bomben hierher. Erst schauen sie sich um und wenn die Luft rein ist, fahren sie aufs seichte Wasser hinaus. Dort zünden sie ihre Bomben, werfen sie ins Meer und zerstören damit alle Fische, auch die Eier und die Babyfische. Inzwischen fahren sie auch hinaus in tiefere Gewässer."

Moses kennt viele der Menschen, die hier illegal mit Sprengstoff fischen, persönlich. Aber Namen verrät er nicht.

"Sonst werfen sie Bomben auf unsere Häuser oder vergewaltigen unsere Frauen! Wir können sie nicht stoppen. Die Regierung muss etwas gegen sie unternehmen. Sonst werden es immer mehr."

Tansania ist das einzige Land Ostafrikas, in dem immer noch und sogar zunehmend kommerziell mit Sprengstoff gefischt wird. 300 Bombenexplosionen in einem Monat zählte ein Wissenschaftler entlang der gesamten Küste. In Daressalam waren es besonders viele. Das Fischen mit Bomben zerstört nicht nur die Unterwasserwelt und die Nahrungsgrundlage der Küstenbewohner. Längst sind die Fischer in mafiöse Strukturen verwickelt, die Tansania durchdringen und seine Sicherheit bedrohen.

Polizisten, die das "Multi-Agency Task Team" im Kampf gegen den illegalen Sprengstoffhandel in Tansania unterstützen soll (Julia Amberger)Polizisten, die das "Multi-Agency Task Team" im Kampf gegen den illegalen Sprengstoffhandel in Tansania unterstützen soll (Julia Amberger)

Das hat sogar die Europäische Union auf den Plan gerufen. Sie hat den bekannten Umweltagenten Johannes Dirk Kotze aus Südafrika engagiert, um das Bombenfischen in Tansania zu stoppen. Und deshalb hat er vor einem Jahr das "Multi-Agency Task Team" – kurz MATT - aufgebaut. Jetzt steht die Gruppe kurz vor einem großen Coup. Der wichtigste Sprengstoffdealer, der fast alle Fischer entlang der Küste mit Zeug zum Bombenbauen versorgt, soll gefasst werden.

Illegaler Handel mit Sprengstoff für den Bergbau

Im Büro der Task Force kleben Landkarten und Fotos von Sprengstoff-Dealern, die zu einem Baumdiagramm verbunden sind. Den ganzen Tag lang hat der Umweltagent mit den acht Mitgliedern den morgigen Einsatz geplant. Jetzt sieht Kotze, 56 Jahre, müde aus, aber seine Augen funkeln. Er zeigt auf die unterste Reihe des Diagramms:

"Wir haben uns erst auf die Fischer konzentriert. Denn anfangs hieß es, dass die Fischer Sprengstoff bekommen und ihre Bomben selbst bauen. Aber die Fische sind nichts wert, sie sind oft winzig klein. Nach und nach haben dann wir herausgefunden, dass das Geld im Sprengstoff steckt." 

Was der Umweltagent meint: Es geht eigentlich nur am Rande ums Fischen. Die Wurzel des Problems ist der illegale Handel mit Sprengstoff. Tansania will Afrikas Nummer eins im Bergbau werden, erlaubt aber nur einer einzigen staatlichen Firma, das sogenannte Explogel V6 aus Südafrika zu importieren. Das reicht schon lange nicht mehr, um den großen Bedarf zu decken und lädt Kriminelle geradezu ein, illegal für Nachschub zu sorgen. Jeden Monat kommt etwa eine Tonne Sprengstoff aus den Nachbarländern - und so landet auch etwas bei den Fischern.

"Kenia – unser Nachbarland - hatte dasselbe Problem. Aber die Regierung hat das Bombenfischen gestoppt. Wer dort mit Sprengstoff erwischt wird, der wird wegen Terrorismus angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. In Tansania ist es anders. Hier stammt das Bergbau-Gesetz, das den Handel mit Sprengstoff kontrolliert, noch aus dem Jahr 1963 und sieht bei illegalem Besitz eine Strafe von umgerechnet 2,50 Euro vor. Das ist nichts."

Seit Jahren arbeitet die Regierung Tansanias an einem neuen Gesetz – bisher ohne Ergebnis. Größeren Erfolg verspricht der von der EU geschickte Umweltagent. Der schleuste Mitarbeiter in die Fischerclans entlang der Küste ein und fand so den Aufenthaltsort des zentralen Dealers heraus: Kunduchi – ein Vorort von Daressalam. Kotze zeigt auf die Spitze des Baumdiagramms. Dort hängt ein Din-A4-Blatt. "J4" alias Jumanne, hat jemand draufgekritzelt. Ihn will er morgen überführen. Und zwar so:

"Er hat unserem Undercover-Agenten Säcke mit Stickstoffdünger angeboten, den braucht man zum Bombenbauen. Voraussichtlich werden wir ein paar Säcke kaufen und ihn während des Deals festnehmen."

Undercover-Agent jagt den Boss der Sprengstoffschmuggler

Am nächsten Morgen ziehen dunkle Regenwolken am Himmel auf. Kotze hat gerade den Undercover-Agenten losgeschickt - mit umgerechnet 750 Euro, einem Fahrer und einem Handy, das sich orten lässt. Jetzt schlängelt er sich durch den Stau in Richtung Kunduchi, vorbei an bunten Buden mit Namen wie Cassandra Lingerie und Schaufenstern, in denen Rinder- und Lammkeulen baumeln.

"Ich wünsche mir so sehr, dass wir heute Erfolg haben. Wenn wir diesen Typen festsetzen, dann haben wir den Kopf der Schlange. Unseren Ermittlungen zufolge beliefert er die drei Dealer, die den Sprengstoff entlang der gesamten Küste Tansanias verticken. Wenn wir ihn und sein Lager hochgehen lassen, dann bekommen die Fischer keinen Sprengstoff mehr. Dann können wir das Bombenfischen drastisch reduzieren."

Johannes Dirk Kotze blickt auf den Punkt auf der Landkarte seines Smartphones. Er bewegt sich nicht mehr - der Undercover-Agent ist am Tatort angekommen. Zwei Task-Force-Mitglieder in Zivil beobachten ihn dort in unmittelbarer Nähe. An die 30 Polizisten, die für den Vorort zuständig sind, warten mit Maschinengewehren auf den Befehl zur Festnahme. Juma, der Kommandeur der Task Force kurvt im Jeep durch Kunduchi und hält Kotze auf dem Laufenden.

"Ja, Juma. Der Mittelsmann ist da, aber 'J4' nicht. Ok. Und der Mittelsmann sagt, dass die Lieferung kommt. Wenn wir nichts anderes tun können, dann verhaften wir den Mittelsmann und er muss uns zu 'J4' bringen. Aber überstürze nichts, warte lieber ab und schau was passiert. Geduld ist eine Tugend."

Kotze wirkt nervös, er zieht die nächste Zigarette aus dem Päckchen. Jetzt ist er da, der heikelste Moment des Einsatzes. Da wandert plötzlich der Punkt auf der Landkarte – der Undercover-Agent bewegt sich. Der Kommandeur schreibt: "Scheiße! Wir haben seine Spur verloren." Kotze tritt abrupt auf die Bremse und steuert an den Straßenrand.

"Das ist Polizeiarbeit. Man kann soviel planen wie man will, wenn es soweit ist, kann alles anders kommen. Man muss dann alles auf den Kopf stellen und seinem Instinkt folgen. In diesem Job muss man anpassungsfähig sein. Typen wie 'J4', die es so weit gebracht haben, sind keine Idioten. Er ist sehr intelligent. In den Deals zuvor hatte er seine eigenen Wachleute. Wir sollten ihn nicht wie einen Idioten behandeln. Er geht sehr professionell vor. Das beweist, dass es sich hier um organisiertes Verbrechen handelt."

Dann ist es still im Jeep. Dreirädrige Tuk-Tuks und bunt bemalte Busse ziehen vorbei, blasen schwarzen Abgas-Qualm auf die Straße. Und plötzlich klingelt wieder das Telefon. 

"Du hast ihn? Ok. Du hast 'J4', ich komme, ich komme Bruder! Ok. Gefangen! Der Mittelsmann ist abgehauen, aber 'J4' ist festgenommen."

Kampf gegen den Sprengstoff-Clan hat erst begonnen

Etwa 50 Menschen drängeln sich um den Jeep des Undercover-Agenten, zwischen Bananenstauden und Wellblech. Aus dem Kofferraum strecken sich einem zwei Hintern entgegen. Bäuchlings, die Hände auf dem Rücken gefesselt, liegen sie da: der Undercover-Agent und der Dealer alias "J4". Kotze zieht "J4" am Genick aus dem Auto - ein gedrungener Mann, der nur so von Muskeln strotzt. Doch jetzt hält er seinen Kopf gesenkt, sein Unterhemd ist mit Erde beschmiert. Kotze schubst ihn in den Jeep eines Polizisten und weiter geht's zur Polizeistation.

Der südafrikanische Umweltagent Dirk Kotze bei der Festnahme von "J4", des Bosses der Sprengstoffschmuggler, im tansanischen Kunduchi (Julia Amberger)Der südafrikanische Umweltagent Dirk Kotze bei der Festnahme von "J4", des Bosses der Sprengstoffschmuggler, im tansanischen Kunduchi (Julia Amberger)

Ein Tuch hängt vor dem vergitterten Fenster – wohl, um die Hitze draußen zu halten. Aber es ist so schwül, dass das dreckige Unterhemd des Dynamitdealers am Körper klebt wie ein Badeanzug. Breitbeinig bäumt er sich vor dem Schreibtisch von Kotze auf und verschränkt die Arme vor seinem Oberkörper. Kotze krallt sich an den Armlehnen fest und wuchtet seinen Oberkörper nach vorne.

"Hör mir gut zu, Freundchen. Es tut mir leid für dich, aber du bist am Ende. Wir haben genug Beweise, um dich hinter Gitter zu bringen."

Jetzt quetscht sich noch ein Polizist in das Büro. "J4" legt den Kopf schief, runzelt die Augenbrauen und winkt einen Übersetzer herbei.

Kotze: "Ich will wissen, wo du den Sprengstoff lagerst. Zeig mir dein Lager."

Übersetzer: "Er sagt, er kauft das V6 von seinem Mittelsmann Eric."

Kotze: "Quatsch, du kaufst nicht von Eric. Eric arbeitet für dich, verarsch mich nicht. Du lügst. Warum hat Eric das Geld nicht bekommen, wer hat kassiert? Wer hat das Geld entgegengenommen, wer hat es gezählt? Und was hast du danach gemacht. Hast du es Eric gegeben? Nein. Du bist damit zu Tigo gegangen. Hast Guthaben für dein Handy gekauft. Dann bist du in die Bar gegangen. Und in eine andere Bar. Ich habe dich genau beobachtet."

"J4" wirkt an dieser Stelle des Verhörs verängstigt. Es scheint fast so, als fühlte er sich ertappt.

"Ich kann alles beweisen. Aber wenn du es für dich einfacher machen willst, dann zeig uns dein Lager und höre endlich auf, den Menschen und dem Ozean Leid zuzufügen. Dann werde ich dir helfen. Wenn du es dir aber anders überlegst, dann gehst du für eine sehr lange Zeit ins Gefängnis mein Freund."

"J4" behauptet immer noch, er wisse von keinem Lager. Aber er führt die Polizisten zu seinem Haus. Dort finden sie Notizen, die beweisen sollen, dass er seit fünf Jahren mit Sprengstoff handeln soll.

Fischer und ihre Boote am Strand von Tansania (Julia Amberger)Fischer in Tansania (Julia Amberger)

Wie reagiert seine Nachbarschaft auf die Festnahme? – Im Vorort Kunduchi streckt ein Mann seinen Kopf hinter einer Hauswand hervor. Er sagt, er sei der Pfarrer. 

"Das scheint alles zu stimmen. Auch wenn ich noch nie von so etwas gehört habe. Aber ich kann mir vorstellen, dass so etwas möglich ist."

Von der organisierten Kriminalität in seiner Nachbarschaft noch nie etwas gehört? Von den Sprengungen auf dem Meer und beim Bergbau?

"Die meisten Menschen hier haben nicht genug Geld, um einen Laden zu eröffnen oder Dinge zu kaufen, die sie dann verkaufen. Explogel ist billig. Also bauen sie sich Bomben und fischen damit oder sprengen beim Bergbau. Es geht ihnen nicht um ein größeres Haus oder ein Motorrad. Sie haben Hunger."

Der Pfarrer nickt einem Jungen nebenan zu. Der zieht sein Handy aus der Hosentasche, spricht etwas ins Telefon und steigt auf sein Motorrad. Er dreht sich noch einmal nach dem Pfarrer um – und weg ist er. Der Pfarrer reicht die Hand zum Abschied und verdrückt sich in die entgegengesetzte Richtung. Auch wenn "J4", der Boss der Sprengstoffschmuggler, in Untersuchungshaft sitzt – das Netz des Sprengstoff-Clans von Kunduchi ist weit verzweigt. Und der Kampf gegen seine Mitglieder hat gerade erst begonnen.




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