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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.08.2010

Ikone mit Widersprüchen

Greg Watts: "Mutter Teresa. Heilige der Dunkelheit", Brendow-Verlag 2009; Leo Maasburg: "Mutter Teresa. Die wunderbaren Geschichten", Pattloch-Verlag 2010

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Mutter Teresa, ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis, starb am 5. September 1997. (AP)
Mutter Teresa, ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis, starb am 5. September 1997. (AP)

Stockkonservativ, politisch instinktlos und technikfeindlich: All diese Eigenschaften treffen auf Mutter Teresa zu. Und doch wurde sie zur Ikone der Nächstenliebe. Anlässlich des 100. Geburtstages der Frau gelingt Greg Watts in seiner Biografie eine respektvolle Würdigung, während Leo Maasburg verschiedene Anekdoten erzählt.

Kann man sich heute, am 100. Geburtstag von Mutter Teresa, ein Bild von ihr machen, dass weder Ikone noch Karikatur ist? Wenn in Büchern ehemaliger Weggefährten die Tränen der Ergriffenheit den Blick trüben und in den Reportagen grimmiger Enthüllungsjournalisten nur das Kratzen am Denkmal zu hören ist - dann ist die nüchtern-kritische Mutter-Teresa-Biografie des Londoner Publizisten Greg Watts zu empfehlen.

"Ich bin durch und durch Albanerin, ich bin indische Staatsbürgerin und ich bin katholische Nonne. Von meiner Berufung her gehöre ich der ganzen Welt. Nur mein Herz – das gehört Jesus." Das sagte Mutter Teresa, nachdem sie 1979 den Friedensnobelpreis bekommen hatte und häufig neben Mahatma Ghandi, Albert Schweitzer und Martin Luther King zu den größten religiös-humanitären Helden des 20. Jahrhunderts gezählt wurde. "Sie zieht diese 'ach-ich-bin-doch-nur-eine-gebrechliche-Nonne'-Nummer ab und ist dabei ungeheuer zielstrebig und effizient", sagte hingegen der Rocksänger Bob Geldorf über sie.

Agnes Bojaxhiu, geboren am 26.8.1910 in Skopje/Albanien, geht mit 18 Jahren als Novizin nach Darjeeling/Bengalen, verlässt 1948 ihren Orden und gründet einen eigenen: Die "Schwestern der Barmherzigkeit" pflegen Kranke und Sterbende in Kalkutta. Mit 4000 Nonnen an 610 Einsatzorten in 123 Ländern sind sie heute die bekannteste Nonnengemeinschaft der Welt.

Der Aufstieg Mutter Teresas zur Ikone der Nächstenliebe ist laut Watts deshalb erstaunlich, weil ihr Wirken mindestens fünf Unbequemlichkeiten bot: 1. Ihre stockkonservative Haltung zur Rolle der Frau, ihr absolutes Nein zu Abtreibung und Anti-Baby-Pille machte sie zur Erzfeindin aller Feministinnen. 2. In ihrem radikalen Einsatz für die Armen "blieb sie dem Papst aus Polen so gehorsam wie ein Bauer dem Wetter." 3. Politisch oft instinktlos, schüttelte sie Haitis Folterdiktator Claude Duvalier die Hand, nahm Spenden von PLO-Chef Jassir Arafat und englischen Boulevardzeitungs-Zaren entgegen.

4. Ihre Technikfeindlichkeit verhinderte medizinisch notwendige Innovationen in den Pflegestationen von Kalkutta, ihre Abneigung gegen Bürokratie hinterließ manch finanzielle Ungereimtheit im Orden. 5. Ihre 2007 veröffentlichten Briefe und Tagebuchnotizen offenbaren eine verzweifelnde, eine oft "gottverlassene" Gläubige, die sich mit dem Schweigen Gottes zum Leiden der Menschen nicht abfinden will.

In der respektvollen Würdigung gerade dieser tiefsten inneren Krisen unterscheidet sich Greg Watts' Mutter-Teresa-Biografie aus dem Brendow-Verlag wohltuend von der öligen Hagiographie, die aktuell zum 100. Geburtstag im Pattloch-Verlag erschienen ist: Leo Maasburg, österreichischer Priester und Mitglied der Seligsprechungskommission, erzählt 238 Seiten lang erbauliche Anekdoten und possierliche Details aus seinen Jahren mit Mutter Teresa, wobei er nie zu betonen vergisst, dass es seine ganz persönlich erlebten Erlebnisse sind und ihm, Zitat: "die Gnade zuteil wurde, Mutter Teresa begleiten zu dürfen." Peinlich.

Mutter Teresa, die Gründerin der "Sisters of Charity" starb am 5. September 1997.

Besprochen von Andreas Malessa

Greg Watts: Mutter Teresa. Heilige der Dunkelheit
Deutsch von Sonja Rebernik
Brendow-Verlag, Moers 2009
188 Seiten, 16,95 Euro

Leo Maasburg : Mutter Teresa. Die wunderbaren Geschichten
Pattloch-Verlag, München 2010
238 Seiten, 19,95 Euro

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