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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 13.01.2018

IG-Metall-Forderung nach 28-Stunden-Woche Von mehr Flexibilität profitieren alle

Von Alexander Hagelüken

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Mitarbeiter der Porsche AG halten am 08.01.2018 in Stuttgart (Baden-Württemberg) bei einer Kundgebung der IG Metall Transparente in den Händen.  (dpa / picture alliance / Marijan Murat)
Warnstreiks bei Porsche (dpa / picture alliance / Marijan Murat)

Die Beschäftigten, die Unternehmen und das Sozialsystem: Alle würden von mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten profitieren, ist der Journalist Alexander Hagelüken überzeugt. Die Forderung nach der 28-Stunden-Woche der IG Metall ist wichtig - so wichtig, dass sich die Gewerkschaft in den Verhandlungen besonders bei einem Punkt nicht verrennen sollte.

Wenn jüngere Deutsche heute zum Bewerbungsgespräch gehen, verhalten sie sich anders als einst. Ihnen geht es inzwischen nicht mehr nur um die Karriere. Sie können sich etwas Besseres vorstellen als sich nur auf die nächste Beförderung zu fixieren – und dafür ewig in Vollzeit zu schuften, plus Überstunden. Das gilt besonders für jene, die ab 1980 geboren sind, die so genannten Millenials. Die Generation Y fragt den Personalchef schon mal frech, ob ihr potenzieller Arbeitgeber so etwas wie Auszeiten anbietet.

Kein Zweifel: Die Deutschen wollen flexibler arbeiten als früher. Nicht immer Vollzeit. Deshalb sollte die Gesellschaft umdenken und ihnen entgegenkommen. Am Ende könnten alle Seiten davon profitieren – auch die Unternehmen und das Sozialsystem.

Vor dreißig Jahren ging in Westdeutschland nur jede zweite Frau einem Beruf nach. Wenn das heute noch so wäre, würden die Unternehmen heute noch lauter nach Fachkräften schreien. Und in der Rentenversicherung würden noch größere Lücken klaffen, als die immer längere Lebenserwartung ohnehin reißt. Heute arbeiten etwa 70 Prozent der Frauen. Damit liegt die Bundesrepublik, international gesehen, gerade mal im Mittelfeld.

Jetzt braucht Deutschland noch flexiblere Arbeitszeiten. Zum Wohle der Beschäftigten, Frauen und Männern – und auch zum Wohle der Unternehmen und des Sozialsystems. Bis heute prägen unser Land zwei Berufsmodelle: Immer Vollzeit. Und immer Teilzeit. Fast alle Männer schuften dauerhaft Vollzeit. Auch jene, die gerne wegen ihrer Kinder früher das Büro verlassen würden. Doch sie fürchten einfach den Karriereknick. Drei von vier Müttern mit Kindern unter 18 arbeiten dagegen in Teilzeitjobs. Häufig, weil die Firma eben nur dauerhaft Vollzeit oder dauerhaft Teilzeit anbietet. Obwohl viele länger tätig sein wollen, arbeiten die Frauen im Schnitt nur 20 Stunden die Woche.

Vorteil für Unternehmen: mehr weibliche Fachkräfte

Zu wenig für eine Karriere - und für eine anständige Rente. Manche ehrgeizige Absolventin entscheidet sich deshalb lieber gleich gegen Babys. Und manche Mutter gleich ganz gegen das Arbeiten. Für das Rentensystem wäre es besser, wenn sie beide Kinder und Beruf wählen würden. Dafür müsste es möglich sein, zeitweise weniger zu arbeiten, wenn etwa der Nachwuchs klein ist. Und später wieder 40 Stunden, oder 35. Von solcher Flexibilität hätten am Ende auch die Unternehmen etwas. Denn sie gewinnen weibliche Fachkräfte, die dem Arbeitsmarkt heute fernbleiben – oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung stehen.

Am wichtigsten aber ist, dass eine solche Flexibilität den Beschäftigten helfen würde. Frauen, die sich heute zwischen Kindern und Job zerreißen. Und Männern, die sich mehr um ihren Nachwuchs kümmern wollen als ihre eigenen Väter. Mehr Flexibilität würde auch jenen Arbeitnehmern helfen, die sich um ältere Angehörige kümmern wollen. Eine Frage, die sich in Zukunft immer öfter stellen wird.

Die SPD hat mit der Union in der Sondierung vereinbart, dass Arbeitnehmer das Recht bekommen sollen, von Teilzeit in Vollzeit zurückzukehren. Das wäre ein wichtiger Schritt zu mehr Flexibilität. Allerdings gilt dies nicht für kleinere Betriebe. Und für mittlere bis 200 Beschäftigte nur eingeschränkt. Das Gesetzesverfahren könnte noch mehr Grenzen bringen. 

Deshalb ist es für die Arbeitnehmer in Deutschland wichtig, wie die aktuelle Tarifrunde in der größten Industriebranche ausgeht. Die IG Metall fordert für vier Millionen Beschäftigte das Recht, vorübergehend von Vollzeit auf 28 Stunden zu reduzieren. Dies wäre ein Meilenstein für mehr Flexibilität. Allerdings fordert ein solches Modell den Firmen auch einiges ab. Sie müssen mehr planen - und Ersatz besorgen. Die Gewerkschaft sollte deshalb nicht auch noch auf dem Lohnausgleich beharren, den Firmen bei der Reduzierung auf 28 Stunden zahlen sollen. Denn scheitert die Tarifrunde, bleibt es womöglich für viele in Deutschland bei starren Arbeitszeiten. Also bei einem Modell, das weder zu den jungen Leuten von heute passe, noch zu den Müttern und Vätern generell.

Alexander Hagelüken, geboren 1968, ist Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung, zuständig für Wirtschaftspolitik. Zuvor arbeitete der studierte Wirtschaftswissenschaftler u.a. als Europakorrespondent in Brüssel und als Parlamentskorrespondent in Bonn und Berlin.

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