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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.12.2018

Ideologisierung in Gefängnissen Imame und Seelsorge als Gegenwehr

Husamuddin Meyer im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Ein Mann im Gefängnis (imago)
In einigen Haftanstalten kommt es zur Radikalisierung der Gefangenen (imago)

Seelsorge und der Einsatz von Imamen können helfen, einer Radikalisierung von Muslimen in Haftanstalten entgegenzuwirken. Der Gefängnisseelsorger Husamuddin Meyer arbeitet in der JVA Wiesbaden und beklagt, dass es vielerorts an geistigem Beistand fehlt.

Der mutmaßliche Attentäter vom Straßburger Weihnachtsmarkt Chérif Chekatt soll sich im Gefängnis radikalisiert haben, hieß es in vielen Medienberichten über den inzwischen erschossenen Islamisten. In deutschen Gefängnissen fehlt es meistens an Imamen, die muslimische Häftlinge seelsorgerisch betreuen könnten, um einer Ideologisierung entgegenzuwirken. Der Imam und Gefängnisseelsorger Husamuddin Meyer arbeitet in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden und beklagt diese Missstände, denn geschätzt wird, dass in Deutschland jeder vierte Häftling ein Muslim ist.

07.02.2018 Sachsen, Waldheim: Das Haftgebäude mit dem Seniorentrakt in der JVA Waldheim. Betagte Insassen stellen normale Haftanstalten oft vor Probleme. Aus diesem Grund wurden in Waldheim 65 Haftplätze für Senioren geschaffen. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)In vielen deutschen Gefängnissen fehlen die Imame für die Seelsorge (dpa-Zentralbild)

"Es gibt noch lange nicht genug Imame", sagte Meyer im Deutschlandfunk. In der JVA in Wiesbaden gebe es hundert Gefangene, anderswo sogar 200. Wenn wenigstens ein Vollzeit-Imam da wäre, sei das nicht schlecht, aber keineswegs ausreichend. In manchen Haftanstalten hätten Imame nur drei Stunden die Woche zur Verfügung oder es sei gar kein muslimischer Seelsorger da.   

Der Weg zum "Märtyrer"  

Er beobachte, dass Häftlinge angesichts des eigenen Scheiterns sehr oft Wut und Hass entwickelten auf die Obrigkeit, die Gesellschaft oder die Polizei, sagte Meyer.  Das richte sich auch gegen sich selbst. So ein Mensch ohne Selbstwertgefühl, der oft über Erfahrungen mit Gewalttaten und Drogen verfüge, sei anfällig gegenüber Leuten, die auf ihn zu kämen und anböten, sich der Sünden zu entledigen. "Natürlich stellt man sich im Gefängnis auch die Frage, wie soll das jetzt weitergehen alles und interessiert sich dann auch für die Religion."  

Wenn dann jemand komme, der eine "Märtyrer-Operation" anbiete, um damit das Paradies zu erreichen, sei das ein möglicher Weg. "Dann werden die kriminellen Taten einfach umgedeutet", sagte Meyer. Man tue das gleiche, aber vermeintlich für einen guten Zweck. "Es wird sozusagen sakralisiert." Es handle sich um eine Ideologisierung, die im Gefängnis geschehe, wenn es Kontakt zu Personen gebe, die bereits eine solche Vorbildung hätten. Dann wirke sich aus, wenn kein Imam da sei.

Ausgleich und Hilfe

Als Seelsorger versuche er den Häftlingen dabei zu helfen,  ausgeglichener zu werden und in einen ruhigeren Zustand zu kommen. Wenn kein Imam da sei, werde die Rolle des Religionslehrers leicht von jemandem übernommen, der schlechte Absichten verfolge und ideologisiert sei. "Der hat leichtes Spiel bei der Klientel, die im Gefängnis  vorhanden ist." Er schätze, dass etwa zehn bis 15 Prozent der Gefängnisinsassen für solche Ideologien anfällig seien. "Die lassen sich dann leicht für so eine sogenannte große Sache begeistern und dann zu so etwas verleiten."

(gem)

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