Identitäten in der Ukraine

    Wie russisch ist das Land?

    23:25 Minuten
    In der Innenstadt von Saporischschja warten Autos an einer Ampelkreuzung. Links ist eine Oberleitung für eine Straßenbahn. Wolken sind am Himmel.
    Die Innenstadt von Saporischschja: Die Stadt liegt ungefähr 170 Kilometer von der Kampflinie im Donbas entfernt. © Deutschlandradio / Kyrylo Kolomiets
    Von Kyrylo Kolomiets · 21.10.2021
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    Russlands Präsident Wladimir Putin veröffentlichte im Juli auf der Kreml-Website ein Essay über die historische Einheit mit der Ukraine. Darin zählt er die südukrainische Stadt Saporischschja zu "Kleinrussland". Was sagen die Einwohner dazu?
    Saporischschja in der südlichen Ukraine ist eine Industriestadt mit etwa 750.000 Einwohnern, umgeben von einer beeindruckenden Kulisse: einem Naturschutzgebiet mit Felsen und Stränden, der Insel Chórtyzja mitten im Dnipro Fluss. In der Stadt selbst merkt man davon nichts: Sie wurde in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts größtenteils am Reißbrett entworfen und dient vor allem der Schwer-, Auto- und chemischen Industrie. Heute ist sie die sechstgrößte Stadt des Landes.
    Das Interessante für unsere Geschichte: Saporischschja liegt ungefähr 170 Kilometer von der Kampflinie im Donbas entfernt. Artilleriebeschüsse hört man hier nicht. Allerdings werden die im Krieg gegen Russland gefallenen Soldaten und Offiziere hier in öffentlichen Zeremonien bestattet. Ansonsten lebt es sich in Saporischschja recht friedlich.
    Im Zentrum der Stadt steht das Einkaufszentrum "Ukraina" – ein Treffpunkt nicht nur für die Jugend. Drei ältere Frauen, die auf einer Bank am etwas entfernten Spielplatz sitzen, treffen sich jeden Tag zu einem Schwatz hier. Sie wohnen in den umliegenden Häusern und beobachten schon lange, wie die Jugend rund um das Einkaufszentrum die Nächte durchfeiert.
    Zwei Rentnerinnen auf einer Parkbank und daneben ein jüngerer Mann und eine Frau aus der LGBT-Bewegung in der ukrainischen Stadt Saporischschja.
    Rentnerinnen schauen mit Skepsis auf die Jüngeren aus der "LGBT+"-Bewegung in der ukrainischen Stadt Saporischschja.© Deutschlandradio / Kyrylo Kolomiets
    Das hätte es früher nicht gegeben, beschwert sich die 77-jährige Marjana Wólik.
    "Die sitzen hier jeden Tag, spielen Gitarre oder drehen die Musik laut auf, schreien herum und drücken sich vulgär aus. Einmal hat hier ein Pärchen mitten am helllichten Tag auf der Bank sogar Sex gehabt! Als wir jung waren, haben wir auch gesungen, aber nur, wenn es festliche Anlässe oder Paraden gab. Damals zu Sowjetzeiten lebten wir alle fröhlich und freundschaftlich zusammen. Und jetzt sind wir wie Feinde. Ich kann nicht mal meine Verwandten in Russland besuchen fahren – mit meiner Rente von rund 100 Euro im Monat!"

    Kritik am Gesetz zur Pflicht Ukrainisch zu sprechen

    Was die einen bedauern, sehen andere zumindest gelassen. Alexander Sawgoródnij zum Beispiel. Er würde zwar auch gern nach Russland fahren, um seine Verwandten zu besuchen – denn er hat sie vor über sieben Jahren zuletzt gesehen. Aber die Zukunft seiner Kinder sieht er nicht dort, sondern in der Europäischen Union.
    "Nun, ja. Ich halte mich für einen ukrainischen Patrioten und plane nicht, irgendwo anders hinzufahren, um dort zu leben. Das hier ist ein wundervolles Land mit wunderbaren Menschen, nur mit der Regierung haben wir etwas Pech gehabt."
    Alexander ist 58 Jahre alt, in Saporischschja geboren, lebt und arbeitet hier als LKW-Fahrer. Seine Eltern zogen Ende der 1940er-Jahre vom Land in die Stadt, um beim Wiederaufbau des Wasserkraftwerkes DnjeproHES mitzuarbeiten, das im Krieg zerstört worden war. Danach blieben sie in Saporischschja.
    "Was mich persönlich betrifft: Ich bin ein Ukrainer, aber ein russischsprachiger Ukrainer! Doch die russische Sprache wird jetzt angegriffen. Alle werden gezwungen, Ukrainisch zu sprechen – zum Beispiel die Verkäuferinnen in den Geschäften. Die müssen jetzt immer Ukrainisch reden. Letztens stand ich an der Kasse und sagte zur Verkäuferin: 'Komm, lass uns Russisch weiterreden.' Aber sie sagte: 'Nein, wir dürfen es nicht! Wir werden dafür bestraft.' Da denke ich mir einfach - ach, du armes Mädchen! Es wird alles dafür getan, dass die russische Sprache hier entwurzelt wird und verschwindet. Ich finde, das ist eine Einschränkung meiner persönlichen Rechte."
    Am 16. Januar 2021 trat das Gesetz in Kraft, wonach die Ukrainer nicht nur in den Behörden, sondern auch in der Privatwirtschaft Ukrainisch sprechen sollen.

    Vorgeschobener Grund für Krimanexion: russische Sprache schützen

    Der Schutz der Russisch sprechenden Ukrainer war es, der als offizieller Grund für die Annexion der Halbinsel Krim 2014 und auch für den Schutz der Donbas-Region galt. LKW-Fahrer Alexander Sawgoródnij sieht das jedoch etwas anders.
    "Die Menschen hier wissen schon, weshalb Putin die Krim annektiert hat. Weil er in seiner Nähe nicht die NATO-Streitkräfte mit all ihren Raketen haben will. Er musste das eben tun, um eine Pufferzone für sich zu haben. Daher denke ich, dass wir als russischsprachige Ukrainer für Putin nicht wirklich von Bedeutung sind. Es ist einfach nur ein Vorwand, um die Besetzung der Krim vor der Welt zu rechtfertigen und auch seine Unterstützung im Donbas. Und dennoch: Russland braucht die Konfrontation mit dem Westen nicht. Wir sind doch wie Verwandte für sie. Wir sind mit den Russen doch ein Volk! Russische Kultur ist mit unserer Kultur doch absolut verschmolzen."
    Ein ukrainischer Patriot, der Russisch spricht und Putins Ukraine-Politik versteht, trotz allem. Das ist Alexander Sawgorónij. Deshalb befürwortet er auch die Anwesenheit der USA in der Ukraine nicht.
    "Meine persönliche Meinung ist, dass wir die Amerikaner in der Ukraine nicht brauchen. Die wollen uns hier nichts Gutes tun. Wenn man sich Syrien anschaut, da ist Krieg! Und was haben sie mit Afghanistan getan? Ich würde sogar so weit gehen und die Anbindung der ukrainischen Währung an den US-Dollar abschaffen. Wir haben doch den Euro und können ihn anstelle vom Dollar als Währung nutzen."

    In der Ukraine können Menschen frei wählen, anders in Russland

    Der nächste Gesprächspartner besteht als einziger darauf, das Interview auf Ukrainisch zu führen. Olexander Pritúla schreibt auch seinen Vornamen in der ukrainischen Schreibweise, als politisches Statement sozusagen. Der 50-Jährige lebt in Saporischschja und ist Dozent der Philosophie an der Saporoger Universität – einer seiner Lieblingsphilosophen ist Immanuel Kant.
    "Es gibt ein grundsätzliches Missverständnis, dass Saporischschja eine russischsprachige Stadt ist. Das stimmt nicht. Es war eine Stadt, in der unter all den anderen Sprachen auch Russisch gesprochen wurde. Russisch wird aber auch in Lwiw gesprochen, das macht Lwiw nicht zu einer russischsprachigen Stadt! Aber die historische Entwicklung dieser Region führte dazu, dass in Saporischschja Russisch zu einer dominanten Sprache wurde. Daher benutze ich im Alltag gelegentlich auch Russisch."
    Uni-Dozent und Kampfsportler Olexander Pritúla aus Saporischschja: kahlrasierter Kopf, enges blaues T-Shirt, Bauansatz, Handy in der Hand.
    "Ein Ukrainer wird niemals ein Sklave sein", meint Uni-Dozent und Kampfsportler Olexander Pritúla aus Saporischschja.© Deutschlandradio / Kyrylo Kolomiets
    Der Philosophie-Dozent ist überzeugt, dass die Konflikte, die in den Medien über den Donbas und seine Bewohner beschrieben werden, nicht stimmen.
    "Die angeblichen Probleme wegen der Sprache hat man sich ausgedacht. Skrupellose Politiker bringen sie in die Welt, um daraus politisches Kapital für sich persönlich zu schlagen! Auch die These, wonach alle russischsprachigen Ukrainer eigentlich Russen seien - stimmt nicht! Die sollten sich mal die russischsprachigen Ukrainer anschauen, die jeden Tag ihr Heimatland im Donbas verteidigen – mit welcher Verachtung sie es tun gegenüber Putins Moskowitern!"
    Der 50-Jährige trägt die traditionelle Haartracht der ukrainischen Kosaken: Auf einem sonst kahlrasierten Kopf liegt der Oseledets, die Stirnlocke. Die Frisur ließ er sich vor 20 Jahren machen. Außerdem ist er der Vorsitzende der ukrainischen Sportföderation für die kosakische Kampfkunst Spas. Während des Gesprächs schlägt er immer mal mit Handkante und Faust, im Wechsel, gegen den Akazienbaum, der neben ihm steht. Um die Knöchel abgehärtet zu halten.
    "Die Ukraine ist ein freies Land. Ein Land der freien Menschen. Ein Ukrainer wird niemals ein Sklave sein. Das muss man unbedingt wissen. In der Ukraine können die Menschen frei wählen und die Regierung öffentlich kritisieren. All das geht in Russland nicht, und wenn ein freier Mensch plötzlich auftaucht, dann wird er von den Sklaven natürlich gehasst, weil sie auf ihn neidisch sind."
    Olexander Pritúla unterrichtet auch Geschichte, sein Spezialgebiet ist die Geschichte und Kultur der ukrainischen Kosaken.
    "Wenn Wladimir Putin sich schon für Geschichte interessiert, dann sollte er genauer lesen, was der russische Zar Peter der Große zur Ukraine gesagt hat! Er sagte, dass Ukrainer unsere Bienen sind. Die sollten gepflegt und umgarnt werden. Dann geben sie der Welt ihren Honig und alles ist prima. Aber wenn man sie stört, dann werden sie zu einem wütenden Schwarm, vor dem sogar ein riesiger Bär die Flucht ergreift!"

    2014 wurde bei vielen die ukrainische Sprache zur Identität

    Tatjana Drobótja will das Interview in Russisch führen: "Ich halte mich für einen gebildeten Menschen, aber wenn ich versuche, Ukrainisch zu reden, dann fange ich an zu stottern, es wird mir peinlich und dieses Gefühl mag ich nicht!"
    Das sage aber nichts über ihre politische Haltung aus, betont sie: "Wir haben dafür einfach nicht genügend Praxis. Denn wir kennen Ukrainisch nur aus Schulbüchern und fühlen uns da nicht so sicher. Wenn ich im ukrainischen Westen bin, wo Ukrainisch normal ist, spreche ich es wieder recht flüssig."
    Die 31-Jährige ist in Saporischschja geboren und arbeitet im Marketingbereich. Zwischendurch arbeitete sie in den USA, Großbritannien und den Arabischen Emiraten, kehrte aber aus Überzeugung in die Ukraine zurück. Nirgendwo sonst, so Tatjana, gebe es so viele spannende Eindrücke wie in der Ukraine.
    "Ich kenne sehr viele Menschen, die sich bewusst entschieden haben, in ihrem Alltag Ukrainisch zu sprechen. Auch mit ihren Kindern. Ich respektiere sie sehr dafür! 2014 hat es bei vielen Klick gemacht. Damals wurde für viele die ukrainische Sprache eine Sache der eigenen Identität."
    Eine Karte zeigt die Lage der Krim.
    Eine Karte zeigt die Lage der Krim. © picture alliance/dpa/dpa Grafik | dpa-infografik GmbH
    Damals, am 23. Februar 2014, begann die Annexion der Russischen Föderation auf den Gebieten der Ukraine. Kremltreue Medien proklamierten sie als "Russischen Frühling", daran kann sich Tatjana gut erinnern. Sie erlebte die Tage damals in Russland, weil sie als Volontärin bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi ausgeholfen hat. Es ist bis heute für die 31-Jährige eine einschneidende Zeit geblieben.
    "Als ich damals hinfuhr, war alles noch schön. Die Krim war ukrainisch, und außer ein paar Unruhen war es auch im Donbas friedlich. Die Krim-Annexion begann am Tag nach dem Ende der Winterspiele. Ich war ja zu der Zeit auf russischem Boden, und das war ein sehr eigenartiges Gefühl: Alle rundherum feiern und du gehörst nicht dazu", erinnert sie sich.
    "Ein paar Tage später fuhr ich mit dem Zug zurück. Ich kann mich erinnern, dass der Zug über Rostow und Donezk nach Saporischschja fuhr. In Rostow am Don, kurz vor der ukrainischen Grenze, füllte sich plötzlich unser Abteil, so wie auch der gesamte Zug, mit Männern, die sehr speziell aussahen. Später habe ich aus den Medien erfahren, dass sie 'Putins Touristen' genannt wurden. Das waren alles kräftig gebaute Männer zwischen 40 und 45 Jahren, die ganz klar militärisch ausgebildet waren, viele von ihnen gehörten zu Kreisen der inneren Sicherheit – das hat man gesehen. Ich bin überzeugt, dass sie eine Spezialeinheit waren, die mitwirkten bei der Entstehung dieser prorussischen Volksrepubliken."
    Tatjana Drobótja ist sicher, dass ohne diese sogenannten "Touristen Putins" die Besetzung des Donbas keinen Erfolg gehabt hätte. Dafür habe es einfach nicht genügend Menschen gegeben, die unzufrieden gewesen seien, meint sie.
    "Die Ukrainer haben genug von der Rolle des kleinen Bruders Russlands. Mit unserem warmen Klima, den Obst- und Gemüseernten wurden wir von denen stets als eine Art Ressourcenlieferant betrachtet. Ich persönlich sehe das gegenwärtige Russland als Abbild der damaligen Sowjetunion – und ich will nicht, dass mein Land ebenfalls so wird. All das hätte im vergangenen Jahrhundert bleiben sollen!"

    Das Lied "Chervona Ruta" verbindet Jung und Alt

    Zurück in der Stadtmitte von Saporischschja, nahe des Einkaufszentrums "Ukraina", dem Treffpunkt der Jugend und der Rentner. Neben einer Gruppe von 15- bis 22-Jährigen, die sich zur "LGBT+"-Bewegung bekennt, sitzen die gleichen drei älteren Frauen, mit denen die Geschichte angefangen hat. In der Abenddämmerung küssen sich zwei Mädchen leidenschaftlich, und das gefällt den dreien überhaupt nicht.
    "Schämen solltet ihr euch!"
    "Als wir jung waren, saßen wir nicht einfach so herum. Wir sind spazieren gegangen oder haben Tanzveranstaltungen besucht."
    Drei Busse mit Nationalgardisten sind an diesem Wochenende nach Saporischschja gekommen. Sie sollen die Sicherheit in der Stadt gewährleisten. Die wird zum Beispiel durch das Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit gefährdet, so die weitverbreitete Meinung. Deshalb patrouillieren die Nationalgardisten im Stadtzentrum und kontrollieren das Trinkverbot. So auch an diesem Abend. Die beiden sich küssenden Mädchen verschwinden schnell, als die Nationalgarde kommt. Der Rest der Gruppe muss sich mit den Ordnungshütern auseinandersetzen.
    Die Jugendlichen, die übrigbleiben, legen spontan statt der dröhnenden Bässe Melodien auf, die auch die Seniorinnen kennen: Die moldauisch-ukrainische Sängerin Sofija Rotaru singt den ukrainisch-sprachigen Klassiker Chervona Ruta aus dem Jahr 1968. Die Jugendlichen singen die Karaoke-Variante dazu – und die Großmütter auf der Sitzbank wippen mit: "Ja, das gefällt uns! Sehr schön ist das!"
    Die beiden anderen Rentnerinnen stimmen lachend zu.
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