'Ich werde Diener''

Von Henning Hübert |
Die Körperhaltung, der Gesichtsausdruck, die Stimmlage, die Kleidung … das Kofferpacken - der Bedarf an ausgebildetem Personal ist in Nordrhein-Westfalen groß. Also muss alles geübt werden. "Gehobene Haushalte" gibt es genug, dienendes Personal nicht, noch nicht. Die Europäische Hauswirtschaftsakademie Essen hat die Marktlücke erkannt, die Agentur für Arbeit liefert die Interessenten. Sie lernen in drei Monaten den Wechsel vom Arbeitsamt in eine Villa. Vorher aber gilt es: vom Marmor stumpf putzen bis Koffer packen mit viel Seidenpapier.
"Sie sehen jetzt hierbei haben wir gleich ein Problem. Das Eisen hat sich, weil es jetzt länger gestanden hat, innerlich abgekühlt - das Wasser. Und da muss es wieder heißer werden. Deswegen gibt es im Moment Wasserflecken. Aber das ist kein Problem, das bügelt man gleich wieder weg."

Marlis Pieper schwört auf Dampfdruckeisen. 20 Jahre arbeitete sie als Wäscheexpertin in einem vornehmen Privathaushalt – in einer Ruhrgebietsvilla bei einem der größten europäischen Textilhändler. Das war. Jetzt bügelt sie als Dozentin, in Essen, in der Lehrwaschküche im Gewölbekeller von Schloss Schellenberg. Dort macht sie sich mit schwerem Gerät ran an die Hemden, die geknittert an der Kleiderstange hängen.

"Sie brauchen keine 1000 Hemden bügeln. Sie müssen versuchen, ein bisschen Freude dran zu finden, dann kriegen Sie es am schnellsten gemacht. Ich würde sagen, wenn Sie fünf Hemden gebügelt haben, wo keine Falte drin ist, dann klappt's. Und dann haben Sie auch keine Angst mehr vor dem sechsten."

Lust auf das sechste Hemd haben und die perfekte Haushälterin für höchste Ansprüche sein – dafür ist die Hauswirtschaftsakademie Essen im Herbst an den Start gegangen. Alles in der mittelalterlichen Vorburg ist innen neu, modern und edel eingerichtet und – natürlich - blitzblank. Der Wochenkurs bei Wäschefee Marlis Pieper kostet in diesem Ambiente dann auch 850 Euro. Eine Woche später wird keine ausgebildete Hausdame ihren Chef mehr mit verbeulter Baumwollhose oder knittrigem Jackett auf die Straße lassen.

"Das Hemd wird täglich gewechselt. Wenn eine Abendveranstaltung ist, dafür natürlich noch mal eins, das ist ja selbstverständlich. Daher hat man die Woche, ich würde sagen, im Schnitt zehn Oberhemden. Und ein Anzug, eine Hose wird täglich gewechselt. Es wird kein Teil zwei Mal getragen, nicht ohne dass es durch meine Hände gegangen ist."

Die Europäische Hauswirtschaftsakademie Essen ist die erste Schule in Deutschland, die das Dienen lehrt: Sie bietet Fortbildung oder sogar Ausbildung mit allem drum und dran. Seide- und Kashmirpflege, ein spezieller Suppen- und Saucenkochkurs, die perfekte Marmorbodenbehandlung, - und selbstredend ist auch ein Tageskurs Kofferpacken dabei.

"Jetzt leg ich darauf ein bisschen Seidenpapier. Diese Bluse, die ich hier falte, ist ein sehr schöner Satin, reine Seide, den braucht man mit Sicherheit nicht aufzubügeln. Bisschen auf einen Kleiderbügel hängen, ans Fenster an die frische Luft – In die Dusche? – ja oder in die Dusche. Dann den Koffer zu. Er drückt nirgendwo, also da hätte noch was rein gekonnt."

So wie damals bei der Eröffnung der Schule im Herbst. Da schauten der Dozentin Monika Kolping beim Zumachen der Kofferschnallen fast nur andere Dozentinnen zu. Es mangelt an Anmeldungen, anfangs. Denn: Auch wenn dem Herrn oder der Dame des Hauses das Essen ihrer Haushälterin nicht mehr schmeckt – diese für eine ganze Kochkurswoche entbehren und für viel Geld nach Essen schicken - etwa zum Spezialkurs Wildzubereitung – das will man, scheint’s, selbst in den höchsten Kreisen auch nicht mal eben so.

Leben gekommen ist in die Mauern von Schloss Schellenberg so richtig erst durch die ersten fünf Frauen, die das Arbeitsamt geschickt hat. Sie sind gerade in einem Schlossnebengebäude beim Frühjahrsputz. Das Jobcenter Essen hatte von der Diener-Akademie erfahren und einen ersten Kurs bestellt. Morgen endet der erste Drei-Monatskurs. "Hauswirtschaft für gehobene Haushalte" heißt er und für das Jobcenter Essen, das ihn bezahlt, ist er eine Perle unter den Fortbildungskursen für Langzeitarbeitslose. Die Teilnehmerinnen sind allesamt Arbeitslosengeld-II-Empfängerinnen. Die Essenerin Margaretha Michaliewicz, eigentlich eine Altenpflegerin, wienert - zusammen mit vier weiteren Frauen ab Mitte Dreißig – den Boden.

"Ich gehe hier gerne hin, weil man auch viele neue Sachen für mich lernen kann."

Übers Jobcenter in eine Villa, von Hartz IV hinein in eine Welt der Reichen – ein Zertifikat der Akademie und ein anschließendes Drei-Monatspraktikum in einem so genannten gehobenen Haushalt machen es möglich. Traumstellen fast so wie bei Rosamunde Pilcher.

"Ja von einer Stelle wo ich mich wohl fühlen kann. Wo ich die Sachen umsetzen kann, die ich hier gelernt habe und ja von einem Job, der auch langjähriger ist. Also die Jobs, die ich bis jetzt gemacht habe – ich komme ja von pflegerischen Berufen – und da habe ich sehr viele Stellenänderungen schon gehabt. Und wovon ich träume ist ein Job, wo ich dann mehrere Jahre auf einem Platz bleiben kann."

Nach dem Umzug. Das A und O für ein Leben als Dienstpersonal ist Ortsungebundenheit. Am besten europaweit. Das setzt die High Society, die den Jet-Set pflegt, auch bei ihrer Hausdame voraus.

"Überall, wo man Deutsch spricht, bin ich bereit, umzuziehen, auch wenn das jetzt ins Ausland gehen sollte."

Ob’s passt mit den Voraussetzungen bei den ALG-II-Empfängerinnen, prüft das Jobcenter Essen. Die Sachbearbeiterin Heike Ufermann hat ein Eignungsprofil auf dem Tisch liegen, wenn sie beim Vorgespräch eine geeignete Bewerberin aus dem Heer der Langzeitarbeitslosen herausfinden möchte. Flexibilität steht ganz oben auf ihrem Zettel. Dann: Idealalter 40 bis 50 Jahre, gepflegtes Erscheinungsbild und Hauptschulabschluss, mindestens. Die nächste Zeile: Offenheit und optimistisches Auftreten. Schließlich muss noch ein Häkchen an Zuverlässigkeit, Sorgfalt und Engagement. Hohes Pflichtbewusstsein – selbstverständlich, Einfühlungsvermögen und gute Beobachtungsgabe auch. Das ist viel. Und für Heike Ufermann längst nicht alles:

"Es ist ganz, ganz wichtig, dass die Persönlichkeit stimmt. Dass die Teilnehmerinnen dienen wollen. Also praktisch bereit sind, in den Haushalten, wo sie dann eingesetzt werden, auch tatsächlich in diesen Bereichen zu arbeiten und ihren Arbeitgebern eben dann auch zu dienen, sprich im Dienstleistungsbereich eben auch bereit sein wirklich zu arbeiten.""

Gestartet ist der erste Kurs "Dienen lernen" im März mit sechs Teilnehmerinnen. Eine ist abgesprungen. Wer durchhält, wird das Gebäude der Essener Agentur für Arbeit nicht mehr betreten, hofft Heike Ufermann:

"Diese Bereitschaft zu dienen, in einem Haushalt tätig zu sein und auch Anweisungen entgegen zu nehmen, ist natürlich nicht jedermanns – ja sagen wir mal – Möglichkeit. Die Perspektive für die Teilnehmerinnen, die wirklich dann durch diese Trainingsmaßnahme laufen, ist wirklich die Chance auf eine lebenslange Beschäftigung."

Rosige Berufsaussichten als Dienstpersonal prophezeit ihnen Karl-Heinz Leciewicz, der Schulleiter und Geschäftsführer der Essener Hauwirtschaftsakademie. Die Branche boomt, sagt er. Und dürste geradezu nach gut ausgebildetem Personal. Deshalb hat er die Gründung der Akademie gewagt. Zusammen mit seinen Dozentinnen will er dem künftigen Dienstpersonal der Reichen den richtigen Schliff geben. Aus dem Catering kommend, gründete Leciewicz schon vor 20 Jahren seine Personalagentur. Inzwischen stellt er das Dienstpersonal von knapp 2000 so genannten "führenden Privathaushalten". Europaweit. Meistens vermittelt er Haushälterinnen und geschulte kinderlose Ehepaare, wo Er dann Hausmeister wird. So ein Paar verdient im Jahr etwa 50.000 Euro an Lohn, rechnet er vor. Nach einem Mann alleine wird er in Deutschland ganz selten gefragt. Leciewicz schätzt die Zahl echter Butler oder Diener bei uns auf gerade mal 100. Er findet sie in Deutschland nur in höchsten Kreisen.

"Butler oder Diener ist immer noch ein gängiger Ausdruck für dieses Berufsfeld. Die Oberbezeichnung für eine Person, die man eine Stufe drüber setzt, heißt Major Domus. Eine Person, die dieses Haus steuert und führt und in der Regel von einer männlichen Person ausgeführt wird."

Nur wenige Insider kennen den Markt für Dienerinnen und Diener so gut wie Leciewicz. Und so ist auch die Standortwahl der Akademie kein Zufall. In Essen und seinem Umkreis leben etliche Erben der früher mal so genannten Schlotbarone.

"In großen Haushaltungen ist das Geld nach wie vor da. Und die Schere von Arm und Reich nimmt nach wie vor weiter zu. Und die Erbfolge ist natürlich auch da und somit entstehen automatisch immer wieder neue Arbeitsplätze. Nur diese Arbeitsplätze sind teilweise nicht mehr standortgebunden. Wir haben durch die Erbfolge auch Familien, die Zweitwohnsitze auch im Ausland haben und somit eben auch dort wieder ein Haus oder ein Schiff oder andere Güter haben, wo eben entsprechendes Personal benötigt wird. Die Reinigungskräfte sind in der Regel vor Ort. Aber es ist eben doch so, dass viele Familien die deutsche Kultur beihalten möchten und man sagt eben immer noch, dass eine deutsche Hausfrau gründlich ist, das sagt man immer noch. Und somit ist dieser Hang nach einer deutschen Haushälterin oder Wirtschafterin ungebrochen."

"Is ’ne Chance, versuch’s!"

Die allein erziehende Anja Sparbrot hat sich entschieden: Sie will so eine gefragte Wirtschafterin werden. Endlich mal nach acht Jahren ohne Arbeit und diversen Bürokauffrauumschulungen ein Arbeitsamtskurs, der auch Aussicht auf eine Arbeitsstelle bietet, sagt sie sich und putzt derweil gründlich die Heizung.

"Ich will hoffen, dass es was für mich ist. Im Grunde genommen kann ich mir gar nicht vorstellen, inwieweit da in einem gehobenen Haushalt was anders ist als in einem normalen Haushalt. Außer, dass er halt größer ist. Dass Kunstgegenstände da sind, Antiquitäten da sind, die natürlich anders behandelt werden müssen. Aber so vom normalen Haushalt wird’s nicht viel anders sein als ein normaler Haushalt, glaub ich, denk ich. Wir werden sehen. Wir arbeiten dann ja kaum in Königshäusern oder ähnliches, wo man dann auch auf diverse Sachen achten muss, sondern, ja, schauen wir mal. Wir lassen uns überraschen."

Leben für die Herrschaften – das kann bei weitem nicht jeder. Am Ende kommen auch Anja Sparbrot leise Zweifel an ihrer künftigen dienenden Rolle, für die sie hier geschult wird:

"Das mit dem Dienen ist ja eigentlich, wenn man das sich überlegt, in einer Gaststätte nicht anders. Da ist ja auch eine Bedienung, die dient ja in dem Moment dem Gast. Das eigentlich weniger. Nur, ja die Angst vielleicht sich zu verkaufen oder sich ganz aufzugeben und nur noch für diese Leute da zu sein, da ist ein bisschen der Gedanke. Angst weniger. Man ist ja irgendwo noch ein eigenständiger Mensch, der selber Entscheidungen treffen kann."

Die wollen euch mit Haut und Haar, besonders, je älter die Herrschaften werden, warnen aber die Dozentinnen auf Schloss Schellenberg. Solche Erfahrungen werden natürlich nicht offiziell im Unterricht weiter gegeben, sondern in den Gesprächen davor und danach. Monika Kolping fängt, nachdem sie ihren Demonstrationsreisekoffer wieder ausgepackt hat, im Speisesaal an zu erzählen, unter dem riesigen Lüster bei einer Tasse Kaffee. Erzählt aus ihren 17 dienenden Jahren bei einem Kölner Industriellenehepaar – wo sie bis vergangenen Herbst ihre Stellung hatte. Geduzt wurde da nie:

"Ich hab die immer gesiezt. Das waren für mich immer Herr und Frau, und ich habe mich, obschon wir eine persönliche Nähe hatten, immer als Angestellte gefühlt. Und die Herrschaften sagten immer zu mir Monika und Sie, weil das einfach einfacher ist, aber auch ganz präzise Monika und Sie. Und wenn ich vorgestellt wurde, in Hotels oder so, sagte die Familie auch: Das ist meine Hausdame."

Bevor es ans Essen geht, muss das Tafelgeschirr blitzblank hergerichtet sein. Das ist das Reich von Hildegard Sudendorf. Gerade hat sie eine gestärkte Schürze umgebunden, um in das richtige Silberputzen mit Spezialpaste einzuführen.

"Also diese Paste wendet man folgendermaßen an: Das Schwämmchen wird angefeuchtet, man reibt das Teil ein, lässt das ein paar Minuten einwirken…"

Kein Holzbrett und kein Kaffeepott – hier wird auf den Umgang mit goldenen Vorlegetellern und Silberbesteck vorbereitet.

"In den gehobenen Haushalten ist es im täglichen Gebrauch. Hinzu kommt, dass sehr viel steht, an Schalen, Pokalen, Krügen, Bechern und so fort. Was man dann natürlich auch in der wöchentlichen Pflege in die Hand nehmen muss. Zu dem Zweck gibt es Silberputzhandschuhe. Ich hab da für mich so eine Regel herausgefunden: Wenn die Herrschaften in Urlaub sind, dann wird alles Silber gründlich gemacht, unter anderem das Besteck."

Eine mühsame Kleinarbeit, in Essen immer wieder auf dem Programm. Ertragen lernen, das Stumpfes glänzend polieren einen auf Dauer ganz schön stumpf machen kann. Da hilft, wie die Dozentinnen sagen, eine gewisse "Dienlichkeit", die man schon von zu Hause aus mitbringen sollte. Putzen und Verschwiegenheit. Die Frauen dürfen niemandem erzählen, wo sie arbeiten. Denn in ihrer Umgebung haben die Haushälterinnen in der Regel noch Sicherheitspersonal – besonders, wenn Kinder in den Haushaltungen da sind. Den passenden Umgang damit kann die Akademie nicht lehren. Damit muss jede angehende Haushälterin für die Top-Haushalte der oberen Tausend in Deutschland selber klar kommen. Auch damit, dass immer wieder getestet wird – auf Verlässlichkeit in jeder Hinsicht. Im Schloss Schellenberg sagt die Spezialistin für Marmorböden Aggi Gebhardt den Absolventinnen des ersten Kurses "Hauswirtschaft für gehobene Privathaushalte" voraus: Prüfungen durch die Herrschaften werden sicher kommen, entweder schon im Praktikum oder danach in der Anstellung als Dienstpersonal:

"Die lassen dann bewusst Geld irgendwo unterm Bett liegen, bewusst irgendwo ein Schmuckstück an einer Stelle, wo man eigentlich nicht so daran denkt. Und dann kontrollieren die schon nach. Wir sagen unsern Damen immer: Grundsätzlich immer auf dem nächsten Tisch offen hinlegen."