"Ich war ein absurder Humorist"

Berlin-Prenzlauer Berg ist die Kulisse für Endlers Roman "Tarzan am Prenzlauer Berg". © Deutschlandradio
Von Sigried Wesener · 03.08.2009
Er übersiedelte 1955 aus dem Ruhrgebiet in die DDR und auch sonst war Adolf Endler jemand, der gern gegen den Strom schwamm. Im Alter von 78 Jahren ist der Barde der Berliner Literaturszene gestorben.
Polemisch klingen die meisten Titel seiner Bücher: "Warnung vor Utah", "Vorbildlich schleimlösend" oder "Der Pudding der Apokalypse" und selbstironisch nannte Adolf Endler seine autobiografischen Aufzeichnungen: "Nebbich - Eine deutsche Karriere". Diese nahm nicht am Berliner Prenzlauer Berg, sondern in Düsseldorf ihren Anfang.

"Ich bin schon ein Mensch, der zu dem, was man Heimat nennt, kein sehr entwickeltes Verhältnis hat. Es hängt vielleicht auch damit zusammen, dass meine Mutter Belgierin, Flamin war und mein Vater aus Böhmen stammt."

Adolf Endler wurde geprägt von der Nachkriegszeit, von der Müllkippe hinterm Elternhaus und von Autoren, die das Verlorenheitsgefühl seiner Generation beschrieben: wie Heinrich Böll oder Günter Eich. Die Übersiedlung 1955 aus dem Ruhrgebiet in die DDR - er stand auf dem Index des Verfassungsschutzes, weil er für die Weltfestspiele geworben hatte - brachte ihm einen Sonderstatus ein. Das Studium am Leipziger Literatur-Institut, erste Veröffentlichungen von Gedichten und Prosa ebneten den Weg für eine aussichtsreiche Schriftstellerexistenz. Während er 1966 mit Karl Mickel die viel beachtete Anthologie "In diesem besseren Land" herausgab, entstanden kritische Essays, die Rudolf Bahro in der FDJ-Zeitung "Forum" veröffentlichte.

"Und dann wurde der Widerspruch zwischen meinem Aufbaupathos und den realen Lebensumständen in der Almstadtstraße mit vielen Ratten im Keller und in der Küche und in der Bibliothek, der Widerspruch wurde zu groß. Es fing an eine Art Fratzenschneiden beim Schreiben."

Adolf Endler arbeitete mehr und mehr für die Schublade, schrieb in Untergrundzeitschriften, las in Wohnzimmern und Kirchen. Wenn Texte von ihm in der DDR zwischen zwei Buchdeckel gelangten, dann suchte er vergeblich auf den Kulturseiten der Tageszeitungen nach Rezensionen.

Dennoch avancierte Endler zu einer der wichtigsten Figuren der neuen Lyrik-Szene vom Berliner Prenzlauer Berg, die außerhalb des offiziellen Literaturbetriebs auftrumpfte.

"Eigentlich bin ich ein Zigeunergeiger. (…) Vielleicht war für einige meine Lebensform, meine etwas zigeunerische Lebensform hilfreich. Literarisch lief das meist andere Wege. Ich war ein absurder Humorist, ein schwarzer Humorist und Humor gab es in der Lyrikszene am Prenzlauer Berg sehr wenig."

Adolf Endler schrieb, wie er sagte, "zerbeulte Prosa", lief als "Außenseiter und dann noch die verkehrte Strecke". Später las er in den Akten der Staatssicherheit, dass er als mürrisch galt, zurückgezogen und primitiv wohne.

Diese Narrenfreiheit lebte er auch in seinen Texten aus, er erfand die berühmt gewordenen Alter Egos Bobby Bergermann und Bubi Blazezak und spielte mit Anagrammen wie Alfred Nolde - ein ästhetischer Fingerzeig, dass sich hinter all diesen Gestalten niemand anderes als Adolf Endler verbarg.

Das Ende der DDR brachte dem Schriftsteller endlich die öffentliche Aufmerksamkeit und literarische Preise wie den Bremer Literaturpreis und den Peter-Huchel-Preis.
In den 90ern machte Adolf Endler zusammen mit seiner Frau Brigitte "Orplid & Co", und damit Berlin zum wichtigsten Treffpunkt für Dichter:

"Und da haben wir sieben Jahre lang sozusagen die gesamte deutschsprachige Lyrik von Rang aufeinandertreffen lassen. Und das war insofern sensationell, als da ein vollkommenes Miteinander von östlichen und westlichen Autoren stattfand."

"Nichts kriegt man richtig fertig - und sein Leben schon gar nicht", schrieb Adolf Endler in seinen Erinnerungen "Nebbich - eine deutsche Karriere". Noch einmal entführte er darin seine Leser in sein skurriles, schwarzhumoriges literarisches Figurenkabinett.
Mehr zum Thema