Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Donnerstag, 21.02.2019
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Thema / Archiv | Beitrag vom 22.02.2010

"Ich kann mich nicht definieren über meinen Besitz"

Millionär verlost Villa zugunsten von Mikrokrediten für Menschen in Entwicklungsländern

Karl Rabeder im Gespräch mit Katrin Heise

Karl Rabeder setzt sein Vermögen für die Armen ein. (Stock.XCHNG)
Karl Rabeder setzt sein Vermögen für die Armen ein. (Stock.XCHNG)

Er finde es sinnvoller, Arme in Entwicklungsländern beim Aufbau ihrer Selbstständigkeit mit Kleinkrediten zu unterstützen als "Spenden, Almosen zu geben und Menschen von sich abhängig zu machen", sagt der Millionär Karl Rabeder. Er verlost seine Villa, um über diese Aktion auf die Mikrokredite aufmerksam zu machen und mit dem Erlös das Projekt auszuweiten.

Katrin Heise: Ein Millionär, der sein Vermögen für die Armen einsetzt, den trifft man auch nicht alle Tage. Der Österreicher Karl Rabeder wurde reich mit seinem Unternehmen für Kerzen und Wohnaccessoires. Dieses Unternehmen hat er verkauft, vor sechs Jahren war das. Mit dem Erlös unterstützte er Waisenhäuser in Südamerika und eine Landwirtschaftsschule. Dieses Engagement war ihm aber nicht genug. Daraufhin gründete er die Initiative MyMicroCredit. Er vergibt also Kleinkredite an Arme in Entwicklungsländern, so ein bisschen nach dem Beispiel des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus. Das Geld für die Ausweitung dieses Projektes, das soll jetzt aus der Verlosung seiner Villa in Tirol kommen. Ich begrüße Karl Rabeder, schönen guten Tag, Herr Rabeder!

Karl Rabeder: Grüß Gott!

Heise: Woher kommt Ihr Engagement für die Armen, warum tun Sie das?

Rabeder: Ich habe so irgendwie in meinem Leben, glaube ich, ziemlich viel Glück gehabt, was das Materielle betrifft, und spüre schon seit vielen Jahren, dass es mir Anliegen ist, etwas an das System zurückzugeben, an die Menschen, die weniger Glück gehabt haben als ich, allein schon durch ihren Geburtsort in einem von Armut gekennzeichneten Land.

Heise: Sie selber sind jetzt auch nicht gerade mit dem goldenen Löffel geboren. Sie stammen aus einfachen Verhältnissen. Fällt es Ihnen jetzt eigentlich leicht, von all dem, was Sie sich da erarbeitet haben, zu trennen?

Rabeder: Ja, es fällt mir absolut leicht, vor allem auch, weil ich nie so wirklich genutzt und genossen habe. Ich glaube, ich habe immer mehr oder weniger bescheiden gelebt, habe vielleicht für das Segelfliegen ein bisschen mehr Geld ausgegeben, mit Expeditionen in Südamerika, aber sonst immer ein recht bescheidenes Leben geführt.

Heise: Das heißt, sind Sie stolz gewesen auf das, was Sie erreicht haben?

Rabeder: Nein, oft mehr das Gegenteil von stolz. Ich habe mich oft gefragt, wozu tue ich mir denn das an, wenn es mir eigentlich nicht wichtig ist?

Heise: Wozu tun Sie sich das an, so hart zu arbeiten?

Rabeder: Ja, auch hart gearbeitet habe ich nicht wirklich, sondern ich glaube, ich kann nur eine Sache sehr gut, das ist spüren, was Menschen wollen. Und das war auch in meinem früheren Beruf so: Ich habe einfach gespürt, was Trend der Zeit ist, was Farbe und was Materialien betrifft, was die Menschen einfach jetzt sehen und spüren wollen.

Heise: Das heißt, das hat Sie dann nicht wirklich befriedigt. Sie haben irgendwo auch mal gesagt, Sie haben Ihr Geld mit Dingen verdient, die eigentlich niemand braucht. Jetzt verkaufen Sie seit Jahren das, was Sie dann an Reichtum, an ungenutztem Reichtum angehäuft haben. Wie wollen Sie eigentlich Ihr weiteres Leben finanzieren, was wollen Sie sich noch leisten können?

Rabeder: Ja, ich möchte irgendwann noch mal exakt bei Null stehen und dann von den 1000 Euro leben, die ich jetzt auch schon für einen Monat zum Leben brauche. Mehr brauche ich ja jetzt schon nicht.

Heise: Das klingt so ein bisschen nach Selbstfindung, nach einem Experiment, nach einem Kick, der Kick des Armseins.

Rabeder: Nein, für mich hat das mit Kick nichts zu tun, für mich ist das einfach eine ganz natürliche Art des Lebens. Ich kann mich nicht definieren über meinen Besitz und meinen Reichtum sondern nur über das, wie ich als Mensch bin. Und dazu brauche ich kein Vermögen.

Heise: Der österreichische Millionär Karl Rabeder über sein Engagement für die Armen in Entwicklungsländern. Herr Rabeder, Sie haben die Mikrokredite jetzt auch selbst erwähnt. Das ist ja nicht Ihr erstes Projekt – warum haben Sie sich dazu entschlossen, was hat Sie zu diesem Projekt bewegt?

Rabeder: An Mikrokrediten finde ich besonders faszinierend, dass das Geld wieder zurückkommt, dass die Empfänger sich damit eine selbstständige Tätigkeit aufbauen können, also sozusagen ihren Arbeitsplatz selber schaffen können; eine sehr schöne Form der Hilfe zur Selbsthilfe. Und nachdem dieser Mikrokredit zurückbezahlt ist, kann man ihn neu vergeben. Also, jedes Jahr kann man ein neues Projekt, einen neuen Menschen unterstützen in seiner Selbstständigkeit. Das finde ich viel sinnvoller als einfach Spenden, Almosen zu geben und Menschen von sich abhängig zu machen.

Heise: Das heißt, der Kreislauf der Armut wird tatsächlich auch, oder hat eine Chance, durchbrochen zu werden. Ist es nicht eigentlich sinnvoll – gerade auf diesem Sektor –, sich in bestehende Strukturen einzuklinken? Denn da gibt es dann ja auch tatsächlich Banken, die entsprechend schon arbeiten. Das ist ja auch alles nicht ganz einfach, die Leute, auch die richtigen Leute, für einen Mikrokredit zu finden. Sie wollen das ganz neu aufziehen. Warum?

Rabeder: Ich will es nicht neu aufziehen, sondern nur auf der europäischen Seite neu aufziehen. Die Partner, mit denen wir zusammenarbeiten in Lateinamerika sind erprobte Mikrofinanzinstitute, die das seit zehn oder 20 Jahren schon machen. Ich möchte nur auf der Geldgeberseite einfach viele private Kleininvestoren mit begeistern, die ab 25 Euro einfach mitmachen und sagen, ich kann für ein Jahr entbehren 50 oder 100 Euro, und das leihe ich einer Person, die ich mir im Internet ausgesucht habe, deren Projekt mich fasziniert.

Heise: Das heißt, Sie führen Geber und Nehmer zusammen?

Rabeder: Genau. Das ist die einzige Aufgabe von dieser Plattform.

Heise: Wie läuft das bisher, was haben Sie erreicht?

Rabeder: So lange gibt es diese Mikrokreditplattform im Internet noch nicht. Wir sind Ende November gestartet, haben jetzt ein paar Hundert Projekte finanziert, das heißt, ungefähr 1000 Menschen, die in diesen Familien leben, tatsächlich weitergeholfen. Und wenn es so weitergeht, ja, dann nimmt es eine sehr schöne, große Dimension an.

Heise: Sie wollen aber auch selber noch sehr viel mehr Geld in dieses ganze Projekt hineingeben, nämlich indem Sie Ihre Villa verlosen. Sie haben sich vor einigen Jahren mal eine große Villa im Inntal in Österreich gebaut. Die wollen Sie jetzt verlosen, fast 22.000 Lose à 99 Euro müssen verkauft werden. Sie suchen jetzt schon seit vielen Monaten nach diesen Loskäufern, haben noch nicht genug Interessenten zusammen – warum verkaufen Sie Ihre Villa nicht einfach?

Rabeder: Ja, nachdem es bei MyMicroCredit darum geht, möglichst viele Menschen zu erreichen und für so einen Kleinkredit zu begeistern, habe ich mir überlegt, wie erreiche ich viele Menschen? Und da bin ich dann automatisch bei der Verlosung der Villa gelandet. Weil, wenn ich nur Käufer suche, dann habe ich exakt einen Menschen oder vielleicht zehn Interessenten, die von meinen Plänen erfahren. Jetzt sind es wenigstens 21.999 und das Echo in den verschiedensten Medien ist so, so stark, dass ich davon ausgehe, dass wahrscheinlich ein paar Millionen Menschen in Mitteleuropa von diesen Mikrokrediten dadurch erfahren werden.

Heise: Also, das heißt, da sind sie guten Mutes, dass Ihr Haus irgendwann da zwischen den fast 22.000 Menschen verlost wird. Sind Sie eigentlich auch manchmal dann in den Gebieten unterwegs, wo Sie Mikrokredite vergeben? Können Sie sich überzeugen von dem, was da tatsächlich mit Ihrem Geld gemacht wird?

Rabeder: Ja, natürlich, es kann mich ich überzeugen und es gibt auch unabhängige Ratingagenturen, die diese Mikrofinanzinstitute raten, die weltweit aktiv sind und denen ganz, ganz genau auf die Finger schauen, Wenn man interessiert ist daran, kann man selber auch im Internet da nachrecherchieren. Diese Mikrofinanzinstitutionen machen wirklich eine ganz, ganz tolle Arbeit, gerade weit am Land draußen, wo sie oft Mitarbeiter mit nur einem Moped rausschicken und einem Notizblock und das ist das ganze Büro dort. Und diese Mitarbeiter kümmern sich dann um ihre Schäfchen, denen sie dort Mikrokredite vergeben.

Heise: Herr Rabeder, jetzt haben Sie es ja bald geschafft, Ihren eigenen Reichtum loszuwerden. Fühlen Sie sich jetzt glücklicher?

Rabeder: Ich weiß nicht, ob glücklicher man dort ist. Ich fühle mich freier, befreiter, und habe unendlich viele Optionen jetzt offen, was ich aus meiner zweiten Lebenshälfte mache, und da freue ich mich schon sehr darauf.

Heise: Sagt Karl Rabeder, ehemaliger Unternehmer in Österreich, noch reicher Mann, der sein Vermögen für die Armen ausgeben möchte. Danke schön, Herr Rabeder, für das Gespräch!

Rabeder: Ganz herzlich danke!

Heise: Informationen über sein Projekt finden Sie im Internet auf der Plattform www.mymicrocredit.org.

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur