"Ich höre, wie das Blut der Opfer zum Himmel schreit ... "
Etwa 1,5 Millionen ukrainische Juden wurden bei blutigen Massakern durch deutsche Einsatzgruppen von 1941 bis 1944 ermordet. Dass davon Notz genommen wird, ist vor allem der Verdienst des französischen Vereins Yahad-In-Unum unter der Leitung des katholischen Priesters Patrick Desbois. Dieser spürt in der Ukraine Hunderte von vergessenen Massengräbern und Zeugen der Massenerschießungen auf.
Ein blauer Minibus hält in einem ukrainischen Dorf. Der schwarz gekleidete Priester Patrik Desbois, seine Dolmetscher, der Fotograf und der Ballistikexperte steigen aus dem Bus und gehen auf die Suche nach den älteren Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs hier lebten. Finden sie solche, dann werden diese befragt: "Wurden bei Ihnen im Dorf Juden umgebracht? Haben Sie das gesehen? Können Sie uns den Platz zeigen?" Fast in jeder ukrainischen Siedlung gab es Massaker an den Juden.
Nikolai Kristitsch: "Es kamen immer wieder schwarze Autos hierher zum Ghetto, Menschen wurden rausgeschmissen. Sie standen in der Schlange, mussten sich nackt ausziehen. Ich hab das alles selber gesehen! Der jüdische Priester... wie heißt er - Rabbi? Ja, Rabbi, er stieg als erster in die Grube, und die anderen folgten ihm. Und da sitzen drei Deutsche, mit Maschinengewehr, und schießen auf sie. Und neue Autos kommen, und neue Juden werden erschossen."
Der Klang der deutschen Maschinengewehre ist für den 77-jährigen Nikolai Kristitsch wieder präsent. Jetzt ist er wieder dieser neunjährige Junge, der die Vernichtungsaktion miterlebt. Mitten im Dorf, bei helllichtem Tage bringen die Deutschen die Juden um.
Desbois: "Die Historiker sind sich einig, dass auf dem ukrainischen Boden 1,5 bis 1,8 Millionen Juden ermordet wurden. Und die Leichen wurden einfach in Gruben verscharrt - hinter den Kirchen, hinter Marktplätzen, in den Wäldern."
Der französische Priester Patrick Desbois ist 55 Jahre alt. Die letzten sieben Jahre hat er zum größten Teil in der Ukraine verbracht, stets unterwegs, um "Augenzeugen zu finden und ihre Aussagen mit der Kamera festzuhalten".
Desbois: "Ich will diese Gräueltaten aufdecken. Ich forsche nach, wie die Juden ermordet und wo genau die Leichen verscharrt wurden. Ich möchte jene schrecklichen Geschehnisse genau rekonstruieren – ab dem Moment, als die Deutschen einmarschiert sind und Juden in Ghettos eingesperrt haben, und bis zu dem Moment, wo sie ermordet und verscharrt wurden. Ich will wissen, wie das vor sich ging."
Warum unternimmt der katholische Geistliche diese zwar verdienstvolle, aber auch sehr belastende Tätigkeit? Sein Großvater Claudius Desbois war nach einer missglückten Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager nach Osten in das Lager von Rawa-Ruska an der ukrainisch-polnischen Grenze deportiert worden. Dort wurde er Zeuge des Massenmordes an den ukrainischen Juden. Erst nach langem Zögern erzählte der Großvater dem kleinen Patrick von seinen Erlebnissen.
Desbois: "Mein Großvater, der sonst ein sehr fröhlicher Mensch war, hat erzählt, dass sie im Kriegsgefangenenlager schreckliche Zeiten erlebt hatten. Sie mussten Gras und Löwenzahn essen. Doch für die anderen sei es noch schlimmer gewesen."
Wen sein Großvater mit den "anderen" meinte und wie es diesen erging, wurde Patrick Desbois erst beim Geschichtsunterricht in der Schule klar. Später, schon als geweihter Priester, widmete sich Desbois der Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen. Schließlich reiste er auf den Spuren seines Großvaters nach Rawa-Ruska, um nach den Gräbern ermordeter Juden zu suchen.
Dort stieß Desbois zuerst auf offizielles Unwissen. Doch der Pater ließ nicht locker und reiste auf eigene Faust weiter durch die Westukraine. Und in nahezu jedem Dorf fand er Zeugen, die den Mord an den Juden selbst gesehen hatten. Damals Kinder oder Jugendliche, waren sie nicht nur Augenzeugen der Vernichtungsaktionen. Die Einsatzkommandos verpflichteten sie unter Mordandrohung als Helfer. Sie mussten Gruben für die Juden ausheben und später zuschütten, die Kleider der Ermordeten einsammeln, den Opfern die Goldzähne herausbrechen oder auf den Erschossenen mit den nackten Füßen herumtrampeln, damit mehr Tote in die Grube hineinpassten. Viele waren aber noch gar nicht tot. Oft erzählen diese Menschen zum ersten Mal nach über 60 Jahren ihre traumatischen Erlebnisse.
Desbois: "Erstaunlich ist, dass man diese Leute nie befragt hat. Es gibt Tausende alte Leute, die den Holocaust aus der Nähe gesehen haben, sich daran erinnern können und die Plätze der Massaker kennen. Und sie bestätigten mir alle, dass ich seit 1941 der Erste bin, der sie danach fragt, was sie genau gesehen haben. Und wahrscheinlich sprechen sie zum ersten und zum letzten Mal über diese Gräueltaten. Der Holocaust im Osten wird aus Sicht der einfachen Leute wiedergegeben."
Desbois hat seine eigene Methode der Befragung entwickelt. Er wertet nicht, er wirft keine Fragen nach Mitschuld auf. Er will nur möglichst genau rekonstruieren, was sich damals in jenem Dorf zugetragen hat. Wie in dem Gespräch mit der 90-jährigen Augenzeugin des Massakers Anna Chuprina. In ihrem Dorf wurden Ende Dezember 1941 mehrere zehntausend Juden erschossen. Zunächst wurden sie aber in Schweineställen eingepfercht ...
Desbois: "Mussten sich die Leute vor dem Erschießen ausziehen?"
Zeugin: "Die hatten eh fast nichts an, waren doch in Lumpen gekleidet! Alles an guter Kleidung wurde ihnen schon vorher von der Polizei vom Leib abgerissen. Und die Ringe wurden ihnen von den Fingern gezogen und Ohrringe aus den Ohren herausgerissen."
Desbois: "Haben die mit Maschinengewehren geschossen?"
Zeugin: "Ja. Sie stellten sie mit den Gesichtern zur Grube und schossen. Und die Armen, die wurden so gequält. Ihre Gesichter wurden zerschlagen und Blut floss. Es war so schrecklich anzusehen! Und die Kinder haben sie lebendig in die Grube geschmissen. (Weint.) Ich konnte das alles nicht mit ansehen, meine Füße waren vier Jahre danach gelähmt. (Weint.)"
Desbois: "Als ich die ersten Zeugen gehört hatte, musste ich oft abbrechen. Ich sagte: 'Wir hören jetzt auf. Es ist zu schrecklich. Wir hören auf'. Aber dann sagte ich mir, wenn Du diesem Gefühl nachgibst, dann wirst Du niemals die Wahrheit kennen. Es wäre ein nachträglicher Sieg für Hitler. Deswegen sagte ich mir, dass ich ruhig bleiben muss, bis zum Ende des Interviews, um das Verbrechen komplett zu rekonstruieren."
Im Juni 1941 sind Hitlers Truppen in die damalige Sowjetunion einmarschiert - kurz darauf begann das Massaker an den Juden. Hier war der Judenmord gewissermaßen noch "Handarbeit". Die Opfer wurden wie Vieh zusammengetrieben - und einzeln erschossen, nach der Regel ein Jude , eine Kugel.
Über 1200 Zeitzeugen dieser Erschießungen hat Desbois befragt - dadurch wurden 500 Massengräber in der Ukraine lokalisiert. Doch die Arbeit ist noch längst nicht zu Ende: Debois schätzt, dass allein in der Ukraine bis zu 1000 Massengräber noch nicht entdeckt sind. Sie haben keinen Gedenkstein – in der Sowjetunion war es verpönt, von den jüdischen Opfern zu sprechen. Aber auch von der übrigen Welt wurden die getöteten ukrainischen Juden vergessen.
Im Westen wird der Holocaust gewöhnlich mit Todeslagern assoziiert. Dabei waren solche Mordfabriken erst nach Massenerschießungen in der Sowjetunion entstanden. Weil sich die Nazis um ihre eigenen Leute sorgten, erklärt der Holocausthistoriker Andrej Angrick:
"Man wusste, wenn jemand ein halbes Jahr einem Mordkommando angehört hatte, war er psychisch so belastet, dass er drei Jahre später nicht den Verkehr in Berlin regeln konnte. Und darum hat man sich überlegt- was gibt es für eine Methode effizienter zu töten und möglichst wenig Personal dabei zu verwenden. Am Ende dieser Entwicklung steht nämlich Auschwitz, die Todesfabriken, wo in Schächten ZyklonB eingeworfen wurde."
Die Befragungen von Augenzeugen seien wie Puzzleteile, die für das Gesamtbild der Naziverbrechen in der Ukraine bis jetzt fehlten, erzählt der Historiker. Desbois schildert den Holocaust nicht aus Sicht der Täter oder der Opfer, sondern aus Sicht der Zuschauer. Diese einfachen Dorfbewohner sind heute immer noch fassungslos darüber, wie ein Mensch dem anderen so etwas antun kann. Desbois' wissenschaftlicher Mitarbeiter Andrej Umanskij :
"Oft erleben wir es, dass am Ende des Gesprächs diese Menschen uns sagen: Warum ist es passiert? Wir verstehen es nicht. Das waren Menschen genau wie wir. Was hat die Täter dazu gebracht, sie zu töten? Und ich muss sagen, dass es uns auch immer wieder in Schwierigkeiten bringt, diese Fragen genau zu beantworten. Aber dennoch man darf es nicht unbeantwortet lassen und da sollte man weitere Zeitzeugen befragen, damit wir auch für nachfolgenden Generationen etwas haben, damit sie sich auch mit dieser sehr komplizierten Frage auseinandersetzen."
Für Desbois heißt das - weiter nach den Gräbern suchen, weiter die Augenzeugen befragen und Gedenksteine aufzustellen.
"Solange die Zeugen noch leben und solange die Überreste der Millionen noch nicht würdig beigesetzt werden, solange muss man weiterarbeiten. Schon allein, um das Schweigen darüber zu brechen. Wie Gott sagte zu Kain: Hörst Du nicht, wie das Blut deines Bruders zum Himmel schreit? Und ich höre das. Und ich will nicht mehr schweigen. Man kann kein gemeinsames Europa und keine moderne Welt auf Schweigen aufbauen."
Und so wird auch in diesem Jahr der Minibus des französischen Priesters durch die Ukraine touren - auf der Suche nach noch lebenden Zeitzeugen und vergessenen Massengräbern.
Service:
Das Buch von Patrick Desbois, "Der vergessene Holocaust - Die Ermordung ukrainischer Juden", ist 2009 beim Berlin Verlag erschienen und kostet 22,90 Euro.
Nikolai Kristitsch: "Es kamen immer wieder schwarze Autos hierher zum Ghetto, Menschen wurden rausgeschmissen. Sie standen in der Schlange, mussten sich nackt ausziehen. Ich hab das alles selber gesehen! Der jüdische Priester... wie heißt er - Rabbi? Ja, Rabbi, er stieg als erster in die Grube, und die anderen folgten ihm. Und da sitzen drei Deutsche, mit Maschinengewehr, und schießen auf sie. Und neue Autos kommen, und neue Juden werden erschossen."
Der Klang der deutschen Maschinengewehre ist für den 77-jährigen Nikolai Kristitsch wieder präsent. Jetzt ist er wieder dieser neunjährige Junge, der die Vernichtungsaktion miterlebt. Mitten im Dorf, bei helllichtem Tage bringen die Deutschen die Juden um.
Desbois: "Die Historiker sind sich einig, dass auf dem ukrainischen Boden 1,5 bis 1,8 Millionen Juden ermordet wurden. Und die Leichen wurden einfach in Gruben verscharrt - hinter den Kirchen, hinter Marktplätzen, in den Wäldern."
Der französische Priester Patrick Desbois ist 55 Jahre alt. Die letzten sieben Jahre hat er zum größten Teil in der Ukraine verbracht, stets unterwegs, um "Augenzeugen zu finden und ihre Aussagen mit der Kamera festzuhalten".
Desbois: "Ich will diese Gräueltaten aufdecken. Ich forsche nach, wie die Juden ermordet und wo genau die Leichen verscharrt wurden. Ich möchte jene schrecklichen Geschehnisse genau rekonstruieren – ab dem Moment, als die Deutschen einmarschiert sind und Juden in Ghettos eingesperrt haben, und bis zu dem Moment, wo sie ermordet und verscharrt wurden. Ich will wissen, wie das vor sich ging."
Warum unternimmt der katholische Geistliche diese zwar verdienstvolle, aber auch sehr belastende Tätigkeit? Sein Großvater Claudius Desbois war nach einer missglückten Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager nach Osten in das Lager von Rawa-Ruska an der ukrainisch-polnischen Grenze deportiert worden. Dort wurde er Zeuge des Massenmordes an den ukrainischen Juden. Erst nach langem Zögern erzählte der Großvater dem kleinen Patrick von seinen Erlebnissen.
Desbois: "Mein Großvater, der sonst ein sehr fröhlicher Mensch war, hat erzählt, dass sie im Kriegsgefangenenlager schreckliche Zeiten erlebt hatten. Sie mussten Gras und Löwenzahn essen. Doch für die anderen sei es noch schlimmer gewesen."
Wen sein Großvater mit den "anderen" meinte und wie es diesen erging, wurde Patrick Desbois erst beim Geschichtsunterricht in der Schule klar. Später, schon als geweihter Priester, widmete sich Desbois der Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen. Schließlich reiste er auf den Spuren seines Großvaters nach Rawa-Ruska, um nach den Gräbern ermordeter Juden zu suchen.
Dort stieß Desbois zuerst auf offizielles Unwissen. Doch der Pater ließ nicht locker und reiste auf eigene Faust weiter durch die Westukraine. Und in nahezu jedem Dorf fand er Zeugen, die den Mord an den Juden selbst gesehen hatten. Damals Kinder oder Jugendliche, waren sie nicht nur Augenzeugen der Vernichtungsaktionen. Die Einsatzkommandos verpflichteten sie unter Mordandrohung als Helfer. Sie mussten Gruben für die Juden ausheben und später zuschütten, die Kleider der Ermordeten einsammeln, den Opfern die Goldzähne herausbrechen oder auf den Erschossenen mit den nackten Füßen herumtrampeln, damit mehr Tote in die Grube hineinpassten. Viele waren aber noch gar nicht tot. Oft erzählen diese Menschen zum ersten Mal nach über 60 Jahren ihre traumatischen Erlebnisse.
Desbois: "Erstaunlich ist, dass man diese Leute nie befragt hat. Es gibt Tausende alte Leute, die den Holocaust aus der Nähe gesehen haben, sich daran erinnern können und die Plätze der Massaker kennen. Und sie bestätigten mir alle, dass ich seit 1941 der Erste bin, der sie danach fragt, was sie genau gesehen haben. Und wahrscheinlich sprechen sie zum ersten und zum letzten Mal über diese Gräueltaten. Der Holocaust im Osten wird aus Sicht der einfachen Leute wiedergegeben."
Desbois hat seine eigene Methode der Befragung entwickelt. Er wertet nicht, er wirft keine Fragen nach Mitschuld auf. Er will nur möglichst genau rekonstruieren, was sich damals in jenem Dorf zugetragen hat. Wie in dem Gespräch mit der 90-jährigen Augenzeugin des Massakers Anna Chuprina. In ihrem Dorf wurden Ende Dezember 1941 mehrere zehntausend Juden erschossen. Zunächst wurden sie aber in Schweineställen eingepfercht ...
Desbois: "Mussten sich die Leute vor dem Erschießen ausziehen?"
Zeugin: "Die hatten eh fast nichts an, waren doch in Lumpen gekleidet! Alles an guter Kleidung wurde ihnen schon vorher von der Polizei vom Leib abgerissen. Und die Ringe wurden ihnen von den Fingern gezogen und Ohrringe aus den Ohren herausgerissen."
Desbois: "Haben die mit Maschinengewehren geschossen?"
Zeugin: "Ja. Sie stellten sie mit den Gesichtern zur Grube und schossen. Und die Armen, die wurden so gequält. Ihre Gesichter wurden zerschlagen und Blut floss. Es war so schrecklich anzusehen! Und die Kinder haben sie lebendig in die Grube geschmissen. (Weint.) Ich konnte das alles nicht mit ansehen, meine Füße waren vier Jahre danach gelähmt. (Weint.)"
Desbois: "Als ich die ersten Zeugen gehört hatte, musste ich oft abbrechen. Ich sagte: 'Wir hören jetzt auf. Es ist zu schrecklich. Wir hören auf'. Aber dann sagte ich mir, wenn Du diesem Gefühl nachgibst, dann wirst Du niemals die Wahrheit kennen. Es wäre ein nachträglicher Sieg für Hitler. Deswegen sagte ich mir, dass ich ruhig bleiben muss, bis zum Ende des Interviews, um das Verbrechen komplett zu rekonstruieren."
Im Juni 1941 sind Hitlers Truppen in die damalige Sowjetunion einmarschiert - kurz darauf begann das Massaker an den Juden. Hier war der Judenmord gewissermaßen noch "Handarbeit". Die Opfer wurden wie Vieh zusammengetrieben - und einzeln erschossen, nach der Regel ein Jude , eine Kugel.
Über 1200 Zeitzeugen dieser Erschießungen hat Desbois befragt - dadurch wurden 500 Massengräber in der Ukraine lokalisiert. Doch die Arbeit ist noch längst nicht zu Ende: Debois schätzt, dass allein in der Ukraine bis zu 1000 Massengräber noch nicht entdeckt sind. Sie haben keinen Gedenkstein – in der Sowjetunion war es verpönt, von den jüdischen Opfern zu sprechen. Aber auch von der übrigen Welt wurden die getöteten ukrainischen Juden vergessen.
Im Westen wird der Holocaust gewöhnlich mit Todeslagern assoziiert. Dabei waren solche Mordfabriken erst nach Massenerschießungen in der Sowjetunion entstanden. Weil sich die Nazis um ihre eigenen Leute sorgten, erklärt der Holocausthistoriker Andrej Angrick:
"Man wusste, wenn jemand ein halbes Jahr einem Mordkommando angehört hatte, war er psychisch so belastet, dass er drei Jahre später nicht den Verkehr in Berlin regeln konnte. Und darum hat man sich überlegt- was gibt es für eine Methode effizienter zu töten und möglichst wenig Personal dabei zu verwenden. Am Ende dieser Entwicklung steht nämlich Auschwitz, die Todesfabriken, wo in Schächten ZyklonB eingeworfen wurde."
Die Befragungen von Augenzeugen seien wie Puzzleteile, die für das Gesamtbild der Naziverbrechen in der Ukraine bis jetzt fehlten, erzählt der Historiker. Desbois schildert den Holocaust nicht aus Sicht der Täter oder der Opfer, sondern aus Sicht der Zuschauer. Diese einfachen Dorfbewohner sind heute immer noch fassungslos darüber, wie ein Mensch dem anderen so etwas antun kann. Desbois' wissenschaftlicher Mitarbeiter Andrej Umanskij :
"Oft erleben wir es, dass am Ende des Gesprächs diese Menschen uns sagen: Warum ist es passiert? Wir verstehen es nicht. Das waren Menschen genau wie wir. Was hat die Täter dazu gebracht, sie zu töten? Und ich muss sagen, dass es uns auch immer wieder in Schwierigkeiten bringt, diese Fragen genau zu beantworten. Aber dennoch man darf es nicht unbeantwortet lassen und da sollte man weitere Zeitzeugen befragen, damit wir auch für nachfolgenden Generationen etwas haben, damit sie sich auch mit dieser sehr komplizierten Frage auseinandersetzen."
Für Desbois heißt das - weiter nach den Gräbern suchen, weiter die Augenzeugen befragen und Gedenksteine aufzustellen.
"Solange die Zeugen noch leben und solange die Überreste der Millionen noch nicht würdig beigesetzt werden, solange muss man weiterarbeiten. Schon allein, um das Schweigen darüber zu brechen. Wie Gott sagte zu Kain: Hörst Du nicht, wie das Blut deines Bruders zum Himmel schreit? Und ich höre das. Und ich will nicht mehr schweigen. Man kann kein gemeinsames Europa und keine moderne Welt auf Schweigen aufbauen."
Und so wird auch in diesem Jahr der Minibus des französischen Priesters durch die Ukraine touren - auf der Suche nach noch lebenden Zeitzeugen und vergessenen Massengräbern.
Service:
Das Buch von Patrick Desbois, "Der vergessene Holocaust - Die Ermordung ukrainischer Juden", ist 2009 beim Berlin Verlag erschienen und kostet 22,90 Euro.
