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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.08.2013

"Ich habe dieses Leben, das mir gehört, immer verteidigt"

Der Schriftsteller Wolf Wondratschek feiert seinen 70. Geburtstag und hat noch einen unerfüllten Jugendtraum

Moderation: Susanne Burkhardt

Wolf Wondratschek bei einer Lesung in Köln (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Wolf Wondratschek bei einer Lesung in Köln (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

Die Klischees wie "Dichterdiva" oder "Rockpoet" nimmt Wolf Wondratschek gelassen hin: "Sollen sie selig werden mit ihren Dummheiten." Lieber spricht der Autor, der heute 70 Jahre alt wird, über seinen neuen Roman "Mittwoch", in dem ein Geldschein um die Welt reist.

Katrin Heise: Gedichte, Liedtexte, Drehbücher, Hörspiele, Romane – Wolf Wondratschek hat eine umfangreiche Bibliografie bisher. Seine Bücher haben Titel wie "Carmen oder Bin ich das Arschloch der 80er-Jahre", "Die Einsamkeit der Männer" oder "Früher begann der Tag mit einer Schusswunde" – so war sein Prosadebüt betitelt, geschrieben im Alter von 25 Jahren übrigens. Gerade ist der Episodenroman "Mittwoch" erschienen, fast rechtzeitig zum 70. Geburtstag, den Wolf Wondratschek heute nämlich feiert.

Meine Kollegin Susanne Burkhardt hat mit dem Dichter gesprochen und ihn allerdings nicht zum Schreiben, sondern zu einer anderen, eher weniger bekannten Leidenschaft befragt: zu seiner Liebe nämlich für den Tanz und für den eigenen Körper.

Wolf Wondratschek: Ich bewege mich gerne. Insofern habe ich als Schriftsteller einen für mich eigentlich untypischen Beruf. Ich würde gerne mit meinem Körper, mit Bewegung, mit meiner Muskulatur, mit dem Rhythmus des Körpers würde ich gerne mich ausdrücken und nicht nur, oder – jetzt ist es eben so, dass ich an der Schreibmaschine sitze, Kaffee trinke, Zigaretten rauche und Romane schreibe oder Gedichte. Aber das bewundere ich nach wie vor, Leute, die – Boxer – auch die nicht nur ihr Brot verdienen, sondern auch ihre Kunst ausüben, wie wir ja an großen Boxern kennen, dass es eine Boxkunst gibt. Das mit dem Körper.

Susanne Burghardt: Boxen, hat man mal gesagt, gehört zu Wolf Wondratschek, so wie die SPD zu Günter Grass. Sie haben ja selbst auch geboxt …

Wondratschek: Nein, nein. Ich habe sieben Jahre mit Freunden das Boxen gelernt. Wir haben nie einen Kampf gemacht. Wir waren alle schon über 30, alte Herren sozusagen für diesen Sport, aber sieben Jahre sind eine lange Zeit, zweimal wöchentlich Boxtraining. Und das Lernen, wie bewegt man sich, was ist das. Und dann haben wir auch Sparring gemacht, aber niemals Kampf.

"Verzauberung und Rätsel und Mysterien"

Burghardt: Allen Ginsberg hat mal gesagt "Poetry don't need pages", "Poesie braucht keine Seiten". Wer sind die Poeten in Ihrem Leben, Herr Wondratschek?

Wondratschek: Leute, die Sie nicht kennen, weil die sind keine Schriftsteller. Etwas Ähnliches hat mein verehrter Kollege und Freund H.C. Artmann gesagt: "Man kann ein Poet sein, ohne je ein Gedicht geschrieben zu haben." Verstehen Sie? Eine Figur sein, die Verzauberung und Rätsel und Mysterien in die Welt hineinträgt. Also ich habe auf meinen Reisen immer wieder Menschen getroffen, die Poeten waren, ohne je ein Gedicht geschrieben zu haben. Man kann sogar ein Poet sein, ohne je ein Gedicht gelesen zu haben.

Burghardt: Wenn Sie auf Ihr Werk zurückschauen, welche Ihrer Arbeiten ist es, wo Sie sagen, da habe ich der Welt, um diesen Begriff jetzt aufzugreifen, etwas hinzugefügt, was sie dringend nötig hatte?

Wondratschek: Ich würde nicht einmal ein einzelnes Werk nennen. Auffällig ist, dass die mir liebsten Bücher, wo mir, glaube ich, etwas literarisch gelungen ist, die am wenigsten erfolgreichen waren. Also, ich nenne beispielsweise den Erzählband "Die große Beleidigung". Das ist nicht so wirklich wahrgenommen worden, nicht wahr, aber demgegenüber ein sehr erfolgreiches Buch, was mir nicht so viel bedeutet, aber was mir auch geglückt scheint, aber eben nicht wirklich für so bedeutend halte, ist der Roman "Mara" über das Violoncello von Stradivari. Das ist so ein Longseller sogar, der verkauft sich nach wie vor sehr gut. Aber es ist wohl so, die Kinder, die still sind und etwas verträumt und nicht für jeden verständlich, die hat man am Ende wahrscheinlich am liebsten.

Burghardt: 2011 erschien Ihr Prosaband "Das Geschenk". Darin blickt ein alternder Schriftsteller auf sein junges, wildes Drogen- und Sexleben zurück oder sein Leben überhaupt, und es wird beschrieben, wie sich das Leben verändert durch Drogenentzug und durch die Geburt eines Sohnes Anfang der 90er-Jahre. Der Protagonist heißt Chuck, so wie die Kunstfigur in Ihrem Gedichtband aus den 70er-Jahren, "Chucks Zimmer". Damals ein Lyrikband 300.000-mal verkauft, ein echter Bestseller. Diese Vater-Sohn-Geschichte trägt natürlich einige Bezüge zu Ihrem eigenen Leben, auch Ihr Lebensentwurf eines unabhängigen Schriftstellers wurde durchkreuzt durch ein Kind, eine Neugeburt auch für den Vater, heißt es in "Das Geschenk". Mit dem Titel ist der Sohn gemeint – "Das Geschenk"?

Wondratschek: Ja.

Burghardt: Für jemanden, der keine eigenen Kinder hat, ist es wahrscheinlich extrem schwer nachzuvollziehen, wie viel so ein eigenes Kind das Leben verändert, außer dass man sich jetzt nicht mehr einfach aus dem Leben nehmen kann, weil man Verantwortung trägt. Was noch ändert die Geburt eines solchen Kindes?

Wondratschek: Sie begreifen, was Liebe ist.

Burghardt: Weil man das erste Mal unmittelbar, uneingeschränkt liebt, ein solches Kind?

Wondratschek: Ja. Ganz anders. Das ist eine andere Qualität, darüber kann man nicht theoretisieren. Das hat nichts mit der Liebe zu einer Frau oder der Liebe zu einem Mann, zu einem Lebenspartner oder was auch immer zu tun. Die schöne Pointe dieses Buches ist die, dass zum gleichen Zeitpunkt zwei Menschen neu zur Welt kommen. Der Drogensüchtige Chuck ist clean, er kommt ein zweites Mal zur Welt, und zum ersten Mal kommt sein Sohn zur Welt. Das heißt, zwei neue Menschen begegnen einander, Vater und Sohn.

"Das hört nie auf - 'der Hurendichter'"

Burghardt: Dieses Buch wurde von den Medien dann als Meisterwerk gefeiert. Hat es Sie geärgert, dass danach viele, die immer den Wolf Wondratschek als Kotzbrocken, als Rüpel, als Frauenfeind et cetera beschrieben haben, dass die dann gesagt haben, ach Mensch, jetzt guck doch mal, da in dem ist ja auch ein ganz weicher Kern, der kann ja auch eigentlich lieben und kann ja auch ganz anders. Hat Sie das geärgert?

Wondratschek: Überhaupt nicht. Das wurde langsam Zeit, dass man von diesen Schubladen, in die man mich unentwegt steckt, aber immer noch steckt – das hört ja nicht auf. Jetzt, der neue Roman, es geht gleich wieder los: "der Literaturmacho, die deutsche Dichterdiva". Und dann geht es: "der Rockpoet" – das hört nie auf – "der Hurendichter". Da kann man machen, was man will. Sollen sie selig werden mit ihren Dummheiten.

Burghardt: Na ja, es gab aber auch schon begeisterte Stimmen zu Ihrem neuen Roman "Mittwoch". Da heißt es zum Beispiel, das Buch sei von einem großen Menschenfreund geschrieben und es mute fast religiös an. Die Geschichte: Ein 100-Euro-Schein wandert auf 240 Seiten durch diesen Roman, durch einen Tag. Das ist eine Grundkonstellation, die ganz unterschiedliche Geschichten verbindet. Denn dieser Geldschein wandert von Person zu Person. Auf wen trifft er denn dort?

Wondratschek: Der Roman spielt an einem Mittwoch von acht bis 18 Uhr. Und das ist eine Weltreise, wie sich herausstellt, obwohl er eigentlich nur in einer Stadt wandert. Und die Milieus, die Menschen in diesen Milieus, die Schicksale dieser Menschen, wir sind in Russland, fast in Sibirien, wir sind im Hollywood der 40er-Jahre, wir sind in der mexikanischen Wüste, wir sind in Los Angeles. Wir sind in Malta, wir sind aber auch in einem Tabakladen, wir sind in einem Friseurladen, wir sind in einem Bordell. Immer wieder wandert dieser Hundert-Euro-Schein zu einer anderen Person und damit geht immer wieder ein neuer Vorhang auf, es beginnen neue Geschichten. Das hat Spaß gemacht, das zu schreiben.

Burghardt: ... sagt Wolf Wondratschek im Gespräch im Deutschlandradio Kultur. Heute wird der Schriftsteller, Lyriker, Dichter 70 Jahre alt. Sie haben einmal gesagt vor zwei Jahren: Ich bin nicht so, wie klischeehaft gesagt wird. Ich gehe schon lange nicht mehr mit Hölderlin unterm Arm in den Puff. Ich wollte nie berühmt werden, ich wollte nur ein Leben führen, das mir gehört. Leben Sie heute ein Leben, das Ihnen gehört?

"Alle tun so, als würden sie mich kennen"

Wondratschek: Ich habe eigentlich dieses Leben, das mir gehört, immer verteidigt. Und das ist mir, glaube ich, auch gelungen, nicht. Es gibt diesen schönen Satz von Robert Walser: "Niemand soll sich mir gegenüber so benehmen, als würde er mich kennen." Ich mache die Erfahrung, dass, seit ich mit meinen ersten Büchern in die Öffentlichkeit gekommen bin, alle so tun, als würden sie mich kennen, als hätten sie mir was zu erzählen. Oh nein – wenn Sie meine Gedichte lesen, dann sehen Sie einen völlig anderen Wondratschek als den, den die Öffentlichkeit unentwegt selbst produziert, weil – gut, vielleicht kann man mit mir das besser machen als mit irgendwelchen literarischen Langweilern, also ich bin sicher nicht unschuldig daran. Aber mein Gott, lest doch einfach das, was ich geschrieben habe, und seid damit zufrieden.

Burghardt: In einem Ihrer Texte heißt es: "Wenigstens die alte Welt weiß noch, was sich gehört. Ich habe drei Freunde: Kaffee, Zigaretten, eine Schreibmaschine. Und ich stelle das Gesetz dieser Freundschaft über jedes andere Gesetz." Herr Wondratschek, wie lebt es sich als Raucher in einer restriktiven Verbotswelt? Das muss doch ganz befremdend auf Sie wirken. Sie beschreiben ja auch – also die Interviews, die Sie führen, meistens in Hotellobbys, die eben noch Rauchen erlauben, wie zum Beispiel das "Imperial" in Wien. Ich weiß gar nicht, ob das inzwischen auch schon verboten ist.

Wondratschek: Ich sage Ihnen die schlechte Nachricht, es ist inzwischen auch verboten. Gut, ich bin jetzt in einem Alter, wo man eben dann zu Hause bleibt. Also, es ist ein Unding, nachts um elf in eine Bar zu gehen, einen Whisky zu bestellen und keine Zigarette da rauchen zu dürfen. Das ist ein Unding. Das ist ein Kulturverlust ohne Ende. Und ich habe ja meine Antworten in meinem neuen Roman gegeben.

Burghardt: In einem Fragebogen haben Sie vor 30 Jahren, da waren Sie knapp 40, auf die Frage geantwortet, welche Eigenschaften Sie an einem Mann besonders schätzen, haben Sie gesagt, dass er eine Frau befriedigen kann. Ist das heute immer noch so das, was Ihnen als erstes einfällt?

Wondratschek: Na ach, als erstes … Aber man kann viele andere Antworten geben. Diese Antwort stimmt immer noch, ja. In einem Gedicht habe ich geschrieben, das Schicksal von Liebenden entscheidet sich im Bett. Und wer das bestreitet, lügt.

Burghardt: Herr Wondratschek, gibt es noch einen Zukunftstraum? Vielleicht immer noch Vorleser werden bei einer blinden russischen Großfürstin?

Wondratschek: Ja, schön – wenn es sich ergibt, mach ich das. Das ist eigentlich mein Jugendtraum, und der hat sich noch nicht so ganz erfüllt. Es ist einer der wenigen Jugendträume, die sich noch nicht ganz erfüllt haben. Ja, falls jetzt eine blinde russische Großfürstin zuhört, ich stehe zur Verfügung. Wo immer sie ihr Schloss hat, ich komme.

Heise: Wolf Wondratschek zu seinen Zukunftsträumen. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag. Sie hörten ein Gespräch, dass Susanne Burkhardt mit ihm geführt hat. Sein aktueller Roman heißt "Mittwoch" und ist gerade im Verlag Jung und Jung erschienen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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