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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.01.2015

"Ibsen: Gespenster" in ZürichSterben in Würde

Von Roger Cahn

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Eine junge Hand hält eine alte Hand (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Bei "Ibsen: Gespenster" in Zürich geht es ums Sterben, Sterben wollen und Sterbehilfe. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Mit dem heiklen Thema Sterbehilfe befasst sich die Theatergruppe Markus&Markus im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich. Pate steht dafür Ibsens Drama "Gespenster". Ins Zentrum des Abends rückt eine real Betroffene - die zum Zeitpunkt der Aufführung bereits tot ist.

Wer sich eine Neu-Inszenierung des Ibsen-Klassikers mit Aktualitätsanspruch erwartet, sitzt hier im falschen Film. Das Stück "Gespenster" steht rein ideell und thematisch Pate. Wenn der schwerkranke Osvald am Ende seine Mutter bittet, ihm beim Sterben zu helfen, nehme Markus&Markus dies als Ausgangspunkt für eine sensitive Auseinandersetzung mit einem Tabu-Thema.

Weil sie kein konventionelles Theater machen wollen, wird die zentrale Figur nicht von einem Schauspieler dargestellt, sondern von einer "Direkt-Betroffenen" – einer Frau, die sich entschieden hat, am 1. Mai 2014 zu sterben. Wenn Margot erstmals im Video erscheint, ist sie bereits tot.

Dank Unterstützung einer Sterbehilfe-Organisation haben Markus&Markus die 80-jährige Margot gefunden. Einen Monat lang begleiten sie die Frau persönlich und filmisch praktisch auf Schritt und Tritt. Bei den Rückblenden auf ihr schweres Leben, beim Ostern feiern, aber auch beim Sterben selbst ist das Publikum quasi live dabei.

In den heiklen Momenten kommt die Kunst zu Hilfe

Das könnte leicht zu Larmoyanz, zu irritierender Betroffenheit verleiten. Tut es aber nicht. In den heiklen Momenten kommt immer wieder effizient und effektvoll die Kunst zu Hilfe. Besonders deutlich am Ende des 90-Minuten-Abends. Margot ist gestorben. Markus&Markus blenden sogleich zurück und spielen ihr eine Szene vor, die sie in ihrem Leben nicht am TV genießen konnte: ein stilisierter Pas-de-Deux aus "Giselle". Und dazu geht - wie bei Ibsen - die Sonne auf. Man verlässt nicht bedrückt und zutiefst betroffen das Theater, sondern zum Denken angeregt.

So einfühlsam wie das Ende ist auch der Anfang. Große Sterbeszenen aus Oper und Literatur: Liebestod ("Tristan und Isolde"), Selbstmord aus Verzweiflung ("Werther") und Selbstmord als einziger Ausweg ("Tosca") beweisen, dass in der Kunst dieses "Tabu-Thema" längst zum gängigen Repertoire zählt.

Fazit: Wer sich dieser schwierigen Thematik nicht entzieht, sollte unbedingt hingehen.

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