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Echtzeit | Beitrag vom 15.12.2018

Ibrahim Arslan Wie ein Betroffener rechter Gewalt anderen Opfern helfen will

Ibrahim Arslan im Gespräch mit Katja Bigalke

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Ibrahim Arslan, Enkel des Möllner Opfers von 1992 Barhide Arslan, auf einer Pressekonferenz zur Terrorzelle NSU in Berlin im November 2012 (dpa/Hannibal Hanschke)
Ibrahim Arslan, Überlebender des Brandanschlags von Mölln, möchte die Opfer von rechter Gewalt ins öffentliche Bewusstsein bringen. (dpa/Hannibal Hanschke)

Er ist ein Überlebender des Brandanschlags von Mölln: Ibrahim Arslan. Und er kämpft dafür, dass die Perspektive von Opfern rechter Gewalt Teil der offiziellen Geschichtserzählung in Deutschland wird. Rein ehrenamtlich, doch auch das möchte er ändern.

Ibrahim Arslan ist Überlebender des Brandanschlags von Mölln, bei dem 1992 drei Mitglieder seiner Familie ums Leben kamen: seine 10-jährige Schwester Yeliz Arslan und seine 51-jährige Großmutter Bahide Arslan sowie die 14-jährige Cousine Ayse Yilmaz. Ibrahim Arslan war damals sieben, er überlebte in ein nasses Bettlaken gehüllt.

Dass Ibrahim Arslan im Gespräch häufiger hustet, hat mit dem Brandanschlag zu tun. "Ich huste, weil ich eine posttraumatische Belastungsstörung habe, durch den Anschlag erlitten", sagt er. "Ich kann das nicht kontrollieren und es ist eine Behinderung – und dafür habe ich auch gekämpft, dass das als eine Behinderung anerkannt wird."

Es hilft ihm allerdings, über seine Erfahrungen zu sprechen. "Es ist ein Phänomen, das auch bei Holocaust-Überlebenden aufgetreten ist. Wenn wir unsere Geschichten erzählen, dann verlieren wir unsere Symptome. Weil es unsere größte Sehnsucht ist, unsere Geschichten zu erzählen."

Die Opferperspektive komme zu kurz

Seit etwa zehn Jahren kämpft er neben seiner Arbeit bei einem Hamburger Bezirksamt dafür, dass seine Geschichte, die Geschichte von Migranten, die von Opfern rechter Gewalt, teil der offiziellen Erzählung wird. Ibrahim Arslan hat das – rein ehrenamtlich auf die Beine gestellte – NSU-Tribunal mitorganisiert, das 2017 in Köln stattfand und 2018 in Mannheim.

Er geht außerdem als Zeitzeuge in Schulen, um dort Bildungsarbeit zu machen. "Meine Forderung an die Politik ist, dass diese Zeitzeugen-Arbeit in das Bildungssystem des deutschen Staates eingepflegt werden müsste, weil es dazugehört, wenn man sich die Täterperspektive anschaut, dass man auch die Opfer anhört." Die Opferperspektive komme meistens zu kurz.

Forderung nach mehr Wertschätzung

Und er kämpft auch dafür, dass es eine offizielle Beratungsstelle geben wird, auf der Betroffene anderen Opfern bei der Bewältigung von Trauer und Trauma helfen. Diese Arbeit werde bislang nur darin ausgebildeten Experten zugestanden. Die reine Lebenserfahrung von Opfern und Betroffenen, die reiche nicht aus, um in diesem Bereich zu arbeiten.

Dabei könne so auch ein positives Zeichen gegenüber den Opfern rechter Gewalt gesetzt werden. "Um zu sagen: 'Ihr seid für unsere Gesellschaft sehr wichtig, eure Geschichten sind sehr wichtig, wir dürfen damit nicht abschließen, wir dürfen das nicht vergessen.'"

Seine Geschichte ist die eines informellen Engagements für eine Form von nicht institutionalisiertem Gedenken, Aufklären, Opfer beraten. Bislang passiert seine Arbeit "nebenher", doch das Ziel ist es, formeller, offizieller, anerkannter zu werden.

(cwu)

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